Withoutabox wird geschlossen – Abwicklung bis 2019

Report

Withoutabox Schema – Patentanmeldung US6829612

Ende Oktober gab die Filmeinreichplattform Withoutabox bekannt, dass der Betrieb bis zum 30. Oktober 2019 eingestellt wird. Bis dahin sollen alle Verpflichtungen gegenüber FilmemacherInnen und Festivals abgewickelt sein. Der Zeitpunkt der Schließung korrespondiert mit dem Ablauf eines Patents, das Withoutabox in den USA bislang eine Monopolstellung garantierte.

 

Withoutabox hat eine fast zwanzigjährige Geschichte mit vielen Hochs und Tiefs. Der Start glich einer Revolution. Im Sommer 2000 trat Without A Box Inc. unter dem Slogan “One Form – Once!” mit einer papierlosen Online-Filmregistrierung an die Öffentlichkeit. Was heute selbstverständlich erscheint, war damals ein großer innovativer Schritt: Zum ersten Mal wurde es FilmemacherInnen ermöglicht ihre Filme papierlos nach dem Ausfüllen eines einzigen Formulars per Knopfdruck bei mehreren Filmfestivals anzumelden. Bis dahin mussten Anmeldeformulare von Festivals angefordert werden, die dann handschriftlich oder mit der Schreibmaschine ausgefüllt und per Post oder Fax an jedes einzelne Festival geschickt wurden.

 

Umgekehrt konnten sich Festivals mit großer Reichweite auf der Plattform vorstellen und Einreichungen online abrufen oder die gesamte Kommunikation in ihr eigenes EDV-System integrieren. Die Sichtungskopien mussten damals allerdings noch physisch verschickt werden (VHS-Kassetten, später DVDs).

 

Die Gebührenstruktur der Plattform bevorzugte in den Anfangsjahren eindeutig die FilmherstellerInnen. Kein Wunder, denn die Gründer waren selbst Filmemacher: Joe Neulight und David Straus, waren damals mit ihren Kurzfilm “god@heaven” international auf Festivals bekannt geworden. Ihr filmemacherfreundliches Projekt war sofort erfolgreich. Bereits zwei Jahre nach der Gründung hatte Withoutabox 13.000 FilmemacherInnen als Mitglieder und 120 Festivals, darunter das Sundance Festival, als Kunden gewonnen.

 

In den Jahren danach wuchs Withoutabox (WAB) stetig und dehnte sich nach Europa aus. Bald wurde das inhabergeführte Geschäft aber für die, nach der Dotcom-Blase neu prosperierenden, Konzerne der ‘New Economy’ interessant.

 

Im Januar 2008 kaufte die Internet Movie Database (IMDb), eine Tochter von Amazon, Withoutabox für einen nicht veröffentlichten, aber vermutlich sehr hohen Betrag. In der Folge wurden die Dienste von IMDb und WAB integriert und verschiedene technische Neuerungen, wie Streaming Videos, erprobt. Gleichzeitig wurden die Gebühren deutlich erhöht und die Preisstruktur zugunsten von Festivals, die exklusive Verträge abschlossen, verändert. Die hohen Gebühren und vergleichsweise nutzerunfreundlichen Interfaces verprellten immer mehr FilmemacherInnen, ebenso wie Festivals, die sich vom Monopolisten nicht knebeln lassen wollten. Im Jahr 2012, als die technische Weiterentwicklung stagnierte und die Leistungen weit hinter dem Möglichen zurückblieben, akkumulierte sich in der Filmszene so viel Zorn, dass es weltweite Kampagnen gab, die zum Boykott aufriefen.

 

Amazon nutzte ein im Jahr 2004 noch von Without A Box Inc. beantragtes und bewilligtes US Patent, das WAB eine Monopolstellung in den USA verschuf, um Druck auszuüben. Konkurriende Initiativen wurden damit erstickt und Festivals, die nicht mitspielen wollten, wurde einerseits gedroht und andererseits mit profitablen Verträge belohnt. Laut Indiewire erhalten heute manche Festivals mehr als $ 100.000 jährliche Zahlungen aus Erlösen – letztlich auf Kosten der FilmemacherInnen.

 

Erst 2014 wurde die Monopolstellung gebrochen, als jenseits der Grenze, in Ontario, vier Kanadier das Start-up Unternehmen FilmFreeway gründeten und sich aggressiv als die technisch bessere, freundlichere und preiswertere Alternative zu WAB anboten. In nur wenigen Jahren hatte FilmFreeway das seitdem wie gelähmt wirkende Flaggschiff WAB überholt. Dieses Jahr kann man sich mit FilmFreeway bei etwa 7.000 Festivals anmelden, während Withoutabox bei knapp über 1.000 Festivals stagnierte.

 

Im Jahr 2021 läuft das Patent US6829612 ab, und es ist wohl völlig illusorisch, dass es verlängert werden könnte. Warum es damals bewilligt wurde, ist ohnehin kaum zu verstehen, da nur die Anwendung für den Sektor Festivalanmeldungen neu war, nicht jedoch deren Grundlagen, also die Verknüpfung von Datenbanken und deren Online-Verwaltung.

 

Vor diesem Hintergrund ist es nur verständlich, dass Amazon jetzt die Reißleine zieht, und sich von WAB verabschiedet. Wohl kaum jemand wird der Schließung eine Träne nachweinen, doch einen Wermutstropfen gibt es: WAB war zuletzt vergleichsweise ein Hort seriöser Festivals, während sich auf dem neuen nordamerikanischen Monopolisten FilmFreeway inzwischen viel zu viele Festivals tummeln, deren Kerngeschäft nicht das Zeigen von Filmen, sondern die Akquise von Einreichgebühren ist. Aber es besteht auch Hoffnung, insofern das Ende der Patentperiode endlich auch für andere Initiativen den Weg freimacht, die sich an der ursprünglichen, guten Idee der Gründer orientieren.

 

 

»We do not encourage film festivals to make us their only way to accept submissions. The ones that are choosing to do so are doing it becuase they realize it makes their life easier as well. The reason we are not encourging them to do it is because filmmakers want choice and we want to be their advocates for choice.« (Zitat aus Interview Reinhard W. Wolf mit David Straus und Joe Neulight, 25.11.2002)

 

Zuvor auf shortfilm.de erschienener Artikel über Withoutabox com 11.12.2002
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