Ron Dyens, französischer Kurzfilmproduzent – SACREBLEU

 

FRIEND OF A FRIEND (Zachary Zezima, 2019) © Sacrebleu

 

Ron Dyens wurde zuerst mit seinem Kurzfilm „La Flamme“ bekannt. 1999 gründete er seine eigene Produktionsfirma Sacrebleu Productions. Nach zahlreichen Festivalerfolgen in den letzten 20 Jahren ist er seit 2019 Mitglied der Academy of Motion Picture Arts and Sciences, die jedes Jahr die begehrten Oscars verleiht. Willy Rollé sprach mit ihm über die Unterschiede der Kurzfilmproduktion in Frankreich und Deutschland.

 

W.R.:  Du bist ein erfolgreicher Produzent. „L’heure de l’ours“ von Agnès Patron war einer von nur zwei französischen Beiträgen im Kurzfilmwettbewerb von Cannes in 2019. „Friend of a Friend“ von Zachary Zezima läuft 2020 in Annecy. „Gros Chagrin“ von Céline Deveaux gewann 2017 den Goldenen Löwen in Venedig. Warum und wie bist du Produzent geworden?

R.D.: Ich bin zufällig Produzent geworden. Ich habe weder eine Ausbildung in Produktion noch habe ich das Fach studiert. Ich komme von der Kunst und Literatur. Einmal habe ich ein Theaterstück geschrieben. Ein Produzent las es und fragte mich, warum ich nicht daraus einen Kurzfilm mache. Ich habe damals schlicht und einfach nicht begriffen, was er meinte. Also erklärte er mir, was ein Kurzfilm ist und bot mir an, ihn zu produzieren. „Aber bevor wir starten, fügte er hinzu, könntest du für mich kostenlos arbeiten, damit du dir ein Bild von der Filmbranche machen kannst.“ Nach zwei Jahren unbezahlter Arbeit gab er zu, dass er den Kurzfilm niemals mit mir produzieren würde: “Aber ich will, dass du für mich wie bisher weiterarbeitest.“ Da verließ ich das Unternehmen.

Aber zum Glück hatte ich einen Autounfall und es wurde bei mir zu Hause eingebrochen. Dank des Geldes von der Versicherung gründete ich meine eigene Produktionsfirma „Sacrebleu“ und produzierte meinen ersten Film. Es wurde ein Desaster. Ich hatte zwar eine Firma, aber war arbeitslos und hatte einen erfolgslosen Film gemacht. Ich stand also am Scheideweg: Entweder die Firma schließen oder sie wiederbeleben. Es war 1999.

LA FLAMME (Ron Dyens, 2001) © Sacrebleu

W.R.: War La Flamme dein erster Kurzfilm?

R.D.: Nein, „La Flamme“ war mein erster Erfolg, mein erster erfolgreicher eigener Film. Dabei waren ein Drehtag und ein Jahr Postproduktion nötig. Er lief auf über 150 Festivals. Mein erster Kurzfilm war richtig schlecht. Ich halte ihn deswegen unter Verschluss.

W.R.: Warum heißt deine Firma „Sacrebleu“?

R.D.: Im Deutschen kann man es am ehesten mit „Mein Gott!” oder „Donnerwetter!“ übersetzen. Es ist ein positives Schimpfwort. „Merde“ – „Scheiße“ – kommt mir zu statisch vor. „Sacrebleu“ bedeutet, es ist ein Problem da, und wir versuchen, dieses Problem zu lösen.

W.R.: Was ist deine Beziehung zu Deutschland?

R.D.: Durch „La Flamme“ lernte ich deutsche Festivals kennen. Ich pflege meine Kontakte z.B. zur Berlinale, zum FILMFEST DRESDEN oder zu interfilm.

