Erfahrungen einer Filmemacherin im Corona-Jahr 2020

Im Gespräch

Criss Cross © Hamann / Penzlin www.crisscrossfilm.de

 

Gespräch mit Caroline Hamann – Filmemacherin aus München

 

shortfilm.de: Wie fing dein Jahr 2020 an?

C.H.: Im Januar 2020 stellten Fritz Penzlin und ich nach drei Jahren Arbeit unseren animierten Kurzfilm CRISS CROSS fertig. Drei Jahre akribischste Feinstarbeit, Stop-Motion-Scherenschnitt Animation, mit viel Liebe und Mühe gemacht.

Im Januar und Februar reichte ich den Film bei allen möglichen Festivals ein und am 29. Februar fand hier in München die Premiere statt. Es ist inzwischen kaum vorstellbar, dass sich 70 Personen dafür in ein kleines Kino quetschten.

 

shortfilm.de: Wie ging es dann nach der Premiere weiter? Wie hast du die folgenden Monate erlebt?

C.H.: Was ab März auf der Welt los war, ist allgemein bekannt und wir betraten unerwartet und unbedarft mit unserem Film die uns völlig neue Welt der Online-Festivals – aber leider auch die der verschobenen, der nicht wirklich stattfindenden und der abgesagten Festivals.

Hier möchte ich erst mal den Hut ziehen vor den vielen Festivalveranstalterinnen und -veranstaltern, die binnen kürzester Zeit Online-Versionen ihrer Veranstaltungen aus dem Boden stampfen mussten.

Ich spreche hier nur für mich, schöpfe nur aus meinen Erfahrungen mit dem Thema Online-Festivals – dennoch glaube ich, dass diese sich mit vielen Beobachtungen der Leserinnen und Leser überschneiden werden.

Unsere Erkenntnisse spiegeln in gewisser Weise den Lernprozess der Festivals wider. CRISS CROSS läuft gut und daher bekommen wir die ganze Bandbreite mit.

 

shortfilm.de: Kannst du das ein wenig genauer ausführen? Was sind die Vor- und Nachteile von Online-Festivals?

C.H.: Der klare Vorteil der Online-Festivals ist, dass man theoretisch an jedem teilnehmen kann. Diese Teilnahme will aber gut organisiert sein.

Als am besten empfinde ich Online-Festivals, bei denen das Kino virtuell nachgebaut wird: Klare Kommunikation, um wie viel Uhr man wohin klicken muss. Ein Live-Stream mit echten Menschen, die moderieren. Intro-Videos der Filmemacher, damit es Gesichter zu den Filmen gibt. Sogar Eintrittskarten und eine Popcorn-Pause in der Mitte habe ich schon erlebt.

Ein Q & A mit den Filmemachern über Zoom ist auch immer super.

Auch fühlt es sich gut an, wenn es persönlichen Kontakt gibt, per Zoom, E-Mail, Telefon, oder sogar per Brief.Am besten finde ich die Zusage, dass man im nächsten Jahr mit seinem Film eingeladen ist.

 

shortfilm.de: Gab es auch negative Erfahrungen? Welche Probleme können dadurch für dich als Filmemacherin entstehen?

C.H.: Andere Festivals wurden und werden immer wieder verschoben, auf die Jurysitzung beschränkt oder sogar komplett abgesagt. Dadurch können Probleme mit dem Premierenstatus eines Films entstehen. Einige Festivals nehmen den Film nur als Premiere. Dann werden sie um mehrere Monate verschoben und in der Zwischenzeit findet im gleichen Land ein anderes Festival als Online-Version statt. Dadurch wird man als Filmschaffender gezwungen, den Film zurückzuziehen, was man sonst nicht hätte machen müssen.

Die verschobenen Festivals häufen sich aktuell im Herbst 2020 und es wird dadurch unmöglich sein, die Einladungen, die man bekommt, anzunehmen.

Auch machte ich die Erfahrung, dass durch schlichte Missverständnisse (‘das Festival beginnt um 17:00 Uhr’ – aber welche Ortszeit?) unser Film gefühlt ins Nirvana geschickt wurde. Oder auf Instagram gestreamt wurde, wovon wir gar nichts mitbekamen.

