„Ich ziehe es vor zu glauben, dass niemand jemals so war wie ich, egal wie klein, wie ein Floh oder eine Mücke von einer Schriftstellerin ich bin. Wichtig ist jedoch die Überzeugung, dass es wirklich ein Metier ist, eine Berufung, etwas, das man sein ganzes Leben lang ausüben wird.“
schrieb Natalia Ginzburg in „Le piccole virtù“. Renate Sami, die in Berlin lebte, drehte über vier Jahrzehnte lang Filme in verschiedenen analogen und digitalen Formaten, die sich jeder Kategorisierung entziehen. Inspiriert wurde sie dabei oft von etwas, das wie ein Geistesblitz wirkte – eine Erinnerung, ein Musikstück, ein Traum, ein Ort oder ein Text.

ES STIRBT ALLERDINGS EIN JEDER, FRAGT SICH NUR WIE UND WIE DU GELEBT HAST. HOLGER MEINS (1975), © Renate Sami
Ein Filmstudent drückte Renate Sami während einer studentischen Besetzung eines zum Abriss bestimmten Krankenhauses eine Super-8-Kamera in die Hand. Im Jahr 1975, als Sami zum ersten Mal eine Kamera in den Händen hielt, waren die Ereignisse der jüngeren Vergangenheit noch allgegenwärtig. Nur wenige Jahre zuvor war auf Rudi Dutschke geschossen worden. Die 68er-Generation, mit der Sami in Berlin verkehrte, hatte sich in verschiedene Fraktionen aufgeteilt. Sie war damals 40 Jahre jung und teilte sich mit Dorothea Ridder eine Dreizimmerwohnung am Bundesplatz. Bevor sie sich dem Filmemachen widmete, arbeitete Sami als Übersetzerin politisch bewusster französischer und englischer Schriften ins Deutsche. Dazu zählen Werke von Walter Lowenfels, Jean Meynaud, Louise Michel, Serge Depaquit und Régis Debray. Im Gegensatz zu vielen ihrer damaligen Filmemacher-Freunde besuchte sie keine Filmschule. Ihr erster Film war ein glücklicher Zufall.
Sami wohnte vor ihrem Umzug an den Bundesplatz im Grunewald 88. Dieser soziale Hotspot war über die Jahre hinweg ein Zuhause für viele Intellektuelle, Militante und Filmemacher*innen in Berlin, darunter Holger Meins, Philip Sauber, Harun Farocki, Andreas Baader und Gudrun Ensslin.
Hier hatte Sami auch Holger Meins kennengelernt. Als sie wegen eines Anschlags auf das Amerika-Haus in Berlin inhaftiert war, um gegen den Einmarsch der USA in Kambodscha zu protestieren, wovon sie später freigesprochen wurde, sah Sami Meins zum letzten Mal persönlich. Holger Meins starb 1974 an den Folgen eines Hungerstreiks gegen die Isolationshaft im Gefängnis. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich die Wege derjenigen, die sich direkt politisch engagieren wollten, von denen derjenigen, die politisch Filme machen wollten, getrennt. Bald darauf begann Renate Sami mit ihrem ersten Film. ES STIRBT ALLERDINGS EIN JEDER, FRAGT SICH NUR WIE UND WIE DU GELEBT HAST (HOLGER MEINS) heißt das Werk.
ES STIRBT… ist ein Film von radikaler Einfachheit. Er verfolgt das schwierige, aber klare Ziel, das Thema staatlicher, medialer und kollektiver Verfolgung zu verhandeln. Dazu hinterfragt er das Wesen der Erinnerungsarbeit selbst – ohne auf eine Gegengeschichte oder politische Rhetorik zurückzugreifen. Dieses Ziel verfolgt auch Gerhard Richters Gemäldeserie aus den späten 1980er Jahren mit dem Titel 18. OKTOBER 1977. Dazu hat Sami eine Reihe von Interviews mit DFFB-Alumni zusammengestellt, die Holger Meins als Freunde oder Kollegen kannten. Die Interviews sind bescheiden inszeniert und drehen sich um persönliche Erinnerungen. Im Film erinnert sich Ulrike Edschmid an Meins‘ anspruchslose Art als Freund, Gerd Conradt spricht offen darüber, wie er Meins bei seinem Film OSKAR LANGENFELD (1966) mit der Kamera assistierte, und Hartmut Bitomsky berichtet von den Differenzen beim gemeinsamen Dreh von 3000 HÄUSER (1967). Harun Farocki kündigt zu Beginn des aufgezeichneten Gesprächs an, nur Fakten zu nennen und keine Erklärungen zu liefern. Und genau das tut er dann auch – um zu erklären, dass Kunst und Politik unterschiedliche Wege zur Realität gehen. Helke Sander und Günter Peter Straschek berichten von ihren Erfahrungen beim Drehen von Filmen für Zielgruppen mit Meins, und Clara Schmidt erinnert sich an seine letzten Tage vor dem Abtauchen. Sami gelingt es auf kühne Weise, Meins als eine typische Figur eines bedeutenden historischen Moments im Nachkriegsdeutschland darzustellen – und zwar durch diese fast banalen Schilderungen mit ihrer nüchternen Unsentimentalität. „Es stirbt“ war einer der ersten Versuche der Kunst, das massenmediale Monopol der Roten Armee Fraktion (RAF) herauszufordern. Viele Künstler wie Sigmar Polke, Martin Kippenberger und Gerhard Richter taten dies später auf eigene Art und Weise.
ES STIRBT… der mit dem Geld finanziert wurde, das Sami als Entschädigung für ihr Jahr im Gefängnis erhalten hatte, weist eine deutliche Nähe zu zeitgenössischen Filmen auf, die Erzählungen und Zeugenaussagen als Recherchewerkzeug nutzen, insbesondere ERZÄHLEN (1975, Harun Farocki & Ingemo Engström) und FILMEMIGRATION AUS NAZIDEUTSCHLAND (1975, Günter Peter Straschek). Obwohl Gespräche und Menschen, die in die Kamera sprechen, im Laufe der Jahre zu einem festen Bestandteil von Samis Filmschaffen werden sollten, ebenso wie die Verwendung von Standbildern als Erzählmittel, wie von Meins zu Beginn des Films, ist ES STIRBT… weit davon entfernt, Sami auf einen vorgezeichneten Weg erkennbarer Vorlieben zu lenken.

