Brenda Lien – Erzählen vom Kino

Porträt
Filmstill CALL OF BEAUTY: zwei junge Frauen im Halbdunkel - eine im Vordergrund, ihr Gesicht ist mit einer gelben Gesichtsmaske bedeckt, sie trägt einen pinkfarbenen Pullover und Lockenwickler, sie schaut auf einen Computer-Monitor. Die andere Frau liegend im Hintergrund.

CALL OF BEAUTY © Brenda Lien

„Ich bin ein Fan von schnellen Filmen“, meint Brenda Lien. Sie schätzt ästhetische Entwürfe, die auf den Punkt kommen. Schönheitsvideos und Make-Up Tutorials, Katzenvideos, digitale Meditations-Sessions: Die Filmemacherin, Animationskünstlerin und Filmmusik-Komponistin hat sich in den letzten drei Jahren gefragt, was diese Formate populär macht und inwiefern sie als Kommentare auf die Gesellschaft lesbar sind. Mit einer kürzlich abgeschlossenen Filmtrilogie hat sie YouTube-Formate explizit aufgegriffen und verhält sich damit zu massentauglichen Erzählkonzepten, die zunächst einmal durch ihre Oberflächlichkeit, Austauschbarkeit und Kurzlebigkeit auffallen, durch ihre Einfachheit und die Geschwindigkeit ihrer Verbreitung. Schnell sind diese Videos, daran besteht kein Zweifel.

 

Liens Filme CALL OF BEAUTY (2016) und CALL OF COMFORT (2018) imitieren in ihrer Kürze das warenartige dieser und ähnlicher Formate, das Gefällige, Einfältige und Eingängige. Doch will sie nicht einfach Spaß bieten, sondern durch Überzeichnungen feministische Fragen sowie Fragen der Körperpolitik und Spiritualität aufwerfen. Und in der Mitte der Trilogie, da liegt ein brutaler Bruch: Der Animationsfilm CALL OF CUTENESS (2017) funktioniert als Affront gegen das Niedliche, als Antithese zu Nachahmung und Zitat. Der Film nutzt Gegenbilder zum gemeinen Katzenvideo, die drastischer kaum sein könnten: Tierkörper werden seziert und auseinandergespreizt, ertränkt, eingekerkert und ausgeweidet.

 

Filmstill CALL OF CUTENESS: eine gezeichnete weiße Katze vor schwarzem Hintergrund. Auf dem Katzenkopf scheinbar übergangslos ein Hasenkopf mit langen Ohren. Beide Tiere schauen den Betrachter an.

CALL OF CUTENESS © Brenda Lien

 

In den drei Filmen fächert sich das ästhetische Programm einer ausgesprochen wandlungsfähigen, formbewussten Filmemacherin auf, die erst am Anfang ihrer Karriere steht und doch bereits einen der größten deutschen Kurzfilmerfolge der letzten Jahre generierte: CALL OF CUTENESS lief nach seiner Premiere bei der Berlinale auf über 100 internationalen Filmfestivals und macht Brenda Lien zu einer der sichtbarsten jungen Talente in der hiesigen Szene. Im Gespräch wird klar, dass dennoch keine Automatisierung zu erwarten ist. Ganz im Gegenteil: Ihre Filme entstehen unabhängig und Schritt für Schritt aus kritischen Selbstbefragungen heraus, werden darüber hinaus zu großen Teilen von ihr selbst ausgearbeitet, vertont und animiert. In der Tat formulieren die Arbeiten in ihrer methodischen Vielgestaltigkeit grundlegende Fragen an das Kino.

 

Und Lien reflektiert auch über ihre ästhetischen Methoden hinaus, welchen Wahrnehmungsweisen sie sich als Filmkünstlerin in der Festival- und Kunstwelt gegenübersieht. Bei Vorstellungen von CALL OF CUTENESS etwa sah sie sich mit einer präzisen Frustration konfrontiert: Nach der großen Begeisterung im Bezug auf ihre Auseinandersetzung mit „Frauenthemen” bei CALL OF BEAUTY löste CALL OF CUTENESS immer wieder Irritationen aus. Das Festivalpublikum schien von einer jungen Künstlerin angemessene Themen zu erwarten und weniger einen Schockfilm.

