Animierte Geschichten, zum Anfassen

Porträt

Ein Porträt der Künstlerin Betina Kuntzsch, die seit über 30 Jahren an Kurzfilmen und interdisziplinären Projekten arbeitet anlässlich der DOK-Leipzig-Premiere ihres neuesten Films HIMMEL WIE SEIDE. VOLLER ORANGEN

 

HIMMEL WIE SEIDE. VOLLER ORANGEN © BETINA KUNTZSCH

„Wir waren ja so hungrig nach Farben.“

Ein einfacher Satz, der aber ein großes Gefühl, einen kompletten Gemütszustand einzufangen weiß. Gesprochen wird er in HIMMEL WIE SEIDE. VOLLER ORANGEN von Betina Kuntzsch, der gerade auf der DOK Leipzig seine Weltpremiere feierte. Ein Film über die erste Reise von DDR-Bürger*innen nach Mallorca, als die Mauer zwar schon weg war, aber die Wiedervereinigung noch nicht einmal begonnen hatte. Ein Film, den man unweigerlich auch durch die Brille der spätestens seit den Wahlen in Thüringen und Sachsen wieder aufflammenden Diskussionen um Ost und West und die Spaltung der Gesellschaft schaut.

 

Die Ambivalenzen dieser Debatte lassen sich nämlich auch bei Kuntzsch verorten: HIMMEL WIE SEIDE. VOLLER ORANGEN fängt nicht nur das große Glück ein, das Viele angesichts der Reisefreiheit verspürten oder die Hoffnung auf eine neue, bessere Lebensphase, sondern zeigt auch die Arroganz, mit der viele Westdeutsche und auch die Politik den neuen Mitbürger*innen begegne(te)n.

 

Dass man Kuntzschs Film trotzdem nicht als simplen Debattenbeitrag guckt, liegt vor allem an ihrer so eigenen Handschrift, mit der sie im Bereich des animierten Dokumentarfilms heraussticht: HIMMEL WIE SEIDE. VOLLER ORANGEN ist ein Mixed-Media-Projekt aus Postkarten, Fotos, Reisebelegen und alten Interflug-Katalogen, die sich immer wieder über- und ineinander schieben. Die Animation, die sich Kuntzsch als Autodidaktin selbst angeeignet hat, entsteht organisch aus den Bildern heraus. Das Menschenpersonal läuft manchmal los, dreht den Kopf, lacht. Aber es gibt keine Talking Heads, und auch keine flüssigen Bewegungen. Alles bleibt fragmentarisch, wird aufgebrochen, die Konstruktion bleibt immer sichtbar. Die Form ist essayistisch, auch die Tonebene ist eine Collage. Kuntzsch bietet gern Zwischentöne an.

 

HIMMEL WIE SEIDE. VOLLER ORANGEN © Betina Kuntzsch

Mit HIMMEL WIE SEIDE. VOLLER ORANGEN legt Betina Kuntzsch, 1963 in Ostberlin geboren, eine neue Überlegung zur DDR vor. Das Thema bleibt ein roter Faden in ihrem Schaffen, ihre Herkunft sei auch ein „künstlerisches Kapital.“ Und sie ergänzt:

„Ich glaube, ich kann der Geschichtsbuchwirklichkeit – die es auf jeden Fall braucht – noch andere Facetten und vor allem Alltag hinzufügen.“

Im Grunde habe ihre filmische DDR-Auseinandersetzung bereits 1988 mit ihrem Abschlussfilm ICH SASS AUF EINEM STEINE an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig angefangen. Hier studierte Kuntzsch Buchgestaltung. Während ihres einjährigen Volontariats in der Abteilung Grafik des DDR-Fernsehens/Regiewerkstatt, das ihrem Studium vorausging, entdeckte sie aber schon das Bewegtbild für sich. Hier war sie unter anderem für die Abspänne zuständig; dafür mussten die einzelnen Buchstaben noch auf Fotopapier ausgedruckt, einzeln händisch ausgeschnitten, gelegt, aufgeklebt und ausgeleuchtet werden; mit Filzstiften wurden die übrigen weißen „Blitzer“ dann noch zugemalt.

