Das Worldwide Shortfilm Festival Toronto 2008 (11/08)

Report

Das Worldwide Shortfilm Festival Toronto 2008 oder Wie ich versuchte, in Toronto meinen Film zu verkaufen

Das Worldwide Shortfilm Festival fand im Juni 2008 zum 14. Mal in Toronto statt. In 12 Wettbewerbs- und verschiedenen Nebenprogrammen wurden insgesamt 268 Filme aus 31 Ländern präsentiert. Die Nebenprogramme widmeten sich u. a. den Themenschwerpunkten Animationsfilme aus Japan, VIP-Shorts, sowie Kurzfilme aus Europa.

 

Mein Film “Wie ich ein freier Reisebegleiter wurde” wurde im Programm “The Neu Europe” in einem Multiplexkino in Downtown Toronto gezeigt. Im Publikum saßen scheinbar viele Einheimische, die überraschend viele Fragen stellten. Da ich der einzige anwesende Filmemacher in diesem Programmblock war, ging es vor allem um meinen Streifen und um die Bedingungen für Kurzfilme in Deutschland.

 

Das Festival wendet sich neben dem örtlichen Publikum auch sehr stark an Einkäufer wie Weltvertriebe, Verleiher, Kurzfilmsender usw. Diesen Schwerpunkt bemerkt man als Teilnehmer des Festivals nicht nur an dem zum Festival gehörigen Filmmarkt, welcher der größte Markt für Kurzfilme in Nordamerika sein soll, sondern auch an den täglich stattfindenden Empfängen und Feiern. Zum Beispiel findet gleich neben dem Festivalzentrum täglich die Movieola Happy Hour statt, bei der sich die Festivalveranstalter, Einkäufer, Filmemacher und andere Festivalgäste zu lockeren Gesprächen treffen. Der Veranstalter dieser Happyhour ist der in Toronto ansässige Fernsehsender Movieola, der sein Programm ausschließlich aus Kurzfilmen bestreitet.
Das Konzept von Movieola, in Zeiten von überfüllten Terminkalendern und schrumpfenden Aufmerksamkeitsspannen einen Fernsehsender zu betreiben, der explizit nur Kurzfilme zeigt, hat natürlich sofort mein Interesse geweckt, weshalb ich dem Sitz des Senders in Toronto sogar einen Besuch abgestattet und dabei vom Programmchef Shane Smith erfahren habe, dass Movieola 2002 als weltweit erster Fernsehsender, der nur Kurzfilme ausstrahlt, in Kanada auf Sendung ging. Mit der Idee, für den Kurzfilm das zu werden, was MTV für Musik ist. Shane sagte mir in einem persönlichen Gespräch, dass er bei der Programmauswahl für Movieola vor allem darauf achtet, ob die Filme eine gute Idee haben, ob sie eine gute Geschichte erzählen. Die Filme müssten nicht geleckt aussehen, so als hätten sie ein Millionen Dollar Budget und wären auf 35mm oder HD gefilmt. Bei Movieola könne man über Bildqualität, die nicht ganz auf der Höhe ist, durchaus hinwegsehen. Was man als Programmdirektor aber nicht akzeptieren könnte, wäre schlechter Ton und schlechte Schauspielführung. Die meisten Filme, die auf dem Sender ausgestrahlt werden, seien 5 bis 20 Minuten lang. Das wäre auch die bevorzugte Länge: 20 Minuten oder weniger. Ausgestrahlt würden Filme der unterschiedlichsten Genres und aus den verschiedensten Ländern der ganzen Welt. Die meisten Filme kämen aus den Vereinigten Staaten und Kanada gefolgt von Großbritanien, Deutschland und Frankreich.

