Stephan-Flint Müller

Porträt

Filme gegen die Langeweile: Stephan-Flint Müller

FLIEGENPFLICHT FÜR QUADRATKÖPFE © Stephan-Flint Müller

FLIEGENPFLICHT FÜR QUADRATKÖPFE © Stephan-Flint Müller

„Fliegenpflicht für Quadratköpfe“ war fraglos einer der beliebtesten und erfolgreichsten deutschen Kurzfilme der letzten Jahre, der quer durch alle Festivals für Furore sorgte und zahlreiche, völlig unterschiedlich ausgerichtete Wettbewerbe gewann: Den Jugendfilmwettbewerb in Oberhausen, den Publikumspreis im Internationalen Wettbewerb von Annecy, den Hauptpreis der Kunstfilmbiennale Köln. Der Macher dieses amphibischen Films hat gerade mit dem Studium an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg begonnen und heißt Stephan-Flint Müller.

Bereits bei seinen ersten Fotoaufnahmen hat den 1981 geborenen Berliner das Spiel mit den Blick-Perspektiven interessiert: Mit Hilfe von kleinen Manipulationen bei der Bildkomposition ergaben sich überraschende und vor allem amüsante Verfremdungen. Diese Suche nach dem Effekt hat Stephan Müller in das bewegte Bild übernommen: „optische Taschenspielertricks“, nannte es ein Journalist, stehen im Mittelpunkt seines Arbeitens. Dafür verwendet er Nahaufnahme, Zoom und Totale, improvisierte Pappschilder, die ins Bild hereingeschwenkt werden oder Schaukeln, um sich vor häuserwandgroßen Werbeplakaten herunterzulassen und Teil der Werbeinszenierung zu werden.

Zum ersten Mal von der Festivalwelt wahrgenommen wurde Müller mit „Nasse Zigarren für Berlin“, ein aus heutiger Sicht eher infantiles Werk, das im Umfeld des Bundestagswahlkampfes 2002 gedreht und 2003 geschnitten wurde. Der Film war Stephan-Flint Müller anfangs „eher peinlich“, erst die begeisterten Reaktionen seines Umfelds haben ihn dann bewogen, den Film fertig zu schneiden, auf Festivals zu schicken und außerhalb seines Bekanntenkreises vorzuführen. Abgesehen vom Humor, der damals eher auf Diffamierung aus war und teils unangenehm unter der Gürtellinie lag, hat sich die Methode der Filme wenig verändert: Bereits in „Nasse Zigarren für Berlin“ sind es Signets des Alltags, Verkehrsschilder, Wahlplakate, die zum Gegenstand von Verfremdungseffekten oder einfach nur von Mehl und Eier-Attacken werden. Rund 12 Minuten solcher Collagen sind Grundlage von „Fliegenpflicht für Quadratköpfe“.

Eine nachvollziehbare Handlung gibt es in der Berliner Großstadt – Film-Collage „Fliegenpflicht für Quadratköpfe“ nicht: „Eine 22 Jahre alte Berliner Flitzpiepe stellt Methoden der nachhaltigen Langeweileverscheuchung vor“ heißt es zu Beginn auf einer an ästhetische Strategien der Stummfilmära erinnernde Texttafel, ein Statement, dem inhaltlich nicht mehr viel folgt. Der Film pendelt irgendwo zwischen Experimental- und Animationsfilm, ist allerdings vorrangig humorvoll, ohne intellektuell zu über- und zu unterfordern. Während er auf der filmtechnischen Ebene mit Perspektivwechseln spielt, stellt er auf der visuellen Ebene stets neue Assoziationen zwischen Bild und Sprache her, über die er den Dingen einen neuen Sinn gibt: Eine Schaufensterpuppe, die unter anderem den Berliner Fernsehturm oder Werbeschilder als Kopfschmuck trägt, Sprechblasen aus Pappe, die realen Figuren in den Mund gelegt werden, auf der Tonspur krachige Gute-Laune-Musik oder mit rudimentärer Tontechnik aufgenommene Wortfetzen: mit Hilfe von Kombinationen zweidimensionaler Schilder mit der dreidimensionalen Wirklichkeit kommentiert er stets aufs Neue die urbane Wirklichkeit und verfremdet sie. Abstrahiert gesagt: eine spielerische Auseinandersetzung mit den Bildern und Ikonographien der Großstadt.

Der Film war international verständlich und wurde von Festival zu Festival herumgereicht, bis er schließlich im vergangenen Jahr gar den mit 25.000- dotierten BILD-KUNST-Förderpreis für experimentellen Film erhielt. Die Jury lobte ihn für seinen eigenen visuellen Humor, mit der der Künstler „die Ordnung der Konsumwelt“ störe und stattdessen das „Chaos“ feiern wolle. Dieser Eingang in die „Kunstwelt“ überrascht, da der Künstler selbst sich bewusst anti-intellektuell gibt und seine Filme daher keine bewusst intendierten Bezüge zu anderen Vertretern des Experimentalfilms aufweisen.

Die Spontaneität seiner Machart ist zugleich der größte Makel seiner Filme: Sie entstehen meist ohne Konzeption und ohne Drehbuch, was gerade bei „Fliegenpflicht für Quadratköpfe“ nach gewisser Zeit dann auch zu Ermüdungserscheinungen führt. Spannend dürfte daher die Frage sein, wie Stephan-Flint Müller seinen überbordenden Einfallsreichtum in Formen bringen kann, ohne dabei seine Spontaneität zu verlieren. Schließlich ist die sich in den Filmen Ausdruck verleihende unbändige Lust an der Bilderproduktion das, für was Müller steht: Film nicht als Kopfgeburt, sondern die spontane Lust, eine Idee filmisch zu realisieren und am Schneidetisch zusammenzufügen. Wie Stephan-Flint Müller diese Mischung aus Intuition und Konzept gelingt, darauf wartet seine Fangemeinde nun schon eine Weile. Nachdem nach „Fliegenpflicht…“ erst einmal die „Luft raus war“ und er lediglich einige kleine Filmprojekte im Rahmen von Wettbewerben und Ausschreibungen realisierte, beginnt er momentan mit den Vorbereitungen zu seinem nächsten Film. Das Thema dürfte aufhorchen lassen: er beschäftigt sich darin mit Depression.

Filmografie:

Nasse Zigarren für Berlin (2002)

Best of Lukas M. (2003)

Fliegenpflicht für Quadratköpfe (2004)

Schlitzohrwurm (2004)

Tricky (2004)

Putzmittelabenteuer Vol. 1 (2004)

Die kleine Biomahlzeit (2005)

Me and the Mini (2006)

Autor:

Michael Jahn

s. auch:

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