 

ICH SASS AUF EINEM STEINE © Betina Kuntzsch

Ihr Abschlussfilm entstand dann auch direkt dort, wo sie während des Volontariats gesessen hatte: Sie durfte während der nächtlichen Sendepause des DDR-Fernsehens die Studiotechnik nutzen, da an der Hochschule die technischen Voraussetzungen fehlten:

„Die Hochschule hatte ja nicht mal einen Kopierer! Wir haben damals die Kopien mit der Plattenkamera gemacht, Negativfilm auf die Glasplatten geklebt und dann belichtet.“

Mit ICH SASS AUF EINEM STEINE – sie war die Einzige, die in dieser Zeit das Studium mit einem Video abschloss – greift sie Walther von der Vogelweides Gedicht „Ich saz ûf eime steine“ auf, fragt mit ihm nach dem richtigen Leben. Der Film beginnt und endet mit einem Weckerklingeln, das sich zwischenzeitlich in die Geräuschkulisse von Produktion und von Krieg verwandelt. Für die Animation konnte sie den Amiga-Commodore-Computer eines Bekannten nutzen – eine absolute Seltenheit in der DDR; nicht einmal das DDR-Fernsehen besaß einen. Im Film entwickelt sich diese Animation, die Kuntzsch ergänzend zu mittelalterlicher Buchmalerei einsetzte verdichtet sich, begräbt alles, aber zwischenzeitlich wird sie auch springend und elegant, als es um die Kunst geht. Die vielleicht ein Ausweg ist. Heute sagt sie, ICH SASS AUF EINEM STEINE sei vielleicht etwas aus der Zeit gefallen und „zu viel Zeigefinger“ – wir sehen beispielsweise immer wieder ein 1987-DDR-Plakat mit zwei Bauarbeitern, das der „Motivation zur Arbeit“ dienen sollte (Aufschrift: „Klarer Kurs“; „Gut arbeiten gesichert leben!“) – aber wenn dieser zeithistorische Bezug fehlen würde, wäre es ein Film, der vielleicht sogar heute mit seiner optimistischen Sehnsucht nach Systemveränderung Anklang finden könnte.

 

Schon damals arbeitete Kuntzsch mit einer weiblichen Sprecherin mit „Alltagsstimme“: Eine bedachte, ruhige Stimme, die etwas kindlich wirkt und die Zuschauer*innen mit ihrer Narration ins Vertrauen zieht – und gut gebauten Texten, die sehr prägnant und oft assoziativ den Kern der Materie treffen. Kuntzsch spricht viele ihrer Filme selbst, besonders dann, wenn die Themen etwas mit ihr zu tun haben.

 

HALMASPIEL © Betina Kuntzsch

Für HALMASPIEL von 2017, in dem Betina Kuntzsch das Leben ihrer Mutter in Zeiten des Nationalsozialismus, der DDR und dem wiedervereinigten Deutschland betrachtet, war es gar nicht denkbar, mit einer anderen Stimme zu arbeiten. Zu persönlich, zu dicht dran und ein Erinnerungsfundus nebst später Entdeckung: Die Eltern saßen einst für versuchte Republikflucht im Gefängnis und erzählten dies den Kindern erst nach der Wende. Kuntzsch nutzt das Halmaspiel für die ganze Struktur des Films – es ist mal Davidstern, dann mit Zahnseife gemalter Zeitvertreib auf alten ND-Ausgaben (Neues Deutschland – Tageszeitung, von 1946-1989 Zentralorgan der SED) im Gefängnis, später neuronales Netz. Immer wieder werden die „Spielenden“ in Position gebracht; das Spiel als Analogie zum politischen System, das seinen Spieler*innen nur begrenzte Handlungsoptionen gibt. Denn obwohl Betina Kuntzsch ihren Vater als unbequem und für die Oberen als unzuverlässig beschreibt, trat er später sogar in die SED ein, um seine Architektenkarriere weiterzubringen.

„Man soll seine Kinder nicht im Zweifel erziehen,“

das hatte Kuntzschs Großmutter ihrer Tochter mitgegeben. Die Eheleute haben diese Haltung geteilt – und Kuntzsch versteht sie bis heute. Sie habe das Gefühl gehabt, immer mit ihren Eltern sprechen zu können, das sei für sie das Entscheidende gewesen. Nicht, dass man unbedingt alles voneinander wisse.