Die Beziehungen zu Deutschland möchte ich intensivieren. Sacrebleu selbst ist kein Animationsstudio, aber ich baue gerade zwei Studios auf: „Parangon“ in Straßburg und „Le Studio“ in Marseille. Parangon soll die deutsch-französische Zusammenarbeit bzgl. Animation fördern und ausbauen. Eine Präsentation vom „Parangon“ war beim International Trickfilm Festival Stuttgart 2020 vorgesehen.

W.R.: Zurück zu deinen Anfängen: wie entstand deine erste Produktion?

R.D.: Im Prinzip wurde ich gezwungen Produzent zu werden. Ich gründete meine eigene Produktionsfirma, da ich keinen geeigneten Produzenten fand. Ich wollte Autoren das geben, was ich von den Produzenten selber nicht bekommen hatte. Das Problem ist jetzt, dass ich mich nicht mehr um mich selbst kümmern kann.

W.R.: Warum gibt es in Frankreich so viele Kurzfilmproduktionen in Vergleich zu Deutschland und dem Rest der Welt?

In Deutschland ist die Kurzfilmkultur anders organisiert. Die Filme haben gute Präsentationsplattformen. Durch das föderale System sind viele wichtige Festivals in Städten wie Leipzig, Dresden, Berlin, Stuttgart, München, Hamburg oder Oberhausen.

In Frankreich ist die Festivallandschaft bzw. -wirtschaft mit einer globalen Reichweite eher zentralistisch strukturiert: Clermont-Ferrand für den Kurzfilm; Annecy für den animierten Kurz- und Langfilm; Cannes für die Filme aus der ganzen Welt.

L’HEURE DE L’OURS (Agnès Patron, 2019) © Sacrebleu

W.R.: Warum gibt es in Frankreich eine Kultur des kurzen Formats?

D.R.: In Frankreich ist Kultur im Allgemeinen willkommen. Die Kurzfilmkultur ist ein Bestandteil der französischen Identität, wie Bollywood ein Teil der indischen Selbstwahrnehmung ist. In anderen Ländern sind andere Kulturformen von Bedeutung. Der Kurzfilm gehört zum Außen- und Selbstbild von Frankreich.

Deshalb ist das Land ein Produktionsstandort für Kurzfilm. In Frankreich steht viel Geld für Kurzfilmproduktion zur Verfügung. Ein wesentlicher Unterschied zu Deutschland sind die Produktionsstrukturen, bzw. das arbeitsrechtliche System der “Intermittences” (vorübergehende Beschäftigung) für Mitarbeiter im Bereich des Films, der audiovisuellen Medien und der darstellenden Künste.

W.R: Diese „Intermittents“ – unständig Beschäftigte im Film- und Theaterbereich – arbeiten von Natur aus in oft zeitlich begrenzten Produktionen. Die Arbeitsgeber können einen Künstler oder einen Techniker als Teil einer Produktion durch einen Vertrag über definierte Zeiträume einstellen. Deshalb können die Arbeitsnehmer aus dieser sozio-professionellen Gruppe nach Kriterien der Anzahl der geleisteten Arbeitsstunden und nach einem zusätzlichen Beitrag, in der Zeit, wo sie nicht arbeiten, Arbeitslosengeld erhalten.

R.D.: Genau. Um Anspruch auf dieses Arbeitslosengeld zu haben, müssen wir in den letzten 10 Monaten 507 Stunden gearbeitet haben. Darum können die Menschen dank dieses Status an Projekten arbeiten, die ihnen liegen. Man wird quasi vom Staat quersubventioniert.

W.R.: Frankreich hat somit eine Art Ökosystem für die Filmbranche geschaffen.

R.D.: Ja, es ist nicht mit dem 1-Euro Jobmodell zu vergleichen.

W.R.: Kann man mit Kurzfilm Geld verdienen?

R.D.: Wenn ein Film auf Festivals gut läuft, kann man Preise gewinnen. Aber nicht alle Preisgelder erhält  der Produzent. Man muss unterscheiden zwischen Filmpreisen und Preisen für den Regisseur. Z.B. bei den Oscars  – der Preis für den besten Film ist für den Produzenten, der Preis für die beste Regie wiederum für den Regisseur.

