Jörn Staeger

REISE ZUM WALD © Jörn Staeger

REISE ZUM WALD © Jörn Staeger

Filme aus der Tiefe des Unterbewusstseins

Blassgrünes Wasser schlägt blasenwerfend über der Kameralinse zusammen. Mehrmals scheint das Objektiv noch nach Luft zu schnappen, bevor es dem Sog in die düsteren Tiefen der Nordsee nichts mehr entgegen zu setzen hat und langsam abtaucht. Sobald der Kampf gegen das Meer verloren ist, tritt eine fast sphärische Ruhe ein und die Kamera (und mit ihr der Zuschauer) floatet für eine Weile schwerelos durch eine düstere, nur von einzelnen Sonnenstrahlen durchbrochene, friedliche Unterwasserwelt.

Die Hauptrolle in Jörn Staegers Kurzfilm „Lebensgeister“ (2004) spielt ganz eindeutig die Nordsee, in deren kalten, graugrünen Fluten sich die Menschen ausnehmen wie Püppchen. Schon mit den ersten Bildern umgarnt das Meer die Kamera und stiehlt den menschlichen Protagonisten die Schau. Der Rhythmus der Brandung gibt dem Film, der in seinen besten Momenten wie die künstlerische Verarbeitung des Kindheitstraumas vom Versinken in endlosen Tiefen wirkt, seinen Takt.

Die titelgebenden „Lebensgeister“, das sind die urwüchsigen Gefühle aus dem Unterbewusstsein, die Angst vorm Untergehen, die Hoffnung auf Liebe und der Schmerz der Zurückweisung. Diese archaischen Themen setzt Staeger in seinem im Sommer 2004 entstandenen Film ohne viele Worte in Szene. Der Plot des 7-Minüters variiert eine klassische Dreiecksgeschichte. Eine Frau und zwei Männer vergnügen sich am Strand beim Ballspiel in einer ausgeklügelten Choreographie aus Annäherung und Abstoßung. Die sich anbahnende Liebesgeschichte und die düstere, latent bedrohliche Musik steigern die Spannung.

Doch der erwartete Streit Mann gegen Mann bleibt aus. Stattdessen findet sich der gehörnte Dritte unversehens im Kampf mit den Elementen, genauer gesagt: mit den Nordseewellen wieder. Der bedrohliche und gleichzeitig verlockende Rausch der Tiefe wurde schon in diversen Filmen mit erheblichem technischem Aufwand in Szene gesetzt. Staeger musste notgedrungen (aufgrund des knappen Budgets) mit vergleichsweise einfachen Mitteln arbeiten. Gedreht wurde mit vier DV-Kameras, diversen Unterwassergehäusen und einem Fahrradlenker mit einer selbstgebastelten Konstruktion für die Kamera. Staeger beschreibt den 9-tägigen Dreh am Sylter Strand als intensiv und anstrengend. Die kleine Crew war den Unbilden des Wetters schutzlos ausgeliefert und hatte teilweise mit Wind in Sturmstärke und Wassertemperaturen von nur 13 Grad zu kämpfen.

Trotzdem (oder gerade deshalb) gelingt es dem Film durch die subjektive Kameraperspektive, den Zuschauer förmlich mit in die Tiefe zu ziehen. Plötzlich erscheint das Versinken geradezu erlösend. Die Unterwasserwelt wird zum Ruhepol, Medusa zur Ersatzgeliebten.