 

Indes war CALL OF BEAUTY tatsächlich als Call of Duty intendiert, als konsequente Hinwendung zu einer feministischen Filmpraxis, die zuvor bereits in ihrem Animationsfilm DER GEKERBTE RAUM AUS STEIN GEGEN EIN IDEAL AUS GLAS von 2015 angelegt war – einer furiosen Abrechnung mit patriarchaler Gewalt, die sich im öffentlichen ebenso wie im privaten Raum manifestiert. Lien arbeitete damals mit der Poetry-Slammerin Josefine Berkholz zusammen, die ihr völlige Gestaltungsfreiheit bei der Adaption eines Textes gab. Sie nutzte für den Film die Kraft von Berkholz’ Lyrik als Grundlage und erarbeitete Stimmungsbilder über die Isolation und Klaustrophobie einer Frau, die sich verzweifelt und doch kämpferisch gegen bedrückende Umstände zur Wehr setzten will. Vor einer dringlichen Klangkulisse verbinden sich Sprache, Zeichnungen und Kamera-Aufnahmen zu alptraumhaften Szenarien, die in ihrer Härte und Unruhe bis in die neueren Arbeiten nachwirken. Auch handwerklich bleibt Lien die Arbeit im Gedächtnis, denn der Film war für die Künstlerin ein Mammutprojekt. Sie zeichnete 9000 Bilder in Handarbeit. Heute, rund drei Jahre und drei Filme später, betont sie schließlich den Wunsch nach der Abwendung vom reinen Animationsfilm. Die Methode ist ihr zu träge und die Reise geht zu Hybridformen.

 

Filmstill CALL OF BEAUTY: zwei junge Frauen im Halbdunkel, leicht bläuliches Licht. Sie tragen Gesichtsmasken und Lockenwickler, sie schauen auf Computer-Monitore. Die linke der beiden schminkt sich die Lippen.

CALL OF BEAUTY © Brenda Lien

CALL OF BEAUTY erschien nach DER GEKERBTE RAUM AUS STEIN GEGEN EIN IDEAL AUS GLAS in der Tat wie ein ästhetischer Bruch und doch auch eine Rückwendung zu früheren Versuchen des schauspielerischen Inszenierens. Lien erklärt, wie der Film zunächst ohne das Konzept einer Trilogie aus einer intensiven Beschäftigung mit feministischer Theorie entstand. Sie portraitiert in der kurzen Arbeit zwei Frauen, die Make-Up Videos für ihren YouTube Kanal produzieren. In Gesprächen kommen die Meinungsmacherinnen als unsichere Egomaninnen daher, als Zynikerinnen, als Opfer und doch Mitgestalterinnen einer menschenfressenden Aufmerksamkeitswirtschaft. Lien engagiert sich zu der Zeit als der Film entsteht auch politisch im AStA der Hochschule für Gestaltung in Offenbach, bemerkt jedoch schnell, dass die Zurückstellung ihres Filmemachens letztlich ein strategischer Fehler sein könnte: Während sie gegen strukturelle Probleme mobil macht, drehen männliche Kollegen unbeirrt weiter Filme.

 

Grundlegende Fragen an den eigenen Ausbildungsweg scheinen in ihrem Fall besonders naheliegend, denn Brenda Lien ließ für das Filmemachen die Schule und eine Pianistinnenausbildung links liegen. Und so studiert die 23-Jährige an der hfg bereits seit 2012: Zunächst Animation unter Mariola Brillowska, die sich im Spannungsfeld einer heterogenen Kunstpraxis verortet und neben Film mit Comics, Prosa, Performance und Theater gearbeitet hat. Brillowska arbeitet in ihren meist animierten Filmen mit drastischen Bildern und einer konfrontativen Körperpolitik, zeigt expliziten Sex und Körperauflösung, Neuschöpfungen und Verformungen des Natürlichen. Etwa wenn in PORNO KARAOKE (2005) der Papst seinen dreigliedrigen Penis in Kreuzform präsentiert und sich gerne auf Orgien mit knabengestaltigen Engeln einlässt.