W.R.: Die Produktionsfirma wird also durch die Overheads und nicht durch die Festivalpreise finanziert?

R.D.: Nein, nicht nur. Es sind viele Geldquellen. Vorausgesetzt dein Film ist gut finanziert, sind Overheads da, um von einem Projekt in ein anderes Projekt überzugehen. Mit den Overheads kann man die Entwicklung des nächsten Films finanzieren. Z.B. zwischen zwei Filmen ist eine Phase, wo du kein Geld verdienst, aber du musst dein Unternehmen weiter finanziell am Laufen halten. Ich habe ein Team aus 5 angestellten Mitarbeiter*innen. Es sind keine „Intermittents du spectacles“. Ich muss Projekte finden, die funktionieren. Ich habe ca. 40.000, € laufende Kosten pro Monat, also mindestens 600.000, € muss ich jedes Jahr auftreiben, um alle meine Kosten zu decken.

W.R.: In Deutschland gibt es kaum eine Produktionsfirma, die von der Produktion von Kurzfilmen leben kann. In Frankreich hat ein Kurzfilm ein Budget von durchschnittlich 100.000, – €.

D.R.: Wie gesagt, die Overheads sind nicht die einzigen Instrumente, die eine Kurzfilmbranche in Frankreich ermöglichen. Was die Produktionskosten angeht, können wir nicht so pauschal argumentieren, weil jeder Film ein Prototyp ist. Die geschätzten Kosten pro Minute z.B. eines 2D-Kurzfilms sind 10-15.000 Euro. Diese Schätzungen liegen aber schon zehn Jahre zurück.

W.R.: Gibt es noch andere Unterschiede zu anderen Ländern?

R.D.: In vielen Ländern dient der Kurzfilm als Sprungbrett, um danach einen Langfilm zu realisieren. Wenn dein Kurzfilm nicht gut ist, dann wechselst du den Job. In Frankreich ist es aber nicht unbedingt der Fall. Man kann hier viele schlechte Kurzfilme nacheinander produzieren. Wenn dein Drehbuch einigermaßen gut geschrieben ist,  findest du als Autor immer irgendwie einen Produzenten oder Fördergelder. In Frankreich musst du keine starke so Persönlichkeit haben, um Regisseur zu sein. Du musst nicht viel kämpfen.

W.R.: Ist es nicht eine negative Sicht auf das französische Kurzfilmfördersystem? Die Organisation G.R.E.C.  z. B. veranstaltet Kurzfilm-Workshops. Kurzfilm wird dort als Format für die Aus- und Fortbildung des Filmnachwuchses definiert. Kann man diese Sichtweise auf die gesamte französische Kurzfilmbranche übertragen?

R.D.: Die G.R.E.C. ist ein Sonderfall. Die Abkürzung steht für „Groupe de Recherches et d’Essais Cinématographiques“. Hier wird explizit experimentiert und es werden neue Erfahrungen gefördert. In speziellen Programmen setzen sich junge FilmautorInnen mit den Filmberufen wie Produktion, Drehbuch und Regie auseinander. Dabei bekommst du Geld und musst dein eigenes Team zusammenstellen, um deinen Film zu realisieren. Die entstehenden Filme sind meist gut, denn die Projekte werden im Vorfeld gut ausgewählt.

Aber in den unterschiedlichen Förderkommissionen wo der Autor nicht selber sein Filmvorhaben vorstellt, steht nicht seine Persönlichkeit im Vordergrund. Hier werden im Grunde genommen Gelder ohne hohen Anspruch vergeben. Auf die Persönlichkeit des Projektträgers wird nicht genug geachtet. Eine gute Geschichte ist wichtig, aber es ist auch wichtig zu wissen, wer diese Geschichte trägt. Jeder Autor behauptet, er kämpfe dafür, aber stimmt es? In Frankreich ist der Kult um den Autor so stark, dass er sehr geschützt ist.

