Lukas Marxts Filme suchen ein spezielles Publikum

Porträt

REIGN OF SILENCE © Lukas Marxt

 

Sonderlich gewundert hat sich Lukas Marxt nicht, als Adam Hyman vom LA Filmforum die Zuhörer im Goethe-Institut Los Angeles prophylaktisch tröstete, sie bräuchten sich über den Erzählstrang keine Gedanken machen. Den gäbe es bei Marxts Filmen ohnehin nicht. Oder nur selten.

„Meine Arbeiten sind sehr offen“, sagt Marxt selbst diplomatisch. Der 35-jährige Österreicher hat 2017 sechs Monate in Los Angeles gelebt und gearbeitet.

Hier entstanden neue Arbeiten zu bekannten Themen. Unter anderem verbrachte er mit seiner Lebensgefährtin und mehrfachen Kollaborateurin, Vanja Smiljanić, die Sonnenfinsternis im August in Arco, Idaho. Das knapp 1000 Einwohner zählende Dorf rühmt sich, die erste menschliche Siedlung zu sein, die nur von Atomenergie betrieben wird.

 

Es wundert nicht, dass ihn ein solcher Ort, an dem das drohende Ende der Welt erahnt werden kann, anzieht. Unwirtliche und dem Menschen feindlich gesinnte Schauplätze faszinieren ihn – narrative Erzählweise hin oder her.

Marxt findet gar, es könnte auch eine besondere Qualität seiner Filme sein, dass ihnen ein klarer Anfang und Ende fehlen. Ganz am Anfang, im Studium in Linz, habe er noch „sehr naiv und narrativ gedacht“, sagt er.

Dann habe es sich so ergeben dass er sich von „massenkompatiblen Sachen“ (Marxt) wegbewegt habe. Zunächst studierte er in Graz Umweltsystemwissenschaften und Geographie, bevor er umsattelte. In Linz studierte er Audiovisuelle Gestaltung und in Köln absolvierte er ein Postgraduiertenstudium.

 

Die Art von langsamen Filmen, die der Österreicher macht, muss man als Zuschauer nämlich erst einmal aushalten. Und man muss gewillt sein, viel Eigenleistung zu erbringen, da man nicht an die Hand genommen wird. „Wir sind ja so geprägt, dass alles total narrativ gesehen wird und wir uns als Betrachter immer mit dem Gesehenen identifizieren wollen – man will ja immer etwas verstehen“, sagt Marxt.

Er ist sich allerdings der Tatsache bewusst, dass sich nur ein „sehr spezielles Publikum“ (Marxt) länger mit Experimentalfilm beschäftigt. Das mag einer der Gründe sein, warum er gerne parallel Arbeiten für Ausstellungen produziert. Seine Videoinstallationen können dort Menschen erreichen, die sich vielleicht kein Kurzfilmprogramm anschauen würden.

Mit seinen langen Kameraeinstellungen – oftmals gibt es überhaupt nur eine Kamera und einen Blickwinkel – entziehen sich Marxts Filme der von ihm angesprochenen Logik des Verstehenwollens. Sie wirken wie ein Relikt aus dem vergangenen Jahrhundert, fast schon als Gegenentwurf zur beschleunigten Zeit in der wir leben. Forscher haben herausgefunden, dass der durchschnittliche Besucher einer Webseite sich nur etwas mehr als 2,5 Minuten Zeit nimmt, ein Video anzusehen.

Diese Entschleunigung ist beabsichtigt. Marxt möchte dem Betrachter die Möglichkeit geben, sich wieder mehr mit sich selbst zu beschäftigen.

„Man kann ja gar nicht mehr mithalten!“ sagt er über eine Welt, in der pro Minute 300 Stunden Videomaterial auf YouTube hochgeladen wird.

Für Filme von Lukas Marxt muss sich der Zuschauer Zeit nehmen – so wie sich der Filmemacher beim Filmen auch Zeit nahm. Auch das Gefühl beim Betrachter, allein gelassen zu werden, ist durchaus gewollt. Durch das auf-sich-selbst zurückgeworfen-sein entstehe ein viel intensiverer Dialog zwischen Betrachter und Kunstwerk, so Marxt.

 

Schon in frühen Arbeiten, wie zum Beispiel REIGN OF SILENCE wird deutlich wohin die filmische Reise geht. Es handelt sich um die Dokumentation eines menschlichen Eingriffs in die Natur. Zunächst passiert eine Weile nichts und wir starren auf eine Welt aus Eis und Schnee. Dann kommt von rechts ein Boot und fängt an im Kreis zu fahren. Abtritt: Boot links. Der Film endet, wie er begonnen hat – mit Eis und Schnee. Die Spuren des menschlichen Eingriffs lassen sich nur noch erahnen, die Natur hat wieder das Ruder übernommen und mit ihren Selbstheilungskräften die Spuren des Menschen beseitigt.

