James Edmonds – Flimmernder Alltag

James Edmonds, Movement and Stillness, 2015, Super 8 Stummfilm, 11Min., Farbe

Ein flüchtiger Blick auf einen Garten durch ein Fenster. Der Himmel, strahlend blau, gänzlich wolkenlos. Ein Insekt in Nahaufnahme, das unbeirrt seiner Bestimmung folgt. Nur selten kreuzt eine Person flüchtig das Geschehen als namenlose Randfigur im filmischen Universum von James Edmonds. Der britische Künstler und Filmemacher, geboren 1983 studierte an der Universität in Brighton freie Kunst mit dem Schwerpunkt Malerei, seit einigen Jahren lebt und arbeitet er in Berlin. Von der Leinwand und Farbe fand er seinen Weg während seiner Studienzeit zum Filmemachen. Beides – Film und Malerei – bringt er in Ausstellungskontexten zusammen, in denen er seine bemalten Leinwände teilweise als Projektionsflächen verwendet, oder auf der Filmrolle mit malerischen Gesten in das Geschehen eingreift.

 

Erste zaghaften Annäherungen an das Medium Film hatte Edmonds bereits während seiner Kindheit, in der seine Faszination insbesondere für die dem Film eigene Materialität wuchs – ein Filmstreifen, auf dem sich nicht nur einzelnen Fotografien als singuläre Momentaufnahmen, sondern aneinandergereiht auch bewegten Szenen, bleibende Erinnerungen festhalten lassen. Auf dem durch einen chemischen Prozess ein Echo haften bleibt, das die Zeit überdauert. Bis heute ist dieses Verständnis von Film, das vom Material ausgeht und mit ihm das Thema der Erinnerung und deren Vergänglichkeit omnipräsent in Edmonds künstlerischer Praxis.

 

Später, während seiner Zeit an der Universität lernte James Edmonds die Welt des europäischen Arthouse-Kinos kennen und schätzen und begann sich mit den Ursprüngen des populären Kinofilms in umfassenden Recherchen auseinanderzusetzen. Dabei interessierte er sich vor allem für filmtheoretische Ansätze, die eine Verbindung zwischen der frühen Zeit des Kinos mit den zu Beginn des 20. Jahrhunderts stattfindenden gesellschaftlichen Zäsuren in Europa ziehen. Zu nennen sind hier etwa die Figur des Flaneurs oder die Entstehung der Shopping- und Freizeitkultur, die sich in dieser Zeit für zunehmend als massenkulturelles Phänomen etablierte. Eben jene Freizeitkultur ermöglichte den raschen Erfolg des europäischen Films und brachte in diesem Zuge die Figur des Flaneurs als Stellvertreter eines neuen Lebensgefühls auf die große Leinwand. Auch James Edmonds beobachtet in seinen Filmen gegenwärtige gesellschaftliche Phänomene, ohne dabei werten vorzugehen.

 

Parallel zu seinen Studien des frühen narrativen Films richtete sich James Edmonds Aufmerksamkeit im weiteren Verlauf seiner künstlerischen Ausbildung zunehmend auf die Arbeit verschiedener experimentelle Filmemacher*innen. und deren freierer Umgang mit den filmischen Konventionen von Raum und Zeit. Als Vorbild, dessen Einfluss immer auch in James Edmonds Arbeiten mitschwingt, fungiert ganz offensichtlich Jonas Mekas, mit dem Edmonds ein Gefühl von filmischer Freiheit und das Filmen um des Mediums Willen verbindet. Die Sequenzen sind dabei kurz, von der Länge eines Wimpernschlags, bis zu einem singulären Frame, und reihen sich lose aneinander, kehren manchmal an dieselben Orte zurück, oder springen losgelöst von Raum und Zeit durch verschiedene Kontexte.

 

So erinnern sie auch an die experimentellen Filme von Stan Brakhage, einem weiteren künstlerischen Vorbild. Neben den Arbeiten Brakhages lassen sich zudem zu Werner Nekes, Jeff Keen, oder Dore O. und James Edmonds persönlich bekannten Filmemacher*innen wie Helga Fanderl, Robert Beavers und Ute Aurand Parallelen ziehen, die ebenfalls vom Medium, dem analogen Film ausgehend ihre filmischen Arbeiten entwickeln.

 

Wesentlich ist aus dieser ersten Zeit der intensiven Beschäftigung mit dem experimentellen Film auch das Zusammenspiel von Musik und Bild, – der Score – das für James Edmond bis heute prägend für seine Arbeit ist. Eine Kommilitonin an der Universität zeigte ihm einen ihrer Super8-Film, dessen Bilder sie zu selbstkomponierter Musik synchronisiert hatte, was James Edmonds in eine Welt entführte, in der die Zeit scheinbar keine Rolle spielt. Bild und Ton in Form von spontanen Improvisationen kamen im örtlichen Kino, der “Cinematheque” von Brighton zusammen, wo lokale Filmemacher*innen ihre neuesten Werke präsentierten und Musiker*innen dazu improvisierten.