W.R.: Welche Bedeutung haben Filmfestivals für den Kurzfilm?

Über diese Frage möchte ich nicht so viel reden, denn wir werden sehen, was jetzt nach dieser Quarantäne-Zeit aufgrund der COVID-19-Pandemie passieren wird. Es finden momentan keine Festivals mehr statt. Es ist eine seltsame verschwommene Periode. Wie werden wir danach reagieren? Wie ist die Wirkung der Online-Festivals auf die gesamte Filmbranche? Durch eine quantitative Evaluation werden wir sehen, wie viele Zuschauer wie viele Filme gesehen haben. Dabei wird aber nur Zuschauerzahl und nicht die „Qualität“ der Zuschauer betrachtet. Fragen werden aufkommen: gibt es wirklich Menschen außerhalb der Filmbranche, die diese Filme sehen wollen? Sind Filmfestivals für alle Menschen wichtig, oder sind es eher Fachveranstaltungen, geschlossene Kreise, wo die Branche in Selbstbeweihräucherung unter sich bleibt und sich selbst feiert? Ob sich diese Phase positiv entwickelt oder nicht, ist jetzt schwierig vorauszusehen. Jede Veränderung irritiert zunächst. Ein Risiko besteht, dass Menschen sich daran gewöhnen, sich weniger zu bewegen, um Inhalte zu empfangen. Das wird nicht nur Konsequenzen auf die Kurzfilmindustrie haben.

W.R.: Wie würdest du deine Arbeit als Produzent definieren?

R.D.: Ich suche. Ich lese. Ich schaue mir vieles an, ich höre zu, ich spreche mit den Menschen. Es ist zeitintensiv. Am Anfang habe ich nichts zurückbekommen: ich war eine Firma unter vielen. Weil ich jetzt aber Erfolg habe, bekomme ich immer mehr Projekte zugesandt. Ich bin aber nicht der Typ, der anderen Produzenten die Autoren wegschnappt. Wenn ein Autor einen Produzenten wechseln möchte, können wir uns gerne unterhalten und sehen was sich dabei ergibt.

GROS CHAGRIN (Céline Devaux, 2017) © Sacrebleu

W.R.:  Kümmerst du dich selbst um die Distribution und, falls ja, welche Distributionskanäle sind zur Zeit am Wichtigsten (Kino, TV, VOD)?

Ich kümmere mich um die Distribution meiner eigenen Kurzfilme. Welche Verwertungskanäle sind heute die wichtigsten? Es kommt darauf an, was man sucht. Fernsehen bringt Geld, aber wenig Sichtbarkeit. Junge Menschen schauen kein Fernsehen mehr.

Festivals sind sehr unterschiedlich: die Berlinale, Annecy, Cannes sind die Großen. Festivals sind wichtig für Filme, für Autoren, für Produzenten. Für die Letzteren wegen der Langfilmprojekte. Denn ein auf Festivals erfolgreicher Produzent kann anschließend mit dem gleichen Autor und/oder mit einem anderen Autor weitere Filme produzieren. Es ist gut als Produzent Dauergast bei Festivals zu sein. Unsere Industrie basiert auf Arbeit, Glaubwürdigkeit und Reputation. Diese Bestandteile müssen Schritt für Schritt aufgebaut werden: es hilft dir bei der Suche nach Geld für deine Projekte. Es ist nicht nur Vitamin „B“. Erfolg ist kein Zufall. Festivalerfolge zeigen, dass Sacrebleu eine seriöse Firma ist. Denn nach einer gewissen Zeit können diese Ergebnisse nicht mehr dem Zufall zugerechnet werden. Wir waren zehn Mal in Cannes, drei Mal in Venedig, drei Mal auf der Berlinale. Wir haben bewiesen, dass wir einen guten Geschmack haben, dass wir gute Filme abliefern. Wir sind nicht die Jury.

 

 

Bis zum 12. September kann man auf arte „L’heure de l’ours“ (Die Stunde des Bären) von Agnès Patron sehen.