Alltägliches Wundern: der Filmemacher Gunter Deller

ONE ANOTHER, 2017/18 © Gunter Deller

Wundern über Alltägliches, wie zufällige Lichtbrechungen, vorbeiziehende Schatten, oder ein achtlos fallengelassenes Taschentuch, das vom Wind fast schon anmutig über den Boden geweht wird, diese kurzen Beobachtungen von beliebigen Phänomenen erscheinen angesichts der schnelllebigen Welt immer weniger von Bedeutung. Ein Innehalten und Wahrnehmen all dessen, was sich unmittelbar um uns herum leise abspielt, findet kaum noch Platz im Alltag. Nicht so bei Gunter Deller, der das Wundern über alltägliche Phänomene zu seiner filmischen Praxis gemacht hat. Bis 2014 gehört seine 16-mm-Filmkamera Bolex H16 der Schweizer Firma Bolex Paillad fest zu seinen täglichen Begleitern, mit der er ebenjene unscheinbaren Ereignisse einfängt und durch künstlerische Eingriffe neu formuliert. Die Bolex als kompakte handliche Trickfilmkamera erlaubt Experimente, die am Schneidetisch weitergeführt werden können. Seit gut fünf Jahren filmt Gunter Deller auch digital. Vom analogen bis zum digitalen Filmemachen, Gunter Dellers Kosmos und Selbstverständnis als Filmemacher sind weit gefächert, kreisen aber immer Beobachtungen der äußeren Realität und dessen, was sich als neue Assoziationen aus der Montage von einzelnen Szenen ergeben kann.

 

Mitte der 80er Jahre reiste Gunter Deller mit seiner Kamera im Gepäck nach Frankfurt, um dort im Werkstattkino “Mal Seh’n Kino” filmischen Arbeiten einem Publikum zu präsentieren. In dem von Filmemacher*innen und Filmliebhaber*innen gegründeten Programmkino in Frankfurter Nordend fing er wenige Jahre später als Vorführer an zu arbeiten. Bis heute ist er dem Ort treu geblieben, mittlerweile als Programmleiter. Das Kino in der Mainmetropole hat sich als Ort etabliert, der den unterschiedlichen Facetten des Kinos gerecht werden will und in dem immer wieder auch Kurzfilme auf dem Programm stehen.

 

Alle experimentellen Kurzfilme von Gunter Deller folgen seinem Anspruch, ein bleibendes filmisches Ereignis zu schaffen. Für Gunter Deller findet jede Idee ihren Ursprung in der unmittelbaren Beobachtung der äußeren Realität, zu dieser gelangt er ohne große Umwege wie etwa über Filmskripte, oder der vorangestellten Suche nach einem Drehort oder nach Protagonisten. Ungeplante spontane Beobachtungen bilden den Gegenstand seiner Bildsprache, die so zu einer poetischen Erkundung seiner nächsten Umwelt wird, die er in seinen Kurzfilmen arrangiert und so neue Bedeutungsebenen schafft. Den Impuls eine bestimmte Situation filmische festzuhalten, erklärt Gunter Deller als reflexartig, bestimmt lediglich dadurch, einen Moment zu konservieren, ihn mit anderen in Beziehung zu setzen und so womöglich neu zu formulieren.

 

Abseits dieser poetischen Erkundungen ist er für seine Flickerfilme bekannt, die in die Kategorie der Sehübungen fallen und auf das Medium Film zurückverweisen. Positiv- und Negativbilder reihen sich aneinander und bilden eine soghafte Wirkung in die Projektionsfläche hinein. Immer schwingt der Prozess des Filmemachens mit, die Bolex-Kamera als Trägerin des Negativfilms, in den sich die Lichtspur unwiderruflich einschreibt und so einen Moment in der Zeit zu konservieren vermag; aber auch seine digital aufgenommenen Kurzfilme zeichnen sich durch die Nutzung einer Vielzahl filmischer Mittel wie etwa Schnitte, Überlagerungen oder künstliche Schwarzpausen aus. Die Filmemulsion bei analogen Filmen verleiht dem Träger – der Filmrolle – dabei eine Dreidimensionalität und eröffnet einen Tiefenraum, der immer neue Möglichkeiten der Ergründung bietet. Selbst das Partikelgestöber des Filmmaterials wird so von Interesse und mitgedacht. Die von Gunter Deller vorgenommenen Montagen sind gleichsam folgewirksame Versuche, neue Formulierungen zu finden. Die Montage kann dabei von direkten Eingriffen wie dem Verlangsamen von Bildern bis hin zu Einzelbildern, oder eben das nachträgliche Bearbeiten des Filmmaterials beispielsweise durch Kratzen bedeuten. Immer aber bedeutet sie das Herauslösen der gefilmten Situation aus ihrem Kontext und die Einbettung in eine alternative Erzählung.