 

Vermutlich nicht zuletzt wegen seiner Affinität zu Kreisen und kreisförmigen Bewegung wird vielfach der Bezug zu Robert Smithsons „spiral jetty“ hergestellt. Das 1970 entstandene Kunstwerk aus Basaltstein und Erde stellt eines der wohl bekanntesten Werke der ‚land art‘ dar. Die Künstlerbewegung im vornehmlich englischsprachigen Raum der 60er und 70er Jahre bediente sich natürlicher Materialien und erstellte Strukturen in der Natur, die nach ihrem Entstehungsprozess wieder den Elementen überlassen wurden.

 

Was Marxts Filme und Installationen mit ‚land art‘ gemein haben, ist eine skulpturale Qualität, die dem Österreicher sehr wichtig ist und die besonders im Ausstellungsraum hervorsticht. Er wolle, dass seine Installationen einen Körper haben, der mit dem Boden verbunden ist, sozusagen geerdet ist.

„In dem Moment, wo die Bilder mit dem Boden verbunden sind, haben sie eine ganz andere Haptik im Raum, dadurch ist es viel präsenter als im Kino, wo es immer um Illusion und Fiktion geht“, sagt Marxt.

Auf der anderen Seite geht es Marxt nicht so sehr darum, sich in der Natur dauerhaft einzuschreiben, sondern das, was passiert (oder nicht passiert) einzufangen, aufzuarbeiten und in den Ausstellungsraum oder ins Kino zu transportieren.

 

Vertreter der ‚land art‘ wie Robert Smithson und Michael Heizer wollten sich hingegen dem klassischen kommerziellen Ausstellungsbetrieb entziehen. Die eigentlichen Kunstwerke existieren nur außerhalb des Kinos oder der Galerien und Museen. Gezeigt wurden Fotos und Filme, die das Entstehen der Kunstwerke dokumentierten. Bei Marxt gibt es am Ende der Filmarbeit kein dauerhaftes Gebilde, das in der Landschaft zurück bleibt.

 

CIRCULAR INSCRIPTION (2016) illustriert gut den Denk- und Arbeitsprozess des Künstlers. Während bei REIGN OF SILENCE erst der Ort vorhanden war, zäumte er das Pferd bei CIRCULAR INSCRIPTION von der anderen Seite her auf, und suchte nach einem passenden Ort für eine weitere Arbeit zum Thema Kreise. Ein weißes Auto zeichnet mit seinen Reifen kreisförmige Spuren in den Sand, die immer weiter und weiter werden. Das Auto fährt schneller und schneller. Der Zuschauer nimmt die Adlerperspektive ein.

 

Was Marxt an der Sonnenfinsternis, einem weiteren Lieblingsthema, fasziniert, ist die universelle und epische Qualität des Geschehens. „In dem Moment wo man dieses schwarze Loch am Himmel sieht, fühlt man sich einfach sehr klein und auf sich zurückgeworfen“. Außerdem ermögliche es ihm ein solch monumentales Ereignis sich dem Größenverhältnis zwischen dem Betrachter mit der Kamera und dem Rest der Welt oder des Universums zu nähern.

Seine erste Sonnenfinsternis verarbeitete er im Film DOUBLE DAWN (2014). Der Schauplatz ist eine Uranmine im Northern Territory von Australien. Es lagen nur wenige Minuten zwischen dem Sonnenaufgang und der totalen Verdunkelung. Trotzdem ist der Film fast 30 Minuten lang. Außer Geräuschen von Tieren und Autos hört und sieht man lange nichts. Der ungeschulte Betrachter kann die Uranmine als solche nicht erkennen. Das große Loch im roten Fels könnte genauso gut ein Bombenkrater sein. Dies weckt existentielle und apokalyptische Assoziationen.

In SHADOWLAND (2017) mit Vanja Smiljanić, der zweiten Arbeit zum Thema Sonnenfinsternis, ist der Betrachter nicht alleine mit dem Naturschauspiel – genauso wenig wie der Filmemacher beim Filmen alleine war. Auf den Faröer Inseln gesellen sich andere Sonnenfinsternisjäger und sogar zwei Bands hinzu. Es gibt etwas schnellere Kamerafolgen und Schnitte, mehr Nahaufnahmen und sogar Sprache. Eine Frau berichtet aus dem Off über die lebensverändernde Qualität der Sonnenfinsternis – Das Ganze kulminiert mit dem Konzert einer Band, welche die Verdunklungsphase hindurch auf einer Klippe spielt.