JACKPOT (1976) © Renate Sami
Samis filmisches Schaffen sollte weiterhin von einer forschenden Ader geprägt sein, die offen dafür war, sich von der Welt um sie herum formen zu lassen. Sie entschied sich dafür, sowohl reflektierend als auch reaktiv zu sein, und nicht so sehr geschickt, mit einem gelegentlichen Hang zur Konventionalität, wie in ihrem nächsten Projekt JACKPOT (1976), einem Science-Fiction-Film, der in Kolumbien spielt und vom Westdeutschen Rundfunk (WDR) in Auftrag gegeben wurde. Doch schon kurz darauf treten die Freiheit und die kompositorische Einfachheit, die für ihre Arbeit als Filmemacherin so charakteristisch sind, wieder in den Vordergrund und ziehen sich durch alle Filme, die sie in der Folge gedreht hat. Ihre (heute verschollene) Videoarbeit GESCHICHTEN ERZÄHLEN (1978) wurde vom Filmemacher Rudolf Thome für ihre Konkretheit und Sinnlichkeit gelobt. Ein Text, den Thome über den Film schrieb, signalisiert eine Nähe zu den Anliegen des Feminismus der zweiten Welle, eine Vorahnung, die sich leider nicht mehr verifizieren lässt.

CESARE PAVESE. TURIN – SANTO STEFANO BELBO (1985, mit Petra Seeger) © Renate Sami
Samis wichtigster Film der 80er Jahre ist CESARE PAVESE. TURIN – SANTO STEFANO BELBO (1985, mit Petra Seeger), eine experimentelle Verfilmung, die den Ursprung eines Textes in der Biographie seines Autors berücksichtigt. Ein Text ist nicht nur Generator für dramatische Szenarien, sondern auch Materialquelle für Motive, die für weitere Improvisationen neu skaliert werden können, wie in AMERIKA VOR AUGEN ODER KAFKA IN 43 Min. 30 Sek. (1978) von Hanns Zischler.
Vor Cesare Pavese drehte Sami jedoch den überraschenden Anti-Atom-Kurzfilm DIE SCHUTZFOLIE (1983) in Schwarzweiß und einer einzigen Einstellung. Gedreht wurde der Film im Berliner Jungfernheide-Park, wo Sami früher mit ihrer Mutter spazieren ging. In einer einzigen Einstellung sehen wir einen Mann, der versucht, sich in Alufolie einzuwickeln, während eine Frau mit einem Bandoneon ein Lied über die Liebe singt. Samis Direktheit erinnert hier an die Filme der Lumières, eine solch theatralische Inszenierung jedoch taucht in ihren späteren Filmen nicht mehr auf.
Cesare Pavese ist ein Briefwechsel zwischen Sami und Pavese. Sami, die die Schriften Paveses liebte, d teilte ihren Film in zwei Teile auf. Diese spielen an zwei verschiedenen Orten, die für den Schriftsteller von Bedeutung waren. Pavese lebte und arbeitete in Turin, dem Schauplatz seines Romans TRA DONNE SOLE (Nur unter Frauen), und wurde in Santo Stefano Belbo geboren, dem Schauplatz von LA LUNA E I FALÒ (Der Mond und die Lagerfeuer). eide Teile beginnen an Bahnhöfen und entfalten sich zu kuriosen Porträts städtischer und vorstädtischer Schauplätze: ein Café und ein Hotel in Turin, die Umgebung des Flusses Belbo in der Langhe, die belebten Straßen der Stadt, der spärliche Verkehr in der Vorstadt. Einige Zeilen aus den Romanen, ein Kommentar zu den Motiven und Passagen aus Paveses Tagebüchern, die sich auf die beiden Schauplätze beziehen, werden rezitiert. Der Film enthält zwei Interviews mit Freunden Paveses, eines in jedem Teil. Massimo Mila, sein Freund aus Turiner Studententagen, sitzt in seinem Wohnzimmer und erzählt vom Leben des Großstädters Pavese, von seiner politischen Verfolgung und davon, wie seine Überzeugungen manchmal durch die Liebe zu einer Frau, die für die kommunistische Partei arbeitete, getrübt wurden. Das zweite Interview wird mit Pinolo Scaglione, einem Freund Paveses, in dessen Werkstatt im Tal von Santo Stefano Belbo geführt. Scaglione erzählt eine amüsante Anekdote über seine Verwandlung in die Figur des Nuto in La Luna e i Falò. Er bedauert, Pavese in Turin, wenige Tage vor seinem Tod, nicht mehr getroffen zu haben.