 

Schattengrenze

SCHATTENGRENZE, 1999 © Gunter Deller

Für den experimentellen 16mm schwarz-weiß Kurzfilm “Schattengrenze” von 1999 bekam Gunter Deller den Hessischen Hochschulfilmpreis verliehen. Marcel Daemgen zeichnete für die abstrakte Filmmusik verantwortlich. In der ersten Einstellung des knapp 9-minütigen Films erhebt sich langsam eine weiße Landschaft aus der Dunkelheit, ein weißes Laken wirft Falten, die an raue Eisberge in der Antarktis erinnern, über die ein flackernder Lichtkegel hinwegzieht. Das flackernde Licht bestimmt auch die folgende Szene, in der es kreisend über im Wind wiegende Tannen gleitet. Hier allerdings wird das Raum-Zeit-Kontinuum beschleunigt, die Bewegungen der Zweige gewinnen durch den Zeitraffer an Dramatik. Die nächsten Szenen halten den Alltag in einer Großstadt fest, die Bewegung der vorbeieilenden Passanten*innen wiederum wurden verlangsamt, auch Autos schieben sich träge durch den zähfließenden Stadtverkehr, ehe die Kameraeinstellung kurz auf einem am Boden liegenden Taschentuch verharrt, das schließlich von der Straßenreinigung aufgesammelt wird, und so aus dem Blickfeld verschwindet. Der Griff zum Lippenstift findet ebenso Beachtung, wie das Knistern einer Plastiktüte, oder eine flüchtige Berührung zweier Personen inmitten des städtischen Geschehens. Immer wieder lösen Naturaufnahmen die Szenen im urbanen Raum ab. Die Schnittgeschwindigkeit nimmt im Verlauf des Films zu, die unterlegte Musik lässt schließlich an schweres, schnelles Atmen denken. Alles gerät zunehmend ins Schwanken, Stadt und Natur überlagern und verdichten sich zunehmend und werden so schließlich eins. Das Zusammenspiel der kurzen Szenen, das von der zunehmenden Dynamik der Sequenzabfolge und der Rhythmisierung der Bilder, sowie der Lichtstimmung lebt, lässt den Kurzfilm zu einem visuellen Erlebnis werden, der dabei ohne klaren Handlungsverlauf auskommt, sondern lediglich aus der Aneinanderreihungen von Alltagsbeobachtungen besteht und die zwei Räume Stadt und Natur zusammenbringt.

 

Eisgrub

EISGRUB, 2004 © Gunter Deller

Der schwarz-weiß Kurzfilm “Eisgrub” (2004), ebenfalls gedreht auf 16mm, zeigt wieder Szenen aus dem urbane Raum. Die gewählte Kameraperspektive befindet sich dabei oberhalb des Geschehens, was eine Aufsicht ermöglicht. Insgesamt verbinden sich drei Belichtungsebenen flickernd miteinander, die Schnitte sind kurz, wie durch ein Prisma, oder einer Schneekugel sind die kurzen Sequenzen, die sich aus den wechselnden Lichtstimmungen erheben, undeutlich auszumachen. Um die darunter gelegten elektronischen Klänge zu verrauschen, wurde die komplette Lichttonspur mit Einritzungen versehen. In diesem wie weiteren Kurzfilmen zeigt sich Gunter Dellers Faszination für Licht- und Schattenspiele, die beide die Voraussetzung für das Filmemachen bilden, bei dem sich einen Lichtspur in das Material einschreibt und den Übertrag aus der physischen Welt erst möglich macht. Das Material, die Filmrolle, ist bei Dellers Kurzfilmen gleichermaßen von Bedeutung wie der auf ihr konservierte Inhalt.

 

 

hier und da

 

Zu den jüngeren digital aufgezeichneten Experimentalfilmen zählt “hier und da”, dessen Ausgangspunkt Überlegungen zum Reisen bilden. Was bedeutet es für Menschen, ihre Heimat verlassen zu müssen, den Schritt in die Fremde zu wagen? Wie kommen sie heute von einem Ort zum nächsten und kommt man jemals an das Ziel einer langen Reise? Von einer melancholischen Filmmusik getragen, die von einem Stimmenchor gestützt wird, reihen sich auch hier wieder lose Alltagsbeobachtung aneinander. Die Sounds sind nachträglich hinzugefügt, dabei handelt es sich meist um im Internet frei verfügbare Tonsequenzen. Gedreht wurde in Frankfurt und Griechenland, das Meer ist ebenso präsent wie die Skyline der Mainmetropole. Schwarz-weiß-Aufnahmen lösen farbenfrohe Sequenzen ab, auch hier spielt das Licht wieder eine tragende Rolle, ebenso wie atmosphärische Farbspiele, die kaum mehr greifbare Bilder und Stimmungen erzeugen.