 

In ihren animierten Sequenzen aus Modeschnittmustern, Kunstblumen, Halmafiguren und vielem mehr nutzt Kuntzsch – auch das neben der Narration ein wiederkehrendes Element – Dokumente wie Aktenverweise, stellt Text frei oder leuchtet ihn aus. Text und Animation entstünden oft parallel, es sei ein wilder Kreativprozess auf ihrem Schreibtisch; oft schmeiße sie am Ende ganze Sequenzen wieder raus. Die Materialität des Dokumentes ist dabei etwas, das sie im Besonderen interessiert, nicht nur die reine Information. Kuntzsch sagt dazu selbst:

„Dokumente haben ja auch haptische Qualitäten, sie erzählen so viel mehr, zum Beispiel, wenn sie verblichen sind oder ein Kaffeefleck drauf zu sehen ist.“

Die Vertiefung in das oft bereits existierende, haptische Material mit ihren Gebrauchsspuren ist für Kuntzsch ein sehr wichtiger Bestandteil ihrer Arbeit, sie nennt sie auf ihrer Website „Medienarchäologie“. Dazu gehört neben diesem Vorgang der Erfahrbahrmachung von Dokumenten auch, und vor allem, der Umgang mit dem Medium Film an sich.

 

Ein großes Herzensprojekt ist in diesem Zusammenhang die Digitalisierung von und die Animationsarbeit mit alten, um 1900 herum entstanden, originalen 35mm-Endlosfilmen (ein Film besteht aus 30 bis 60 Aufnahmen) für die Laterna Magica Kinematografen, die Kuntzsch nach und nach auf eBay gekauft hat. Es ist eine etwas obskure Materialsammlung – denn es handelt sich nicht um Glasplatten, sondern um auf Film gedruckte Aufnahmen, die als Spielzeug gehandelt wurden (und wahrscheinlich deshalb in der Filmgeschichte bisher nicht auftauchen). Kuntzsch liebt das Material, das oft sehr einfache Handlungsabläufe (ein Kellner trägt Teller, jemand fährt Ski, eine Frau legt Wäsche zusammen) abbildet, und je nach Zustand auch durch Verschleiß oder Abnutzung diesen kleinen Geschichten Plot-Twists oder verfrühte Enden aufzwingt:

„Die „Plots“ sind nicht in einer bestimmten Zeit verhaftet, sie sind regelrecht modern, auch durch die einfachen Formen und Farben.“

Seit rund 20 Jahren archiviert und sammelt Kuntzsch die filmhistorischen Aufnahmen; 2015 beginnt sie dann auch, filmisch mit ihnen zu arbeiten.

 

WEGZAUBERN © Betina Kuntzsch

WEGZAUBERN von 2015, der unter anderem die Goldene Taube bei der DOK Leipzig gewann, ist sicherlich das prominenteste Beispiel dieser Re:Animationen: Hier wurde Kuntzsch von den Werken der Sammlung Prinzhorn inspiriert – dort sind Werke von Patient*innen psychiatrischer Anstalten sowie der heutigen Psychiatrie, mehrheitlich aus dem Zeitraum von 1840 bis 1945, archiviert. WEGZAUBERN vorausgegangen waren intensive Recherchen zu den Werken und ihren Urheberinnen, was sie beschäftigte, wer sie waren. Doch während die imaginierte Biografie – eine Ansammlung aus sich im Grunde ständig widersprechenden Lebens(un)möglichkeiten („wird als geheilt entlassen, ertrinkt bei einer Badetherapie“ – ein brillant geschriebener Text basierend auf realen Krankenakten) auf dem Papier seine Form gefunden hatte, tat sich Kuntzsch schwer, passende Bilder zu finden. Dann erinnerte sie sich an ihr Archiv, und brachte die oft naiv wirkenden Bilder langsam, sich wiederholend, vorwärts und rückwärts, in Bewegung. Das Ergebnis, re:animiert aus insgesamt 36 Laterna-Magica-Filmen, ist rührend und nachhallend: Gerade die so fragilen, einfach gezeichneten, zitternden Bilder entsprechen ja stark der beengten und oft fremdbestimmten Lebensrealität vieler Frauen in den Anfängen der Psychiatrie.