MIT PYRAMIDEN (1990) © Renate Sami
Renate Sami, die in den 1950er Jahren sehr jung einen Ägypter heiratete, zog nach Kairo, bekam ein Kind, ließ sich scheiden und kehrte in den 1960er Jahren nach Berlin zurück. Um 1984, als sie Großmutter wurde, besuchte sie oft Kairo und war von der Geschichte und dem Alltagsleben der Stadt begeistert. Dies spiegelt sich auch in den beiden Filmen wider, die sie dort drehte: MIT PYRAMIDEN (1990) und DIE FAHRT NACH KAIRO (1990). In MIT PYRAMIDEN kontrastiert Sami die belebten Straßen, die kakophonischen Märkte und den lärmenden Verkehr Kairos mit den ruhigen Gassen und stillen Cafés, in denen kleine Musikgruppen in aller Ruhe proben. Ihr Interesse gilt sowohl der Gegenwart als auch den archäologischen und architektonischen Überresten der Vergangenheit, der Geschichte, die sich im Rhythmus des täglichen Lebens ablagert. Diese urbane Symphonie von Kairo und den umliegenden antiken Städten wie Memphis wird durch Aufnahmen aus einem Raum, vielleicht Samis, unterbrochen, in dem Auszüge aus historischen Berichten über das Land von al-Maqrizi und Istakhri durch Standbilder von Moscheen und anderen antiken Stätten erzählt werden. Der Film endet mit einer Reihe von langen Einstellungen, die durch die Heckscheibe eines Autos gefilmt wurden, eine Einstellung, aus der auch der einstündige dialoglose Reisefilm DIE FAHRT NACH KAIRO, in dem sich die sich verändernde Stadtlandschaft Kairos zu einem bewegenden Panorama entfaltet, begleitet von der verstörenden Erinnerung an die Vergewaltigung einer Minderjährigen in der Ehe, die Nayra Atiya aus FIVE EGYPTIAN WOMEN TELL THEIR STORIES vorliest.

MIT PYRAMIDEN (1990) © Renate Sami
Ende der 1970er Jahre hatte Sami genug von der politischen Hexenjagd in Westdeutschland und reiste in die USA. Dort entdeckte sie mit Bewunderung den Film THE UNITED STATES OF AMERICA (1975) von James Benning und Bette Gordon, in dem eine Kamera auf dem Rücksitz eines Autos während der gesamten Laufzeit des Films durch die Windschutzscheibe wechselnde Szenen an verschiedenen Orten in Amerika aufnahm, während das Auto fuhr. Diese Begegnung, so wird vermutet, hat eine gewisse Rolle bei den langen Einstellungen aus dem Auto in ihren ägyptischen Filmen gespielt. Sowohl CESARE PAVESE als auch MIT PYRAMIDEN sind tagebuchartige Filme in essayistischer Form, wobei letzterer sogar Züge eines ethnographischen Dokumentarfilms trägt. Sie artikulieren auf poetische Weise eine Begegnung zwischen den Orten und der Filmemacherin, einen durch die Kamera vermittelten Prozess des Kennenlernens. Ohne beschreibend zu sein, verdichtet die sorgfältig eingesetzte Stimme in diesen Filmen nicht nur die Erfahrung dieser Räume, sondern vermittelt auch die Beziehung der Sami zu ihnen. Nach MIT PYRAMIDEN wird die essayistische Form mehr oder weniger zugunsten der tagebuchartigen Form aufgegeben, denn die Filme werden immer persönlicher – sie erzählen von ihrer Umgebung, von den Jahreszeiten, von ihren Freunden und von ihren Reisen.