Ich stelle auch öfter fest, dass viele Festivals, die nur online stattfinden, eine kleinere Auswahl an Filmen zeigen. Das ist sehr verständlich, macht es aber gleichzeitig schwerer für die Filmschaffenden: dadurch sinken die Chancen, dieses Jahr genommen zu werden.

Bei den aufs nächste Jahr verschobenen Festivals, wo dann alle Einreichungen 2020 mit denen von 2021 zusammenkommen, ist die Wahrscheinlichkeit, genommen zu werden, dann natürlich auch kleiner geworden.

Es wäre gut, wenn hierfür eine Art Ausgleich geschaffen würde und ich kann mir gut vorstellen, dass die Festivals daran bereits arbeiten.

 

shortfilm.de: Was würdest du dir wünschen – wenn man davon ausgeht, dass uns Online-Festivals oder Hybridvarianten noch eine Weile begleiten?

C.H.: Wenn alle Festivals, die online stattfinden, die Filmschaffenden im Voraus um ihre Erfahrungen und danach um Rückmeldung und konstruktives Feedback bitten würden, wäre dies für alle Beteiligten sehr hilfreich! Inzwischen bin ich auch bei der Einreichung konkret danach gefragt worden, wie ich mir das Festival als Online-Version vorstelle – eine super Idee!

Auch Tipps und Tricks von Festivalseite, wie man seinen Film gut online anpreist und Zugang zum Publikum ermöglicht, sind höchst willkommen.

Das bringt mich zu einem weiteren Thema hier: wenn alles online stattfindet, gehen dabei Filme und deren Schaffende unter, die vielleicht nicht so versiert sind im virtuellen Raum und den sozialen Medien.

 

shortfilm.de: Wie könnte man hier Abhilfe schaffen?

C.H.: Ich organisiere u.a. den Münchner Trickfilmerstammtisch und habe dadurch und natürlich auch durch meine Berufserfahrung viele großartige Filmemacherinnen und Filmemacher kennengelernt, die nicht auf Instagram sind, nicht auf Facebook und auch sonst wenig mit sozialen Medien am Hut haben. Oft sind es ältere Kolleginnen und Kollegen, die schon viele richtig gute Filme gemacht haben. Nun haben ausgerechnet diese Leute das Nachsehen in diesem Jahr der Online-Veranstaltungen.

Was machen diese Filmschaffenden? Warten sie bis 2021 ab und müssen sich dadurch der verstärkten Konkurrenz nächstes Jahr aussetzen? Wäre es eine Idee, sich untereinander zu vernetzen, so dass z.B. ein junger Produzent einer etablierten Animationskünstlerin einen Internetauftritt verschafft? Als Ausgleich für den dieses Jahr nicht stattfindenden Austausch könnten hier die Festivals helfen, die Leute miteinander zu vernetzen. Über Vereine wie die AG Kurzfilm oder die AG Animationsfilm könnte auch gegenseitige Hilfe arrangiert werden.

 

shortfilm.de: Mit welchen Gedanken schaust du in die (kurzfilmische) Zukunft?

C.H.: Natürlich hoffen alle, dass nächstes Jahr alles wieder normal abläuft. Aber darauf können wir uns nicht verlassen. Bis dahin wäre es schlau, die Aspekte der Online-Festivals, die gut klappen und Sinn machen, weiter auszubauen. Die, die davon am besten funktionieren, können ja auch in Zukunft weiter bestehen bleiben. Eine gut organisierte Zoomkonferenz ist auch besser fürs Klima als ein Flug um die halbe Welt. 

Ich persönlich hoffe, dass Festivals in Zukunft wieder analog stattfinden werden. Aber wenn man nicht anreisen kann oder möchte, wäre es klasse, wenn man in Zukunft stattdessen einfach online teilnehmen könnte.

Was wir Filmschaffenden dieses Jahr an Austausch, Gesprächen, Arbeitsmöglichkeiten, Kontakten und Inspirationen verpassen, ist leider nicht nachzuholen oder zu ersetzen.

Aber wir können trotzdem das Beste daraus machen, indem Festivals und Filmschaffende zusammenarbeiten, offen für neues sind und den Kontakt pflegen. Mit der Hoffnung auf ein richtiges Wiedersehen beim nächsten Mal!

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