 

SCHLEIFENTAGE © Betina Kuntzsch

Auf diese Weise sind auch weitere Re:Animationen entstanden, so zum Beispiel SCHLEIFENTAGE von 2016, mit dem Kuntzsch Auszüge aus Emmy Hennings Roman „Das Brandmal“ kombiniert. Hennings ist eine der Mitbegründer*innen des Dadaismus, und heute leider vielen Menschen nur noch als Frau von Hugo Ball bekannt. Ihr stacheliges, freies Leben zwischen Varietébühne, Schreibtisch und Gefängnis – in einer Zeit, in der Frauen für einen so autonomen Lebensstil unglaubliche Widerstände zu überwinden hatten – faszinierte Kuntzsch schon lange. Ihren Film SCHLEIFENTAGE könnte man als eine liebevolle Hommage an die Außenseiterin Hennings bezeichnen. Und die Außenseiter*innen aus genau dieser Zeit, also um die Jahrthundertwende und im Grunde bis in die 1920er hinein, sind ohnehin ein wichtiges Thema für sie, sagt Kuntzsch.

Das Laterna-Magica-Thema wird ein Bestandteil ihrer Arbeitsweise bleiben, sie kehrt immer wieder dazu zurück. Zwischenzeitlich hat sie rund 600 Filme einzelbildweise mit ihrem Diascanner gescannt und der Deutschen Kinemathek unentgeltlich zur Verfügung gestellt – ein Beitrag zur Filmarchivarbeit, der viel stärker sichtbar sein und auch viel extensiver gefördert werden sollte.

 

LOÏE FULLER. DIE ELEKTRISCHE FEE © Betina Kuntzsch

Zu den Außenseiterinnen-Hommagen zählt auch LOÏE FULLER. DIE ELEKTRISCHE FEE (2022) über das unkonventionelle Leben der amerikanischen Erfinderin des damals unglaublich populären Serpentinentanzes. Warum genau diese Zeit und diese Protagonist*innen, gäbe es nicht auch etwas über Außenseiter*innen zu erzählen, die näher am Hier und Jetzt gelebt haben? Kuntzsch überlegt kurz

„Es gibt oft diese Überheblichkeit der Jetztzeit gegenüber der Vergangenheit, aber wenn man sich anguckt, wofür sie damals schon gekämpft haben … Das ist schon beeindruckend. Und im Grunde stellen wir uns heute noch dieselben Fragen: Wie entsteht Kunst, welche Funktion hat Kunst im Leben? Diese Themen finde ich noch heute spannend.“

Für LOÏE FULLER. DIE ELEKTRISCHE FEE nutzt Kuntzsch neben Archivmaterial aus Fotos und Videoaufnahmen auch flirrende Computeranimationen, mit denen sie Fullers Choreographien einfängt beziehungsweise beschwört (denn es existiert keine einzige Aufzeichnung von Fuller in Bewegung) – von Kuntzsch Video-Zeichnung genannt. Sie begreift die Video-Zeichnung als „Arbeitsthese“, als intuitiven Zeichenprozess, bei dem nicht auf eine konkrete Absichtsform erarbeitet wird, sondern die Form aus der Zeichenwiederholung entsteht, und erst dann durch Loops in Bewegung gebracht wird.

 

SIGNALE. EIN ZEICHENFELD © Betina Kuntzsch

Sie setzt diese Technik auch für abstraktere Arbeiten ein, die keine biografischen Bezüge haben, dazu gehört l ·l – AUF DER SUCHE NACH ELA GEMINADA (2008), ein interdisziplinäres Projekt, das während Kuntzschs Arbeitsaufenthalt im Zentrum für zeitgenössische Kunst Nau Côclea im spanischen Girona entstand. Kuntzsch fotografierte und filmte dafür überall in der Stadt, wo sie die Struktur des l ·l * entdeckte und realisierte im Anschluss 24 Video-Zeichnungen, also auf Einzelbilder verdichtete Video- und Fotosequenzen, die wiederum Anlass zur Inspiration boten: Zusammen mit der katalanischen Autorin Laia Noguera i Clofent und dem Soundkünstler José Manuel Berenguer realisierte Kuntzsch eine Text-Video-Sound-Performance im Atheneu Barcelona. Überhaupt bringt sie ihre Video-Zeichnungen oft in einen installativen, kollaborativen Kontext, zuletzt SIGNALE. EIN ZEICHENFELD am Berliner Kurfürstendamm. Auf eine Folie auf den Boden projiziert, konnten die Fußgänger*innen und Besucher*innen die Video-Zeichnung – welche die Idee aufgreift, dass sich auch unter dem Bordstein mannigfaltige Wege verbergen – für sich erschließen. Ganz gleich, ob sie außerhalb der Projektion standen oder auf ihr umherliefen.