 

Hauptsächlich studierte Lien bei Rotraut Pape. Pape steht als Künstlerin und Filmemacherin für eine Praxis der Reflexion des Bilds über dessen Präsentationsbedingungen. Neben experimentellen Dokumentarformaten für das Fernsehen erforschte sie das Visuelle vielmals durch installative und performative Rahmungen. Zudem beschäftigte sie sich mit Bild-Herstellungsverfahren jenseits klassischer Kameratechniken, bezog etwa für DER GARTEN (1998) oder SPLIT BRAIN 1.0 (2000) Computer und Röntgenbilder in ihre künstlerische Praxis mit ein. Der Blick in Körper hinein erlaubt ihr, tief nach ethischen und gesellschaftspolitischen Fragestellungen zu schürfen und Deutungshoheiten, etwa über den Körper, radikal in Frage zu stellen.

 

Sowohl Papes Technikaffinität als auch Brillowskas Vergnügen an der ikonoklastisch-anarchischen Animation zirkulieren als Einflüsse sichtbar in Liens Arbeiten, die jedoch neue Codes entwerfen, um andere Fragen und Intensitäten auszuloten. Es begeistern die besonderen Kollisionen grafischer und fotografischer Verfahren, die Suche nach deren Berührungspunkten und Verzahnungen. So scheint es auch für Brenda Lien keineswegs offensichtlich, dass die Kamera als angemessenes Mittel künstlerischer Gestaltung ausreicht.

 

Bei CALL OF COMFORT, ihrem jüngsten Film, verbinden sich computergenerierte Bilder scheinbar mühelos mit sterilen Aufnahmen von Untersuchungsräumen und skizzieren mit simplen Mitteln ein funktionierendes Sci-Fi Szenario. In einer Kinokultur, die durch große Berührungsängste mit dem Generischen und Fantastischen geprägt ist, mag das durchaus eine Erwähnung wert sein – selbst wenn Lien den Film weniger als Sci-Fi, denn als experimentelle Arbeit beschreibt. Ein Bekenntnis, das doppelt überrascht, weil sie sich nach frühen Erfahrungen entschieden vom Experimentalfilm distanziert hat, und stattdessen für klare Prämissen des Erzählens, Montierens und Komponierens stark macht. Dabei weiß sie, wovon sie spricht: In studienbegleitenden Fingerübungen erprobte sie Montagemethoden und Animationsverfahren in Bild- und Toncollagen (SELBSTDARSTELLUNG), in Musikvideos (ZYKLUS I) und einem assoziativen Gedichtfilm mit Bergholz (KONTUREN). Die Ergebnisse ihres frühen Schaffens erinnern zum Teil an abstrakten Film und sind auf der Webseite der Künstlerin einsehbar.

 

Filmstill CALL OF COMFORT: Eine Junge Frau mit glatten schwarzen Haaren schaut den Betrachter an: sie hält einen Miniventilator in den Händen. Sie trägt weiße Handschuhe. Im Hintergrund eine Vase mit Blumen, ein aufgestellter Bilderrahmen. Oben Links eine Computereinblendung in Pink - ein halbausgefüllter Ladebalken "Installing Updates".

CALL OF COMFORT © Brenda Lien

 

CALL OF COMFORT erscheint in der Tat als vielleicht freister Film ihrer Trilogie, als Auslotung eines Wahrnehmungsmodus, als Spiel mit Koordinaten, das sich selbstreferentieller anfühlt als in Liens sämtlichen anderen Arbeiten, beinahe hermetisch. Durch eine starre Subjektive wird das Blickfeld eines scheinbar geschlechtslosen Wesens, das Mensch oder Maschine sein könnte, gereinigt und mit einer Paste einbalsamiert – begleitet von den einlullenden Worten von Frauen, die Ärztinnen, Ingenieurinnen oder Unternehmerinnen sein könnten. Ziel des Verfahrens ist die totale Überwachung der Gesichtsmuskulatur, die nach diversen Kontrollimplantaten den nächsten Schritt zur Durchökonomisierung des Körpers darstellt. Nach der Prozedur folgen freistehende Bilder: Ein männlicher Intimbereich wird gepudert und entwachst, dann schwebt ein goldener Körper in Kubricks 2001-Manier durchs Weltall. Der Film imitiert ein Browserfenster und präsentiert zum Abschluss im YouTube-Stil alternative Videovorschläge. Mit dabei sind „10 hours of White Noise“.

 

Filmstill CALL OF COMFORT: Ein goldener Körper schwebt im Weltraum. Der Körper scheint sich in kleine Einelbstandteile aufzulösen.

