Stoptrick

Kathrin Albers und Jim Lacy

DIE SCHIEFE BAHN © Stoptrick

DIE SCHIEFE BAHN © Stoptrick

Die Firma, mit der Kathrin Albers und Jim Lacy seit 2001 in Hamburg ihre Animationsfilme realisieren, heißt wie die Technik, mit der sie arbeiten: Stoptrick.
Das Stoptrickverfahren ist eine der Urformen des Animationsfilms. Mit seiner Hilfe kann man Knetfiguren, Legomännchen und alle möglichen anderen Gegenstände wie von Zauberhand in Bewegung versetzen. Sowohl in „King Kong“ (dem Original aus den 30er Jahren) als auch in Alfred Hitchcocks „Die Vögel“ wurde Stoptricktechnik eingesetzt. Heute sind im klassischen Kinofilm kaum noch Stoptricks zu sehen, die Computeranimation hat ihnen weitestgehend den Rang abgelaufen. Eine Ausnahme bilden die Filme der Aardman Studios wie“Chicken Run“ oder „Wallace and Gromit“ und eben die Kurzfilme aus dem kleinen Studio in Hamburg Altona.

Ähnlich dem Prinzip des Daumenkinos werden beim Stoptrick viele tausend Einzelbilder „geschossen“, auf denen sukzessive Detail für Detail verändert wird. In schneller Folge aneinanderreiht erwecken diese Einzelbilder aufgrund der natürlichen Trägheit unseres Sehapparates die Illusion einer flüssigen Bewegung. Zumindest dann, wenn die Filmemacher ihr Handwerk verstehen und bereit sind, viel Zeit zu investieren. Für eine fertige Stoptrick-Filmminute braucht es mindestens 1400 Bilder. Auch wenn es dafür natürlich keinen Richtwert gibt, so dauert die Produktion einer Filmminute mindestens einen Monat, sagt Jim Lacy. Mit Stoptrick zu arbeiten erfordert also (wie so viele Animationstechniken) sowohl Fingerspitzengefühl als auch eine Menge Geduld.

Für ihren aktuellen Film, die Puppenanimation „Die schiefe Bahn“ (2008), eine beißend ironische Komödie, die das glücklose Agieren der Deutschen Bahn in Zeiten der Privatisierung aufs Korn nimmt, benötigte das Duo Lacy/Albers zum Beispiel gut ein Jahr reine Produktionszeit. Darin noch nicht inbegriffen ist wohlgemerkt die Vorbereitungszeit, in der die Idee entwickelt, das Drehbuch und die Förderanträge geschrieben und das Design ausgeklügelt wurde. Allerdings war die Satire auf den ehemaligen Staatsbetrieb, der seit Jahren an der Metamorphose in ein modernes, gewinnorientiertes Transportunternehmen knabbert, auch ein ungewöhnlich langwieriges Unternehmen. Die Ähnlichkeit mit den realen Ereignissen, etwa dem immer wieder verschleppten Börsengang der Deutschen Bahn, sind aber rein zufällig, wie Kathrin Albers, die bei Stoptrick fürs Design und die Gestaltung der Figuren zuständig ist, lachend betont.

Anders als die Bahn, deren Börsennotierung bis heute (November 2008) aussteht, hat es „Die schiefe Bahn“ inzwischen allerdings bis ans Ziel, also auf die Kinoleinwand geschafft und wurde prompt mit mehreren Preisen bedacht, darunter dem Kurzfilmpreis des Filmfestes Schleswig-Holstein und dem Publikumspreis des Kurzfilmfestivals in Hamburg. Die Filmbewertungsstelle FBW, die den Film mit dem Prädikat „Besonders wertvoll“ auszeichnete, schreibt darüber: „Mit viel Ironie, Witz und einer unglaublichen Formenvielfalt nehmen Kathrin Albers und Jim Lacy den Wandel vom Staatsbetrieb zum börsennotierten, nur auf Gewinn bedachten Unternehmen auf die Schippe. Ein politisches Thema, das humorvoll zugespitzt und herausragend umgesetzt ist und zu Recht bereits mehrfach ausgezeichnet wurde.“.

Für Kathrin Albers ist, ist „Die schiefe Bahn“ ohnehin ein ganz besonderes Projekt. Das liegt zum Einen daran, dass es mit knapp 10 Minuten ihr bisher längster Film geworden ist, zum anderen aber auch an der ungewöhnlichen langen Zeit, die der Film von der ersten Idee bis zur Premiere benötigte. Die Zusage der Hamburger Filmförderung, die den offiziellen Projektstart markiert, erfolgte schon 2003. Trotzdem feierte der Film seine Premiere erst 2008 beim Filmfest Schleswig-Holstein. Diese selbst für einen „handgemachten“ Animationsfilm relativ lange Produktionszeit relativiert sich allerdings, wenn man sich vergegenwärtigt, dass parallel dazu diverse andere Kurzfilme und Werbetrailer im Stoptrickstudio entstanden sind.