WENN DU EINE ROSE SIEHST (1995) © Renate Sami
Die Musik tritt an die Stelle der Erzählung und nimmt eine zentrale Rolle ein, immer beschwörend, manchmal eindringlich, in kurzen Ausbrüchen, die sich mit Phasen der Stille mischen, aber nie als Mittel zur Illustration der Bilder. In WENN DU EINE ROSE SIEHST (1995) werden kurze Einstellungen von gelben, weißen und roten Rosen und anderen botanischen Bildern mit der Stimme von Cathy Berberian aus dem Recital von Luciano Berio kombiniert. In BROADWAY MAI 95 (1996) wird eine Collage aus Standbildern und Kameraschwenks von Bürgersteigen, Straßenverkäufern, Kreuzungen, U-Bahn-Stationen, Schaufenstern, Brücken und Parkplätzen in Manhattan mit Musikausschnitten von Henry Purcell und Duke Ellington kombiniert. SARAH SCHUMANN MALT EIN BILD (2015) ist ein einfühlsames Porträt von Samis Malerfreundin Sarah Schumann in ihrem Atelier, während EIN JAHR (2011) ein Wettertagebuch ist, das aus Samis Küchenfenster in Berlin gefilmt wurde. Den krönenden Abschluss dieser Periode bildet FILMTAGEBUCH 1975-1985 (2005), ihr autobiografischster Film, eine kaleidoskopische Chronik ihres sozialen Lebens, die sich aus Material aus ihrem persönlichen Archiv zusammensetzt. Filmmaterial aus verschiedenen Regionen und Zeiträumen in unterschiedlichen Formaten wird zu einem impressionistischen Tagebuch montiert. Die vorletzten Einstellungen von FILMTAGEBUCH stammen aus Turin, aus den Straßen, wo ein Mädchen in ein Café geht und später in der Abenddämmerung ein Buch von Natalia Ginzburg liest, Outtakes von Cesare Pavese, die es nicht in den Film geschafft haben.

FILMTAGEBUCH 1975-1985 (2005) © Renate Sami
Das Filmemachen war nicht Samis einzige Beschäftigung mit dem Film. Zusammen mit ihren Freunden und Filmemachern Ute Aurand und Theo Thiesmeier gründete sie 1997 den Filmsamstag im Filmkunsthaus Babylon in Berlin-Mitte. Diese kollektive Vorführinitiative, die zehn Jahre lang verschiedene kleinere Formen des nichtkommerziellen Arthouse-, Dokumentar-, Amateur- und Experimentalfilms zeigte, blieb in den 1990er Jahren in Deutschland ein einzigartiges kuratorisches Unterfangen. Jahre später drehte Aurand ein feinfühliges Porträt ihrer Freundin RENATE (2021).
Meine letzte Erinnerung an Renate Sami vor ein paar Jahren: wir warteten gemeinsam mit Ute Aurand im Foyer des Kinos Arsenal am Potsdamer Platz in Berlin, um Ernie Gehrs SIDE/WALK/SHUTTLE (1992) zu sehen, einen Film, den Sami sehr mochte. Ich erzählte Sami von einem dummen Vorfall mit der Leiterin einer Kulturinstitution in Brüssel, für die ich 2019 einige ihrer Filme kuratierte. Renate Sami konnte aufgrund ihrer angeschlagenen Gesundheit an deren Vorführungen nicht persönlich teilnehmen. Die Person war empört über das Filmprogramm, weil es Filme über Holger Meins und Cesare Pavese zusammenbrachte, und sie verbarg ihren Ärgern darüber nicht. Ich weiß noch, dass sie sich darüber sehr amüsiert hat.
Renate Sami starb im Dezember 2023 in Berlin.
Ein Dank geht an Ute Aurand für die Unterstützung beim Schreiben dieses Textes