Die positive Bezugnahme aufs Un- und Unterbewusste ist ein wieder kehrendes Prinzip der künstlerischen Arbeit Jörn Staegers. Der in Berlin geborene Künstler, der Mitte der 80er Jahre an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg studierte und heute parallel in Hamburg und Frankfurt lebt, beschreibt den Entstehungsprozess seiner Filme folgendermaßen:

„Ich plane meine Filme nicht im klassischen Sinne des Wortes, sondern ich sehe plötzlich einzelne Bilder und Sequenzen wie einen inneren Film vor mir. Diese Bilder versuche ich in Notizen und Zeichnungen festzuhalten. Ich weiß zu diesem Zeitpunkt meistens noch nicht, was die Bilder bedeuten oder wie der gesamte Film aufgebaut sein wird, geschweige denn wie ich das umsetzen soll. Das alles kommt erst im zweiten Schritt. Wichtig ist erstmal, dass die Bilder aus der Tiefe des Unterbewusstseins nach und nach auftauchen.“

Bei den meisten seiner Filme verantwortet Staeger nicht nur die Regie, sondern auch Drehbuch, Kamera und Montage, sowie Ton und Produktion. Das erlaubt ihm ein sehr freies, spontanes Arbeiten. Staeger sieht sich denn auch weniger als klassischen Autorenfilmer, sondern eher als bildenden Künstler. Er bevorzugt den Vergleich mit der Malerei sicher nicht zuletzt deshalb, weil er selbst auch malt und als Storyboard-Zeichner tätig ist. Daneben verdient er sein Geld häufig als Kameramann für „fremde“ Filme. Für ihn kommt die digitale Revolution der Filmtechnik der Entwicklung der Tubenfarben gleich, die den Malern den Schritt aus dem Atelier ermöglichten und damit eine ganz neue Phase in der Malerei einläuteten.

Die digitale Technik erlaubt es den Filmemachern, so Jörn Staeger, „dass man theoretisch ganz allein arbeiten kann. Das ist deshalb so wichtig, weil man allein jede Freiheit zum Ausprobieren hat und ausprobieren ist für mich überlebenswichtig.“ Gerade im Kurzfilmbereich werden viele Künstler natürlich auch aus weitaus pragmatischeren Gründen zu „Autorenfilmern“ – die geringen Budgets erlauben es oft gar nicht, mehr Mitwirkende zu finanzieren. Aus dem normalerweise ausgesprochen arbeitsteilig organisierten Filmproduktionsprozess wird gerade bei kürzeren Laufzeiten häufig eine One-Man-Show.
Jörn Staeger steht dieser Entwicklung ambivalent gegenüber. Einerseits ist er ein begeisterter Tüftler, der es liebt, über lange Strecken allein zu arbeiten, andererseits profitiert er auch gern vom Surplus an Inspiration und Ideen, das eben gerade in der Zusammenarbeit mit einem oder mehreren Kollegen entsteht.

Ein Künstler, mit dem er bereits in einigen Filmen zusammengearbeitet hat, ist sein Bruder Ulf Staeger, der ebenfalls als Kurzfilmregisseur tätig ist und seinen Schwerpunkt im Bereich (Trick-)Filmgrafik und Postproduktion gesetzt hat. 2004 entstand unter seiner Mithilfe „Zielpunkte der Stadt“, ein filmisches Gedicht über die Topographie des modernen Alltags. Staeger hat in sieben deutschen Städten prägende Bilder und prägnante Sounds gesammelt und diese in einer Bild/Toncollage thematisch gruppiert. Die Zielpunkte, auf die er seine Kamera richtet sind zum Beispiel Stadttore, Fußgängerzonen, Brücken oder im Krieg zerstörte Kirchen, U-Bahnhöfe, Parkhäuser und Fernsehtürme. Die Rede von den Zielpunkten ist dabei durchaus wörtlich zu nehmen, denn Staeger konzentriert sich ganz bewusst auf urbane Umgebungen, die während des Kriegs im Visier der alliierten Bomber standen. Orte, die eigentlich Knotenpunkte des menschlichen Lebens in der Stadt sein sollten, es aber häufig trotzdem nicht (mehr) sind. Zerfallene Kirchen, stereotyp aufgebaute Fußgängerzonen ohne jede Anziehungskraft und U-Bahnhöfe, deren Architektur eher an Schlachthöfe, denn an Orte der Begegnung erinnert. Gerade in der Wiederholung des immer Ähnlichen wird deutlich, wie stereotyp deutsche Innenstädte aufgebaut sind und dass die moderne Stadtmöblierung nicht unbedingt dazu beiträgt, eine Innenstadt attraktiver zu gestalten.