Einen guten Eindruck über den Output vermittelt die Webseite des Studios www.stoptrick.com, auf der Ausschnitte aus den verschiedenen Arbeiten zu sehen sind. Wie der Name schon sagt, arbeitet das Studio fast ausschließlich mit Stoptrick. Computeranimationen sind für Jim Lacy und Kathrin Albers (fast) kein Thema. Es gibt ohnehin viel zu viele Animationsstudios, die mit immer neuen digitalen Raffinessen auf die Jagd nach Auftraggebern oder Förderungen gehen. Das Stoptrickstudio konzentriert sich da lieber auf seine klassischen Kernkompetenzen und besetzt damit in Deutschland eine Nische. Allerdings sind die Hamburger, was den Gebrauch von Computern angeht, durchaus pragmatisch. Der Schnitt, bei dem das Regieduo von Georg Krefeld als Drittem im Bunde unterstützt wird, wird selbstverständlich auch hier längst am Computer besorgt und die digitale Retusche von Hintergründen spart den Filmemachern inzwischen eine Menge Zeit. Trotzdem bleibt die Animation weitestgehend Handarbeit und die einzelnen Szenen müssen deshalb schon im Drehbuchstadium möglichst exakt geplant werden, damit in den handgemachten Kulissen später auch alle notwendigen Kamerafahrten machbar sind und keine Anschlussfehler entstehen.

Kathrin Albers sagt rückblickend, dass sie einen handwerklich so komplexen und aufwändigen Film wie „Die schiefe Bahn“ 2003 technisch noch gar nicht bewältigt hätten und es insofern absolut sinnvoll war, vor dem Abschluss dieses aufwendigen Großprojekts, das mit seinen vielen Sets und rasanten Kamerafahrten so gar nicht nach handanimiertem Stoptrick aussieht, erst mit anderen Filmen weitere Erfahrungen zu sammeln.

Neben Werbespots (für Reno, Freenet oder auch die Filmförderung Hamburg), einem wunderbaren Musikvideo für die Hamburger Band „Blumfeld“ und Trailern (z.B. für das Hamburger Kurzfilmfestival) entstand in dieser Zeit mit „Spelunkers“ (2002) auch eine köstliche Satire über den damals heiß diskutierten Grünen Punkt. Der konsequent im trashigen B-Movie-Horror-Style gehaltene Knetmännchen-Kurzfilm nimmt auf humorvolle Weise die in Deutschland endlos debattierte Pfandflaschenproblematik auf und wurde dafür ebenfalls mit verschiedenen Preisen bedacht. Trotz des schrägen Humors haben die Eigenproduktionen aus dem Hause Stoptrick immer einen starken Hang zum sozialkritischen Blick auf aktuelle gesellschaftliche Problemfelder.

Das verwundert kaum, wenn man weiß, dass Jim Lacy, der für die Drehbücher zuständig ist, studierter Politikwissenschaftler ist. Der gebürtige Texaner, der schon in seiner Jugend mit der Super-8-Kamera seiner Eltern kleine Trickfilme gedreht hat, ist ein klassischer Quereinsteiger, der sich inzwischen allerdings zum gefragten Spezialisten für den Umgang mit den speziellen Motion Control Kameras entwickelt hat. Seine Dienste als Kameramann nehmen vor allem Werbeproduktionsfirmen gern in Anspruch. Ohne solche Einsätze als Dienstleister hätte es das Stoptrickstudio schwer, die eigenen Projekte zu finanzieren. Von Kurzfilm allein kann nun mal niemand leben, so Lacy lakonisch.

Das gilt in Deutschland leider noch immer für so gut wie alle Formen des künstlerisch anspruchsvollen Kurzfilms (mal abgesehen von Werbeclips, die zwar manchmal ebenfalls kleine Kunstwerke sind, aber letztlich eben doch vor allem dem Zweck der Werbung dienen). Kurze Animationsfilme, die wie diejenigen aus dem Hause Lacy/Albers mit ihren politischen Themen und ihrem explizit ironischen Humor eindeutig auf ein erwachsenes Publikum zielen und für Kinder eher ungeeignet sind, haben es im Rennen um Filmfördergelder naturgemäß nicht ganz einfach. Da war es schon ein Glücksfall, dass das Regieduo im Rahmen der Ausschreibung „Mach doch was Du willst“ der Kulturstiftung des Bundes und der Kurzfilmagentur ihren Film „Peters Prinzip“ (2007) realisieren konnte.