 

James Edmonds, Overland, 2016, Super 8 Film, 22 Min., Farbe und schwarz-weiß, Sound, Ton

 

Sowohl auf 16mm als auch auf Super 8-Filmen hält James Edmonds seine Eindrücke von der Welt fest, die sich als Augenblicke, festgehaltene Momentaufnahmen lose aneinanderreihen. Dabei nutzt er die Schmalfilme, die Körnigkeit des Materials und die Trägheit seiner Kameras für seine Zwecke aus. So entstehen beispielsweise extreme Spiele zwischen Hell und Dunkel, über die sich die Materialeigenschaften wie ein zusätzlicher Filter legen. Die Trägheit der Lichtanpassung bei Kameraschwenks, die Langsamkeit der Zoomfunktion sind Dinge, die ihn als Filmemacher interessieren und am Umgang mit der Kamera reizen, mit denen er in seinen experimentellen Kurzfilmen spielt, um Atmosphären zu erzeugen. Dazu lässt James Edmonds, der zuweilen abgelaufene Filme verwendet, den Zufall walten, wenn sich unbeabsichtigt Farbverschiebungen oder Fehler im Material ergeben, oder aber sich Vorbelichtungen über seinen Blick legen, den er festzuhalten versucht.

 

 

Während in seinen frühen Arbeiten der Schnitt fast ausschließlich in der Kamera selbst erfolgt, bearbeitet er seine jüngeren Filme am Schneidetisch nach. Auch hier lässt er sich vom Material inspirieren und lenken, würfelt neu zusammen, übermalt Szenen und fügt so künstliche Schwarzpausen nachträglich hinzu, oder lässt die Szenen in gezeichnete amorphen farbenfrohe Formen auslaufen, die sich phasenweise über die zuvor aufgenommenen Bilder schieben.

 

James Edmonds bringt so in seinen 16mm Filmen die Möglichkeiten der analogen Montage zum Ausdruck, Raum ist dabei ein übergreifendes Thema, nah und fern rückt zusammen. Für ihn entsteht der Film durch die physische Handhabung des Filmstreifens, den Umgang mit dem Material, der gewissen Regeln folgt und doch Experimente zulässt. Film als Film ist das, was ihn interessiert, gibt James Edmonds im Gespräch bei der Vorführung einer Filmauswahl in der Kunsthalle Mainz an. Die Genese zwischen analogem bzw. digitalem Film charakterisiert er als grundsätzlich verschieden und im Resultat nicht vergleichbar. James Edmonds versteht das analoge Filmemachen als Kunstform, als Ausdruck komplexer ästhetischer Diskurse, die es zu ergründen gilt.

 

Sein Handwerk, den Umgang mit dem Material, lernte er auch bei Robert Beavers, dem er bei der Restaurierung von Gregory Markopoulos Filmzyklus “Eniaios” half. Der geschulte Umgang mit dem Material brachte ihn schließlich zu einem neuen Verständnis von “fertigen Filmen”, als etwas Zeitlichem, aber auch physisch Greifbaren im Raum, das händisch bearbeitet werden kann. Wirken seine ersten filmischen Arbeite noch roh und unfertig, etwa mit groben Schnitten, geht die Entwicklung in seinem Werk hin zu einem geübten Einsatz der verschiedenen Möglichkeiten, die Filmrolle als Medium zu begreifen und in und über sie den fertigen Film zu gestalten.

 

James Edmonds, A Return, 2018, 16mm Film, 6 Min., Farbe, Ton

 

Dies wird vor allem in seinem neusten filmischen Werk “A Return” deutlich, dass im Deutschen Wettbewerb der Kurzfilmtage Oberhausen mit einer besonderen Erwähnung ausgezeichnet wurde. Atmosphärische Bilder reihen sich auch hier wieder aneinander, ein besonderes Augenmerk liegt auf der Lichtsituation. Diese changiert zwischen den zwei Extremen und lotet Grenzen aus. So fühlt man sich an die Rhythmisierung des Lebens an Tag und Nacht – wach und schlafend, lebendig und tot – erinnert. Sich ganz diesem Rhythmus hingebend, folgt auch hier eine kurze Szene zusammenhangslos der nächsten, die sich zu einer Atmosphäre verdichten. Auch wird der Prozess des Filmens selbst in einer Spiegelung zum Ausdruck gebracht, die den Filmemacher mit seiner Kamera in der Hand beim Arbeiten zeigt, der so gleichzeitig zum Beobachter und Beobachteten wird. Über diese Bilderflut legt James Edmonds einen ebenso abstrakten wie atmosphärischen selbst komponierten Soundtrack, der mit leisen Tönen seine ganz eigene Bildsprache untermalt.

 

James Edmonds Filme folgen keinem Drehbuch, sondern Stimmungen, oder auch Pattern, die er in unterschiedlichen Orten wiederfindet, die als visuelle Echos verstanden werden können, die er bei seinen genauen Beobachtungen der Welt entdeckt. Diese Pattern sind mal eine bestimmte Lichtstimmung wie im Kurzfilm „Movement and Stillness“ von 2015, aber auch durch Bewegung, Architekturen, ein bestimmter Rhythmus oder Form wie in „Seasons/Patterns“ von 2018/19, dann wieder spezifische Stimmungen wie Einsamkeit, Stillstand und Bewegung, Stadt- und Landleben, denen James Edmonds nachspürt und die er als Gegensatzpaare gegenüberstellt. Diese Idee vom Film überlagert aber niemals die Realität des Films, die der Filmemacher als eigenständiges Objekt versteht. Und immer bleibt dabei das Medium präsent im Vordergrund, ohne sich aber gänzlich darauf zu reduzieren und die eigene Bildsprache zu überlagern, die es vermag, einzigartige Atmosphären zu schaffen.

 

 

 

URL: http://jamesedmonds.org/

 

Filmgrafie:

A Return, 2018

Overland, 2016

Sternwarten der Welt / Sun Documents, 2010-11 / in progress

Inside/Outside, 2008/2015

Fleeting Landscape, 2007/2016

we will live in the blue image forever, 2007 / in progress

Fragmente/Structures, 2006-07/2009

After Hours, 2005