 

VOM SOCKEL DENKEN © Betina Kuntzsch

Ein Projekt für den öffentlichen Raum, das aber auch im Kinosaal gut funktionierte, war VOM SOCKEL DENKEN. VOM SOCKEL DENKEN besteht aus 10 Kurzfilmen und feierte im Rahmen der Langfilm-Präsentation KOPF FAUST FAHNE bei der DOK Leipzig 2021 seine Weltpremiere. Das Projekt entstand als Auftragsarbeit gemeinsam mit der Dramaturgin Christina Schmidt: Betina Kuntzsch hatte den bundesweit ausgeschriebenen Wettbewerb „Künstlerische Kommentierung des Ernst-Thälmann-Denkmals“ des Bezirksamtes Berlin-Pankow gewonnen, ein Projekt für eine Annäherung und Belebung des umstrittenen Denkmals im öffentlichen Raum. Denn der Bau des Denkmals für den legendären KPD-Vorsitzenden und von den Nationalsozialisten ermordeten Ernst Thälmann sowie sein Fortbestehen auch nach der Wendezeit hat immer wieder für Unmut gesorgt. Für die Kurzfilme recherchierten Kuntzsch und Schmidt in diversen, nicht immer leicht zugänglichen Archiven und Depots; es geht um die Einweihung des Denkmals, seine Anwohner*innen, aber auch beispielsweise die Tochter von Ernst Thälmann. Die künstlerische Intervention vor Ort besteht aus fünf roten Betonsockelbänken in den Proportionen des Denkmalssockels. Auf ihnen befinden sich reliefartige Inschriften – die Titel der 10 Kurzfilme, die über QR-Codes an den Sockeln abgerufen werden können. Kuntzsch ist noch heute regelmäßig für Ort und stellt sicher, dass die QR-Codes abgerufen können, da hier viele Sprayer am Werk sind.

 

Es war ein wichtiges und nachhallendes Projekt für Kuntzsch, vor allem in Sachen Rezeption:

„Filmfestivals sind an sich geschützte Räume. Auch hier sagen die Leute schon mal offen, dass sie etwas aus formalen oder inhaltlichen Gründen nicht gut finden, aber sie sind bewusst beim Festival, weil sie sich auseinandersetzen wollen. Das war hier anders.“

Es gab nämlich viele ostalgische, bisweilen verbohrt-ideologische Stimmen in den Sozialen Medien, aber auch vor Ort oder in den Kinosälen, die ihren Umgang mit dem Helden der DDR als respektlos empfanden, in Konfrontation gingen, sie bisweilen beleidigten. Als die Betonsockel feierlich enthüllt wurden, fand gar eine „Gegendemonstration“ statt. Obwohl es in ihren Filmen an keiner Stelle um eine Bloßstellung Ernst Thälmanns geht. Es scheint, als hätten sie die bloße Herangehensweise Kuntzschs – also die Nicht-FDJ-Fahnen-verhängte Belobhudelung und Nicht-Verklärung – schon als Affront gesehen.

 

GASOMETER, einer der Kurzfilme aus dem Projekt VOM SOCKEL DENKEN, verhandelt die Sprengung der Gasometer, die dem Bau der das Denkmal nun umgebenden Wohnanlage voranging. Hier hat auch Kuntzschs Vater einen kurzen Auftritt: Kuntzsch zitiert hier aus einem sehr eloquenten Brief des Vaters, der die Sprengung empfiehlt. Nicht ganz freiwillig, wie sich herausstellt: Eigentlich ein Gegner der Sprengung der historischen Bauwerke, erhielt er Besuch von der Stasi, die ihm das Verfassen des Briefes „nahelegte.“ Kuntzsch hat sich in den letzten Jahren sehr viel mit der Geschichte ihres Vaters beschäftigt, der 2023 verstorben ist. Es sind Unmengen an Material, die ihr vorliegen. Zu viel für einen Kurzfilm, so viel steht schon fest. Eventuell wird diese Arbeit das nächste Projekt, mit dem sich Kuntzsch eben nicht am Diskurs abarbeitet, sondern durch ein intimes Porträt eine animierte Ergänzung zum lauten Polarisierungsgebrüll anbietet.

 

*l·l (Ela Geminada) ist ein Buchstabe, der einzig im Katalanischen existiert. Ein „punt volat“ (geflogener Punkt) sitzt zwischen dem Zwillings-L