In SHADOWLAND lässt sich durchaus eine Entwicklung des Filmemachers hin zu etwas schnelleren Bildabfolgen und dem Einsatz von Menschen und Sprache erkennen.

 

Für die weitgehende Abwesenheit von Menschen und Sprache in seinen bisherigen Arbeiten führt er vor allem praktische Gründe an. Er habe schon im Studium gemerkt, dass er sich als One-Man-Band (d. h. er macht alles alleine von Kamera über Ton bis zum Schnitt) am wohlsten fühle. Es sei deswegen schwierig gewesen, mit Menschen und Dialog umzugehen.

„Dadurch bin ich natürlich limitiert in dem was ich mache, aber im selben Moment auch total frei“, sagt Marxt.

Zunehmend habe er aber Geschmack an kollaborativen Arbeiten gefunden und suche eine neue Herausforderung. Geplant ist zum Beispiel ein filmisches Porträt in Spielfilmlänge über einen Eremiten, den Marxt auf Lanzarote während der Aufnahmen für seine Diplomarbeit getroffen hat.

 

Ein Produkt einer solch fruchtbaren künstlerischen Zusammenarbeit ist FISHING IS NOT DONE ON TUESDAYS (2016), ein Film mit Marcel Odenbach. Das Konzept war einfach, berichtet Marxt: Nach Ghana fliegen, drei Wochen im Haus sein und einen Film darüber machen. „Und ich bring meine Drohne mit“.

Neben der allgegenwärtigen Natur gibt es hier noch einen weiteren Protagonisten: Marcel Odenbachs und Carsten Höllers Haus in Ghana. Es handle sich durchaus um eine experimentelle Architekturbeschreibung.

Der Film hat drei verschiedene Erzählebenen:

  1. Das Haus wird beobachtet (mit der Kamera),
  2. Vom Haus aus wird mit dem Teleskop ins Nachbardorf und auf Fischerboote geschaut und
  3. Die Vogelperspektive.

Es gibt keine Innenaufnahmen, außer von den Neonröhren, die mit den Grillen wetteifern, wer lauter ist. Oder doch? Für den Betrachter verschwimmen die Grenzen zwischen drinnen und draußen.

 

FISHING IS NOT DONE ON TUESDAYS © Lukas Marxt, Marcel Odenbach

 

Die Eröffnungsszene mit Rotorenlärm erinnert an das Intro der Fernsehserie MASH mit seinem Flug über üppige Vegetation. Dieser Film zeichnet ein anderes Bild von Afrika als das, was die Medien täglich transportieren. Ghana wird hier nicht als Steppe und öde Wüste gezeigt. Es sind auch keine hungernden Kinder mit dicken Bäuchen zu sehen. Wir haben es mit einem grünes Paradies und einem grauen Haus auf Stelzen zu tun.

Auf der anderen Seite laden die Geräusche nicht dazu ein, sich zu entspannen. Der Rotorenlärm könnte genauso gut von Rebellen stammen. Und wen oder was jagen die Männer mit Speeren?

 

Marxt selbst sieht seine Arbeiten durchaus als politisch an. Allerdings möchte er Zuschauer nicht mit seiner Botschaft erschlagen, sondern traut ihnen zu, dass sie die nötigen Schlüsse selbst ziehen können – wenn sie denn lange genug im Kino sitzen bleiben oder im Ausstellungssaal verweilen.

Ökologie und Geschichte werden zunehmend wichtiger, sagt Marxt. Es stellen sich Fragen wie: Welche Ressourcen haben wir schon genutzt? Was ist damit zerstört worden? Wie wird damit umgegangen? Er möchte die Absurdität menschlichen Verhaltens ins Gedächtnis rufen.

Spuren dieses menschlichen Verhaltens findet er überall auf der Welt. Oftmals und gerne in entlegenen Gefilden. Schon als Student wurde Marxt vom Reisen inspiriert. Seine Filme und Installationen haben z.B. Spitzbergen, Lanzarote, Australien oder die Faröer Inseln als Schauplatz.

 

Er habe beobachtet, dass die Rezeption seiner Arbeiten stark kulturell geprägt sei, sagt Marxt. In Norwegen zum Beispiel fänden die Leute Filme über Bohrinseln oder karge Landschaften mit viel Nebel und Wasser nichts Außergewöhnliches.