CALL OF COMFORT © Brenda Lien

 

Der Film funktioniere bisher vor allem im Kunstkontext, meint Lien. Er wurde etwa kürzlich in der body / tech Ausstellung des MAK präsentiert. Auch die Künstlerin selbst hat mittlerweile ihre erste Einzelausstellung „Positive Affirmations“ im 1822-Forum Frankfurt gestaltet und zeigte dort ihre drei Filme nicht als Projektionen, sondern über YouTube-typische Displays für einzelne Betrachter*innen, die beim Sehen gleichzeitig Teil einer Installation wurden. In drei Räumen griff die Ausstellung ästhetische Codes der YouTube-Vorlagen auf, merkt sie an. Die genaue Rahmung der eigenen Arbeiten – innerhalb wie außerhalb des Kinosaals – ist nachvollziehbarerweise ein großes Thema für eine Künstlerin am Anfang ihrer Laufbahn, der es noch dazu wichtig ist, wie über ihre Filme gesprochen wird. Reinen Themendiskussionen, die bei der Präsentation ihrer Filme immer wieder entstanden, lässt sie zu, aber will im Grunde Filmdiskurse verteidigen, bei denen auch die Form eine zentrale Rolle spielt.

 

Nach dem Abschuss ihrer Trilogie sieht sie weitere Bezugspunkte im Zukünftigen. Ihr Diplomfilm soll als Vorschritt zu einem geplanten und bereits geförderten Langfilm von Burnout und Arbeitssucht in einer dystopischen Gesellschaft erzählen. Gedanken zur konkreten Arbeit an dem größeren Projekt macht sie sich bereits jetzt, während der Schreibphase. Sie spricht im Zusammenhang mit dem Film etwa vom Prinzip der neutralen Rollenparität, das beim Scheiben und beim Casting geschlechtlich undefinierter Figuren Schauspielerinnen als auch Schauspieler gleichermaßen berücksichtigen soll. Wenn eine Figur beide Geschlechter haben könnte, wozu braucht es dann eine Festlegung im Vorfeld?

 

Welche Rolle Geschlechterfragen in der Zukunftswelt ihres kommenden Films konkret spielen werden, das will sie noch nicht verraten. Zweifelsohne untermauern ihre Beschreibungen des Projekts aber eine klare formale Entwicklung: Von den feministischen Themen ihrer früheren Arbeiten wendet sich Brenda Lien nochmals deutlicher hin zu einer feministischen / intersektionalen Praxis des Filmemachens und zur Verhandlung spätkapitalistischer Fragen. Von ihren experimentellen Wurzeln ausgehend, sucht sie dazu nach klaren, formbewussten Erzählweisen. Der Weg scheint geebnet, denn ihre jüngsten filmischen Arbeiten sprechen bereits eine klare Sprache.

 

Die Frage ist, ab wann eine Erzählung sich trägt. Derzeit stellen ihre Filme die eigene Gemachtheit und philosophische Ambition immer wieder deutlich aus, brechen mitunter den Erzählfluss und wirken dadurch besonders künstlich – ganz wie die wiederkehrenden Körper, die sich aus Versatzstücken zusammenfügen oder in ihre Bestandteile auflösen. Das animierte Subjekt im Angesicht der Gewalt. Das Tier, welches vom System zum Sensationsmaterial gemacht wird. Und zuletzt der menschenähnliche Kunstkörper, der in alle Richtungen davonschwebt.

 

Filmografie

 

2015    DER GEKERBTE RAUM AUS STEIN GEGEN EIN IDEAL AUS GLAS

2016    CALL OF BEAUTY

2017    CALL OF CUTENESS

2018    CALL OF COMFORT

 

Filme in Ausstellungen

 

2015    Poolhaus Galerie, Hamburg Blankenese: Ausstellung & Galerie-Premiere von DER         GEKERBTE RAUM AUS STEIN GEGEN EIN IDEAL AUS GLAS

2016    Frappant-Galerie, Hamburg: BIG GIRLS, Gruppenausstellung

2017    Westwerk, Hamburg: VIDEO Club 17, Gruppenausstellung

2018    CBL, Berlin: Nomads in Transition, Gruppenausstellung

2018    1822-Forum, Frankfurt am Main: Positive Affirmations, erste Einzelausstellung

2018    Kunstverein Familie Montez, Frankfurt am Main: VKunst, Gruppenausstellung

2018    Museum Angewandte Kunst, Frankfurt am Main: Body / Tech, Gruppenausstellung