YouTube Shorts – 100 Millionen $ für 60 Sekunden Handyvideos

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Collage Vertikalvideo ©rww

 

In Reaktion auf die Popularität von Tiktok entwickelte YouTube als neues Format die YouTube Shorts. Wie bei der Konkurrenz sind dies vertikale Videos mit einer Laufzeit von maximal 60 Sekunden, die mithilfe einer App auf dem Mobiltelefon entstehen. Ähnlich wie Tiktok verfügt die App über verschiedene Bearbeitungsmöglichkeiten und Effekte.

 

Die Anwendung wurde zunächst in Indien – unter vorteilhaften Bedingungen, da dort Tiktok verboten ist – und dann in den USA geteset. Mitte Juli 2021 wurde “Shorts” in 26 Ländern eingeführt, darunter auch Deutschland. Weitere 100 Ländern sollen folgen. Bislang ist “Shorts” offenbar erfolgreich.

 

Gegenüber der Konkurrenz ist der Erfinder der Monetarisierung von ‘user-generated content’ nicht zuletzt wegen der überlegenen Algorithmen von Google im Vorteil. Auf der Grundlage ausgefeilter Datenanalysen können die Videos blitzschnell und automatisch mit anderen Inhalten, seien es Filme, Musik, Fotos oder Text, auf der Plattform verknüpft werden. Was den NutzerInnen, den sogenannten Creatives als Vorteil angepriesen wird, ist für das Unternehmen eine zusätzliche Geldmaschine auf dem Werbemarkt. Laut dem letzten Quartalsbericht des Mutterkonzerns Alphabet verzeichnet “Shorts” inzwischen 6,5 Milliarden Aufrufe pro Jahr. Die YouTube-Umsätze stiegen im letzten Quartal um 84% auf sieben Milliarden Dollar. Damit macht die Plattform fast so viel Umsatz wie Netflix.

 

 

Seit YouTube zu Google gehört, hat das Unternehmen immer wieder Initiativen ergriffen, die Qualität des Angebots zu heben, um das eigene Image aufzubessern. Manche dieser Initiativen sind versandet oder waren eher erfolglos. Nun geht YouTube erneut in die Offensive und buhlt um professionellere FilmemacherInnen, genauer gesagt um sogenannte Creators. Anfang des Jahres stellte das Unternehmen einen “Shorts Fund” vor. Im Google-Neusprech heißt das: »Der YouTube Shorts Fund ist ein Fonds in Höhe von 100 Millionen $ zur Belohnung von Creatorn, die die YouTube-Community mit kreativen, originellen Kurzvideos begeistern«[1]

 

Der Fonds richtet sich speziell an die Hersteller von einmütigen YouTube Shorts. Es gibt aber keine offene Ausschreibung. Vielmehr wählt und kontaktiert YouTube selbst die Creator, die für eine Bewilligung in Frage kommen. Die “berechtigten Creators” haben dann die Möglichkeit monatliche Bonuszahlungen zwischen 100 und 10.000 $ zu erhalten. Ausschlaggebend für die Höhe der Zahlung ist das sogenannte Leistungsniveau. Wie dieses genau berechnet wird, darüber schweigt sich das Unternehmen aus. Klar ist nur, dass es sich um eine Bewertung nach Reichweite und Engagement-Zahlen handelt, also letztlich um die Attraktivität für Werbekunden handelt. Um in den Genuss der Belohnung zu kommen, müssen die Creator ein Google AdSense-Konto eröffnen.

 

Neben dieser Voraussetzung und der Bedingung, die neue Shorts-Format-App zu nutzen, müssen die Videos exklusiver ‘original content’ sein. Was nach Kurzfilmförderung klingt, ist eigentlich eine Investition des Unternehmens, um sich risikolos an der Produktion exklusiver Inhalte zu beteiligen.

 

Wie das Shorts-Format ist auch der Shorts Fund kein Alleinstellungsmerkmal von YouTube. Das chinesische Unternehmen ByteDance hat den 200 Millionen US-Dollar schweren TikTok Creator Fund ins Leben gerufen und auch Facebook hat im Juli angekündigt 1 Milliarde Dollar in ‘Creators’ zu investieren[2]. Damit nähern sich die Geschäftsmodelle von Streamingdiensten für ‘user-generated’ Inhalte und VoD-Plattformen weiter an.

 

Deutschland gehört übrigens noch nicht zu den zehn Ländern[3], deren Creator teilnehmen können. Wir arbeiten daran, die Teilnahme in Zukunft Creatorn aus weiteren Ländern/Regionen zu ermöglichen, heißt es auf der deutschen YouTube-Shorts-Seite.

 

Trivia: Zu den ‘early adopters’ des neuen Formats gehört die Bundeszentrale für politische Bildung. Zur Bundestagswahl im September engagierte die Bildungseinrichtung den Creator Marvin Neumann für die Shorts “Was wollen die Parteien – in 60 Sekungen” (Produktion: objektiv media GmbH).

 

Siehe auch: https://blog.youtube/news-and-events/introducing-youtube-shorts-fund/

und zu diesem Thema bei uns: Content-Qualität im Web 2.0 – Werbewirtschaft stellt Videohoster vor schwierige Fragen  (8.9.2008) und Videoplattformen buhlen mit Millionen Dollar um Filmemacher (4.12.2016)

 

[1] https://support.google.com/youtube/answer/10923658

[2] https://about.fb.com/news/2021/07/investing-1-billion-dollars-in-creators/

[3] Brasilien, Japan, Russland, Vereinigtes Königreich, Indien, Mexiko, Südafrika, USA, Indonesien, Nigeria