„Wenn man jetzt mit diesen Landschaften oder Geschichten vertraut ist, dann sucht man sicher nach etwas Tieferem, als wenn für einen das Bild alleine schon so gewaltig ist, dass man beim ersten oder zweiten Mal ansehen diese Fragen noch gar nicht stellen kann“.

Beim ersten Ansehen seien Zuschauer in anderen Kulturkreisen oftmals zu überwältigt von den Bildern und der Natur, als dass sie in einen Dialog mit dem Gesehenen treten könnten.

 

Schon im Studium setzte sich Marxt mit anderen Künstlern auseinander, die ähnliche Themen in ihren Arbeiten verfolgen – wie z. B. Vertreter der ‚land art‘- Bewegung. Davon sollte man sich nicht unterkriegen lassen, findet er.

„Es ist eher ein Zeugnis davon, dass es die Sache auch wert ist, oder dass es einen Grund gibt, warum Leute sich immer wieder mit diesem Thema beschäftigen“, sagt er.

In vielen seiner Arbeiten geht es um die Spannung zwischen etwas, das an Spinozas Idee der selbsttätigen Natur (natura naturans) erinnert, und den Spuren menschlichen Eingreifens in eben diese.

 

Auf Natur als Thema und Akteur hat Marxt sicherlich kein Monopol. Ebenso wenig hat er langsame Filme erfunden. Der Begriff des ’slow cinema‘ wurde in den frühen 2000ern geprägt, um Filme zu beschreiben, die lange Kameraeinstellungen und wenig Emotion bzw. Bewegung auszeichnen.

Wenn, wie in Marxts Werken oft der Fall, beobachtet wird, was passiert, wird die Natur zum eigentlichen Protagonisten. Marxt setzt Nebel als filmisches Werkzeug ein. Für den Betrachter mag so die Orientierungslosigkeit verstärkt werden, die durch die Abwesenheit von erzählerischem Anfang und Ende hervorgerufen wird. Es ist bei Marxts filmischen Versuchsanordnungen oftmals nicht klar, wo sich die Kamera befindet oder worauf sie gerichtet ist.

Außerdem dient der Nebel als Überleitung wenn es nur eine Kameraeinstellung gibt. Er zieht auf, enthüllt etwas und verhüllt es dann wieder. Dies ersetzt den Schnitt.

Beispiele für den filmischen Einsatz von Nebel sind die Videoarbeit CURRENT SHOT 2, SHADOWLAND und CIRCULAR INSCRIPTION. Bei letzterem ersetzt der Staub, der durch die Autoreifen aufgewirbelt wird den natürlichen Nebel. In WUNDERSCHÖN UND RUHIG GELEGEN, einer der wenigen Filme die Marxt im deutschsprachigen Raum gedreht hat, gibt es gleich beide Arten von Nebel: den natürlichen und den von Menschen gemachten, durch Explosionsrauch. Das Gleiche gilt für CAPE GROUND.

 

Vernebelt findet Marxt, sind auch die Grenzen zwischen kreativen Berufsbeschreibungen. Wenn man ihn auf Englisch nach seiner Tätigkeit befragt, sage er meistens „I’m an artist“. Auf Deutsch wird es etwas komplizierter.

Der Begriff Künstler ist so ein schwieriges oder großes Gebilde. Dabei komme es sehr stark auf die Definition des Fragestellers an. Und wenn er „Filmemacher“ sage, dann wollten die Leute immer gleich wissen, wo sie seine Filme sehen könnten. Mittlerweile habe er sich aber mit beiden Begriffen angefreundet.

Seine künstlerischen Wurzeln reichen bis in sein Elternhaus in der Steiermark zurück. Sein Vater habe immer mit seiner Videokamera gefilmt. So sammelten sich zum Beispiel 50 Stunden Material über das abendliche Familienessen an. Der Sinn für entschleunigte Filme scheint in der Familie zu liegen.

 

Links

 

http://lukasmarxt.com/

 

 

Filmography

 

2011 RISING FALL

 

2012 NELLA FANTASIA

 

2013 TWO SKIES

 

2013 ITS SEEMS TO BE LONELINESS BUT IT IS NOT

 

2013 REIGN OF SILENCE

 

2014 BLACK RAIN WHITE SCARS

 

2014 LOW TIDE

 

2014 DOUBLE DAWN

 

2014 HIGH TIDE

 

2015 WUNDERSCHÖN UND RUHIG GELEGEN

 

2015 CAPTIVE HORIZON

 

2016 CIRCULAR INSCRIPTION

 

2016 CAPE GROUND

 

2017 FISHING IS NOT DONE ON TUESDAYS

 

2017 SHADOWLAND