Gesucht wurden Filmkonzepte, die auf die Frage nach der Zukunft unserer Arbeitswelt mit originellen Ideen und Visionen aufwarten. Angesichts der immer schärferen Konkurrenz um rare Jobs fiel dem gebürtigen US-Amerikaner Lacy dazu sofort das sogenannte Peter Prinzip ein, demzufolge jeder Beschäftigte in einer Hierarchie so lange befördert wird, bis er auf einem Posten angekommen ist, für den er nicht (mehr) qualifiziert ist. In den USA ist das Peter Prinzip ähnlich bekannt wie bei uns Murphys Law und Lacy wunderte sich nicht schlecht darüber, dass diese These in Deutschland so gut wie unbekannt war, trotz so vieler beredter Beispiele in Politik, Wirtschaft und Verwaltung.

Die beiden Hamburger machten sich also daran, dies schnellstmöglich zu ändern und begannen mit der Arbeit an „Peters Prinzip“, der sowohl auf der Sammel-DVD des „Mach doch was Du willst“-Projektes veröffentlicht wurde als auch erfolgreich auf Festivals gelaufen ist. Angesichts der Tatsache, dass an die Ausschreibung ein sehr klarer Zeitplan geknüpft war, schoben sie „Peters Prinzip“ einfach dazwischen, bevor sie „Die Schiefe Bahn“ fertig gestellt hatten. Sensibilisiert durch die vorangegangenen langwierigen und komplizierten Dreharbeiten des Bahnkrimis und angesichts eines begrenzten Budgets gingen sie dieses Mal ausgesprochen pragmatisch vor: begrenzten die Charaktere auf einen überschaubaren „Cast“ von vier Figuren (Elefant, Krokodil, Katze und Maus), die in Knete gestaltet wurden. Statt wilder Kamerafahrten stand diesmal die Komik des Off-Kommentars im Mittelpunkt und die Schauplätze (und damit die Anzahl der Sets, die alle extra gebaut werden müssen) wurden drastisch begrenzt. Und der Pragmatismus trug Früchte. Nach nur 3 Monaten war der Film fertig, dem man seine vergleichsweise rationelle Produktionsweise nicht ansieht. „Peters Prinzip“ ist ein Film wie aus einem Guss, der auf ausgesprochen komische und kurzweilige Weise die abstrakten, wissenschaftstheoretischen Aussagen greifbar macht. Am Ende steht fest: Wer faul, boshaft und unfähig genug ist, kann es sehr sehr weit bringen. Besonders begehrt bei den Chefs sind die gerade die unfähigsten Mitarbeiter – sie werden ihren Vorgesetzten am wenigsten gefährlich.

Beide Filme starteten schließlich im kurzen Abstand und auch „Peters Prinzip“ erhielt verschiedene Auszeichnungen, darunter den Kurzfilmpreis der Friedrich Wilhelm Murnau Stiftung und den Wirtschaftsfilmpreis 2007. Gerade weil beide Arbeiten so unterschiedlich sind, was ihre Entstehungsgeschichte und auch ihre ästhetische Umsetzung betrifft, charakterisieren sie auf hervorragende Weise die Bandbreite des Stoptrickstudios.

Den schwierigen Spagat zwischen Pragmatismus und Prinzipientreue, zwischen Wirtschaftlichkeit und kreativem Wahnsinn haben Kathrin Albers und Jim Lacy bisher ganz wunderbar gemeistert. Jetzt, wo die beiden Großprojekte im Kasten sind, erfreuen sie sich an den Erfolgen, helfen nebenbei bei Werbefilmprojekten benachbarter Produktionsfirmen, indem sie mit geübten Händen Pralinenschachteln in Bewegung versetzen und träumen vom nächsten Großprojekt, das – zumindest bisher – noch nicht ansatzweise durch Pragmatismus getrübt wurde. Kathrin Albers verrät nur so viel, dass sie sich als nächstes am liebsten an einem Langfilm versuchen würden. Ruft man sich die Faustregel 1 Minute = 1 Monat ins Gedächtnis, wird einem die Dimension dieser Planung schlagartig bewusst. Auf die vorsichtige Nachfrage, worum es denn gehen soll, antwortet Albers lachend: ach, gar nichts Kompliziertes, am liebsten reines Genrekino“ vielleicht einen Rallyefilm?

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