Jörn Staeger zeigt die Innenstadt nicht als bewohnte, sondern als vom Menschen verlassenen Ort. Passanten und Auto sind nur als schemenhafte Schleier zu erahnen, die durch die urbanen Landschaften huschen, aber nirgendwo verweilen. Gerade durch die relative Abwesenheit menschlichen Lebens wird die Stadtarchitektur umso deutlicher als massiver (aber letztlich misslungener) Versuch, den Menschen in seinem sozialen Verhalten zu beeinflussen und lenken, sichtbar. Das Einzige, was vor Staegers Kamera Bestand hat, sind die Gebäude. Diesen Effekt erreicht der Regisseur, indem er seine Aufnahmen nicht mit einer Filmkamera, sondern mit einem herkömmlichen digitalen Fotoapparat mit Einzelbildfunktion macht. Indem er für jedes einzelne Bild eine extrem lange Belichtungszeit wählt, gelingt es ihm, alles Bewegliche bis auf schemenhafte Spuren aus den Aufnahmen zu „löschen“. Zusammengesetzt ergeben die so hergestellten Einzelbilder dann (wie ein virtuelles Daumenkino) eine Filmsequenz, in der die Architektur unangefochten – und vom Leben verlassen – im Mittelpunkt steht.

Nur die Bäume und Sträucher im Film verraten, dass hier technisch getrickst wurde. Ihre Blätter schütteln sich ungewöhnlich schnell im Wind und erinnern damit an die ruckelnden Aufnahmen aus alten Stummfilmen, die zu schnell projiziert werden Trotzdem scheinen die Bäume in „Zielpunkte der Stadt“ die einzigen lebendigen Elemente in den akkurat quadrierten Tableaus zu sein.

Mit seinem 2008 fertig gestellten Film „Reise zum Wald“ knüpft Staeger an diesem Punkt an, ändert aber seinen Fokus und richtet ihn von der Architektur auf die Natur zurück. Die erste Einstellung zeigt einen Baum – rauschend, mächtig und mit einer Blätterkrone voller Lichtreflexe – gesehen durch das Fenster eines geschlossenen Raumes. Statt der Mauern und Wände steht hier die lebendige Natur (anfangs noch „gerahmt durch die Architektur“) im Mittelpunkt. Staeger arbeitet auch hier wieder mit der Einzelbildtechnik, die er allerdings inzwischen weitaus differenzierter einsetzen kann, weil die Kameratechnik sich weiter entwickelt hat. War er 2004 noch gezwungen, auf die Fotographietechnik auszuweichen, um eine Einzelbildfunktion mit variabler Belichtungsfunktion zu nutzen, so hat die Technik diese Funktion vier Jahre bereits integriert und auch Bewegtbildkameras mit einer variablen Belichtungsfunktion ausgestattet. Diese Neuerung hatte Staeger durch einige Bastelei in „Zielpunkte der Stadt“ quasi vorweg genommen. „Ist doch schön, wenn die technische Entwicklung in die Richtung geht, wo man selber schon längst hinwollte“, grinst er.