 

 

One another 

ONE ANOTHER, 2017/18 © Gunter Deller

Im digitalen Kurzfilm “One another” von 2017 verbindet sich Gunter Dellers Interesse an der Schaffung von Atmosphären durch das Zusammenspiel von kurzen filmisch dokumentierten Alltagsszenen mit dem Einsatz von Ton- und Lichtmontage, das neue Assoziationen hervorruft. Aus einer gelben Fläche erhebt sich in der Anfangssequenz eine Momentaufnahme, die Kamera ist auf eine junge Frau gerichtet, die gerade vertieft darin ist, sich Mascara aufzutragen. Verzerrte Laute bestimmen die nächste Szene, in der sich kurze Schwarzpausen mit Augenblicken, die auf das Treiben von Möwen unter eine Brücke gerichtet sind, abwechseln. Immer schneller und schneller laufen die Bilder ineinander, ehe digitale geometrische Figuren das Bild übernehmen und der Blick schließlich auf einem Smartphone hängen bleibt. Die Frage nach dem wie wir miteinander in Verbindung treten, bestimmt die Montage der Sequenzen, in denen Tag auf Nacht, Land auf Meer, Leere auf Gemeinschaft trifft. Durch die Anordnung gelingt es Gunter Deller ohne Worte, ohne konkrete Handlungen, seinen alltäglichen Beobachtungen neue mögliche Bedeutungen zuzusprechen, neue Zusammenhänge aufzuzeigen. Sie sind als Fragen formuliert, die individuell verhandelt werden können und die erst durch das Offenlegen des Prozess des Filmemachens sichtbar werden.

 

In seinen experimentellen Kurzfilmen bildet Gunter Deller über die Jahre hinweg einen erstaunlichen Fundus an Alltagsphänomenen ab, die immer auch neue Trends aufgreifen, die vom Filmemacher kritisch hinterfragt werden, teilweise verbinden sich in seinen Kurzfilmen Sequenzen aus mehreren Jahren. So erscheint es fast folgerichtig, dass sich Gunter Deller auch dem digitale Filmemachen annähert und die damit verbundenen neuen filmischen Möglichkeiten auslotet. Die Montage der Szenen, das nachträgliche Formulieren und Zusammenstellen, zerstört dabei insbesondere bei den Flickerfilmen die Illusion, dass es sich lediglich um ein Abbild der Wirklichkeit handelt. Die vorgenommene Montage und nachträglichen Neuordnung erlaubt der neu zusammengefügten Filmwirklichkeit einen Autonomieanspruch zu erheben, der für Gunter Deller am besten durch Kontraste sichtbar wird: So trifft bei ihm immer wieder Dunkelheit auf Licht, Stadt auf Natur, Geschwindigkeit auf Stillstand. Das Zusammensetzen der Einzelbilder zu einer Bewegung und damit einer Erzählung verhandelt der Filmemacher neu. Raumkonstellationen, Farben oder wechselnde Lichtintensitäten verzahnt er so miteinander, dass sie neue Eindrücke erschaffen, aber gleichzeitig den Prozess des Filmemachens selbst nicht verdecken. Der Alltag wird so wieder zu einem Ort des Wunderns, in dem alles möglich ist und sich alles beliebig zusammenfügen lässt, doch ohne zu vergessen, woher die Bilder ihren Ursprung fanden.

 

 

Filmografie:

 

INSELN VON DUNKELHEIT, INSELN VON LICHT – DER DICHTER

PAULUS BÖHMER, 2019

ONE ANOTHER, 2017/18

HIER UND DA, 2016

NEST:FLUCHT & FOUND FOOTAGE MONTAGEN, 2000/2016

LANDUNGEN UND PERIPHERE ZIELE, 2015

BATTLEFIELDS, 2014

BITS & BYTES, 2014

C+M+B, 2014

CONTACT HIGH COUNTERPART, 2014

KILLER INSTINCT, 2014

UNE PARTIE DE CAMPAGNE, 2014

WINTERJUNE, 2014

FRAGILE FOSSILE, 2014

THE FORGETTING OF INTENTIONS AND IMPRESSIONS,2013

IRREALE AREALE, 2013

LIGHT MY FIRE, 2013

WILDWECHSEL, 2012

RIVERRUN AND TOUCHDOWN, 2009

SCHLAFENDE HUNDE, 2007

ÖRTLICHE BETÄUBUNG, 2006/07

EISGRUB, 2004

SCHIEBT SHIPS, 2001

SCHATTENGRENZE, 1999

IM BLUMENGARTEN, 1999

IM HANDUMDREHEN, 1995

VON HIER AUS, 1995

ANDERE ORTE, 1994

INSELN, 1993

FLUCHTEN, 1993

RÄUME, 1989