 

Nachdem Shane mir all diese Informationen über den Kurzfilmkanal mitgeteilt hatte, dachte ich, dass mein Film vielleicht auch ganz gut in das Programm passen könnte. Bevor ich Shane den Film aber direkt anbot, wollte ich noch erfahren, wer sich das Programm von Movieola so ansieht, und wo man Movieola überhaupt empfangen kann. Nicht ohne Stolz erklärte mir Shane daraufhin, dass Movieola in ganz Kanada ausgestrahlt würde, sowie auf Handys zu empfangen sei und im Internet. Und außerdem sei er über den Wolken zu sehen, denn Air Canada habe ihn in ihrem Bordprogramm. Insgesamt hätten ungefähr eine Millionen Haushalte in Kanada Movieola im Programm. Die meisten würden den Sender entdecken, weil sie ihn als Teil eines Programmbündels mit Spielfilmsendern kaufen. Wenn sie so auf diesen Sender stoßen, sei es dann meist Liebe auf den ersten Blick. Shane wisse das, weil ihm die Frischverliebten in e-mails davon berichten, dass sie zuvor gar nicht gewusst hätten, welch hohe Qualität in den Kurzfilmen aus aller Welt stecken würden. Die meisten Menschen denken bei Kurzfilm eher an den schlecht gemachten Quatsch, den sie von you-tube kennen.

 

Doch Ausstrahlungsrechte für Filme kauft Shane selten selbst. Lieber lässt er die aufwendigen Verträge von einer professionellen Filmvertriebsfirma regeln.
Als ich ihm also meinen Film zum Kauf anbot, schickte er mich zu Ouatmedia. Ouatmedia ist ein Filmvertrieb, bei dem es sich um eine Schwesterfirma von Movieola handelt. Beide haben den Sitz im gleichen Gebäude. Deshalb konnte mir Shane problemlos die Ouatmedia Mitarbeiterin Stephanie Despierres vorstellen, die mir erklärt, dass man bei Ouatmedia in verschiedenen Abteilungen arbeitet. In der Akquiseabteilung würde man den ganzen Tag Filme sichten. Und wenn man dabei einen Streifen entdecken würde, für den man einen Markt sieht, dann würde man mit dem Filmemacher einen etwa 10-seitigen Vertrag aushandeln, was oft mit viel Aufklärungsarbeit verbunden sei, um Ängste und Fehleinschätzungen der Filmemacher zu überwinden. Wenn man sich dann geeinigt und der Filmemacher einen Vertrag unterzeichnet hätte, dann würde die Verkaufsabteilung anfangen, über einen Zeitraum von 4 Jahren mit dem Film zu arbeiten, sprich ihn möglichst häufig zu verkaufen.

 

Als ich von Stephanie dann endlich wissen wollte, ob sie bereit wäre, vier Jahre an meinem Film zu arbeiten, und ihn in den Ouatmediavertrieb aufzunehmen, musste sie ihn sich natürlich erst einmal ansehen. Für den Abend hatte sie mich zu einer Grillparty für Filmeinkäufer eingeladen. Hier sollte ich dann erfahren, ob sie mir einen von den 10-seitigen Verträgen für meinen Film unterbreitet.
An dieser Stelle muss ich vielleicht anmerken, dass es sich bei meinem Film um einen 15 Minuten langen, am ehesten als experimentell zu bezeichnenden Dokumentarfilm handelt.

 

Beim Showdown im Abendlicht auf der Grillparty habe ich von Stephanie dann erfahren, dass sie meinen Film nicht unter Vertrag nehmen möchte, obwohl er ihr gut gefallen habe. Sie könne es nicht, weil mein Film zum Teil auf dem Frankfurter Flughafen gedreht wurde, ohne dass ich eine Drehgenehmigung gehabt hätte. Sie könne deshalb vor allem in Nordamerika rechtliche Probleme bekommen. Ein weiterer Grund gegen meinen Film sei, dass ich im Kommentar eine Textzeile von Mia nachsinge. Auch dafür müsse ich eine Rechtefreistellungserklärung vorlegen.

 

Da ich ja nur mal so nachgefragt hatte, ob ich meinen Film womöglich an Movieola verkaufen könnte, und da dieses Geschäft aber zum Glück nicht der eigentliche Grund meiner Reise war, habe ich die Absage runtergeschluckt und mich sowohl auf der Grillparty als auch auf den anderen Veranstaltungen des Festivals hervorragend amüsiert. Dazu gehörte auch ein vom Festival organisierter Ausflug zu den Niagara Falls. Bei dem habe ich erfahren, dass diese über Nacht abgeschaltet werden. Angeblich wird das Wasser nachts für ein Wasserkraftwerk benutzt und es tröpfelt dann nur noch ganz wenig an den Felsen herunter…

 

Jan Peters

Original Page