„Reise zum Wald“ erlebte seine Premiere im Februar 2008 auf der Berlinale, wo der 7-minütige Film als einziger deutscher Beitrag im Berlinale Shorts Wettbewerb um den Goldenen Bären konkurrierte. Der Wald als deutscher Mythos erscheint zunächst in Form der mickrigen Reste pflanzlichen Lebens, die in der Stadt ein kleines bisschen Natur vortäuschen sollen und die in „Zielpunkte der Stadt“ immer wieder die Ödnis der Architektur belebt haben. Fast meditativ gleitet die Kamera dann durch graphisch anmutende Grünflächen, Alleen und Monokulturen immer weiter raus aus der Stadt bis sie nach und nach in den urwaldartigen Tiefen des Waldes verliert.
Der Film wirkt in vielerlei Hinsicht wie die Fort- und Weiterentwicklung von „Zielpunkte der Stadt“. Die besondere Belichtungstechnik wird erneut eingesetzt, steht allerdings nicht mehr so im Mittelpunkt wie im Vorgängerfilm, sondern dient gemeinsam mit verschiedenen anderen gestalterischen Mitteln der Ausgestaltung der filmischen Erzählung, die – ohne ein einziges Wort zu verlieren – eine essayistische und außerdem ausgesprochen humorvolle Collage zum Thema Wald darstellt. Hervorzuheben ist der geschickte Einsatz von Schärfe/Unschärferelationen, die (bis auf eine Ausnahme) ausschließlich in der Aufnahme erreicht wurden, sowie die Montage, die echte und „kopierte“ Natur (in der Bildtapete oder bei der Modelleisenbahn) auf ausgesprochen humorvolle Weise miteinander verschränkt. Dazu kommt ein perfekt dosierter, packender Sound, der sich aus klassischen Streichern und verstärkten Umgebungsgeräuschen zusammen setzt und den Zuschauer gemeinsam mit den tranceartigen Kamerafahrten in eine Art Waldrausch versetzt.

Als der Film seine Berlinale Premiere erlebte, hätte man am liebsten sofort den Schneematsch und die unvermeidlichen roten Teppichflure der Kinos am Potsdamer Platz gegen einen ruhigen, sonnigen Platz im Moos einer Waldlichtung eingetauscht. Das kleine Kunstwerk, das Staeger mit „Reise zum Wald“ geschaffen hat, wirkt länger nach als die knappen 7 Minuten, die der Film die Leinwand füllt. Es ist ein Film, der nicht nur den Blickwinkel, sondern auch die Atemfrequenz verändert. Die lange Festivaltour, auf die sich der Film seitdem begeben hat und die vielen Auszeichnungen, geben ein beredtes Zeugnis von der Sehnsucht nach solchen Filmen, denen es so perfekt gelingt, im Unterbewusstsein Anknüpfungspunkte zu finden.

Momentan arbeitet Jörn Staeger an einem neuen Projekt mit dem Arbeitstitel „Aufstehen, Vergessen“, in dem er sich auf das Thema „Bewegung“ konzentriert und via subjektiver Kamera versuchen will, das Gefühl der Schwere / die Schwerkraft zu überwinden. Dieses Thema beschäftigt ihn bereits seit seiner Hochschulzeit, ist aber erst jetzt wieder aus dem Unterbewusstsein an die Oberfläche gekommen. Staeger selbst sagt über sich, dass er arbeitet „wie eine Schnecke“ und lange Zeit, manchmal viele Jahre über seinen Ideen brütet, bis sie schließlich als Film das Licht der Welt erblicken. Diesen sorgfältigen Prozess der Brutpflege merkt man den Filmen Jörn Staegers deutlich an. Hier hat alles seine Zeit. Und mahnt den Zuschauer, sich wenigstens einen Bruchteil dieser Zeit auch fürs Anschauen, Eintauchen und Erleben dieser filmischen Gedichte zu nehmen.

Aufstehen Vergessen (2009), 7min, HD Video/35mm, in Produktion
Reise zum Wald (2008), 7min, HD Video/35mm
Lebensgeister (2004/5), 6min, Video/35mm
Fragmente Potsdamer Platz (2003), 5min, 16mm
Rad (2001), 3 min, 35 mm
Depressionismus (2001),1,5min, BetaSP/35mm
Brückenmelodie-Chicago (1994), 2min, 35mm
Ruinen (1993), 30min, 16mm
Splitter (1991), 10min, 16mm
Hier bin ich, Meidner (1990), 30min, 16mm
Desolatesse (1989), 6min, 35mm
Schacht (1988), 8min, 16mm
Im Dunkel der Projektion (1986), 15min, 16mm

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