Jan Soldat

Jan Soldat zeigt

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ZUCHT UND ORDNUNG © Jan Soldat

Susan Sontag sprach einmal vom „Betrachten“, als sie über das abgebildete Leid in der Welt schrieb. In „Das Leiden anderer betrachten“ thematisiert sie Reaktionen auf Bilder, auf die Verantwortlichkeit während des Sehens und philosophische Positionen auf einer realpolitischen Landkarte. Denn wir sind alle auch Teil dessen, was wir betrachten. Etwas oder jemanden betrachten, das ist ein Begriff, der Sehen und Verstehen unmittelbar miteinander in Beziehung setzt. Etwas oder jemanden zeigen, das ist ein ähnlich interessanter Begriff. „Jan Soldat zeigt“ hat sich über das nun zehnjährige Wirken eines Filmemachers hin zu einer wiederkehrenden Einladung kristallisiert. Jan Soldat zeigt, wie es sich anfühlt, aufmerksam hinzusehen, auf eine bestimmte Art und Weise zu sehen, über Kategorien hinweg Menschen ihre Menschlichkeit anzusehen.

 

Jan Soldats Filme verhandeln das unfertige Wahrheitsversprechen des fotografischen Bilds an gelebten Realitäten und in der Besonderheit von Einzelfällen und Charakteren: Was wir nicht sehen, können wir nur schwerlich erkennen. Und was wir erkennen, das ist bereits in sich eine Wahrheit. Eine Wahrheit von vielen. Deshalb ist ein Gespräch mit Jan Soldat eine schöne Erfahrung: ein gemeinsames, tastendes Erkennen, Fragen und miteinander neugierig sein. Ein sich Verhalten zu einem Menschen, der einen unverstellten Blick offenbart. Miteinander. Neugierig. Sein. Das sind zweifellos Eckpunkte seiner dokumentarischen Arbeiten, die in den letzten Jahren zum besonders sichtbaren Schwerpunkt seines Wirkens wurden. Über rund 40 Kurzspielfilme und Dokumentarfilme hinweg hat sich der Filmemacher immer deutlicher fokussiert, immer klarer fotografiert und montiert. Statische Kadrierungen des Bilds sind schon früh ein wichtiger Teil von Jan Soldats Arrangements, provozieren einen Gestus des konzentrierten Sehens und sind zweifelsohne zu einem Erkennungsmerkmal geworden. Das fiktionale Inszenieren rückt dabei nach und nach zunehmend in den Hintergrund. Und doch fühlen sich alle Spuren in Jan Soldats Arbeiten komplementär an, markieren Etappen einer Reise, Annäherungen an einen Modus.

 

Für die Filmwerkstatt in Chemnitz entstanden ab 2006 zwei Filme um den kauzigen Kommissar Kresch, der sich mit wenig brisanten Fällen um den „Fuchs vom Posthof“ (2007) sowie „Das zerplatzte Zirkuspferd“ (2007) auf äußerst unverbindliche Art und Weise auseinandersetzt. Er redet viel, während im Grunde wenig passiert. Und doch lauert irgendwo das Verbrechen. Man fühlt sich durch Soldats damaligen Hauptdarsteller Peter Hungar nicht selten an Helge Schneider erinnert. Es darf gelacht werden, auch wenn die Kulisse trist scheint. Hungar kehrt nach seinen Einsätzen als Kommissar bald wieder, wenn er in KEIN DEUTSCHMEHRLAND (2008) eine Hitler-Persiflage gibt. Schon hier scheint sich Jan Soldats geskriptetes Inszenieren mit einem dokumentarischen Gestus sehr wohl zu fühlen. Alles wirkt wie aus dem Alltag gegriffen: Ein zurückgezogener Diktator wird auf seine alten Tage hin in seiner Chemnitzer Zweizimmerwohnung beobachtet während er etwas kauzig übers Kochen und die üblichen Sorgen spricht. Der Film inszeniert die Begegnung als sperriges Gespräch mit dem Regisseur. Man hat es eben nicht immer einfach bei Interviews. Der direkte Dialog mit Protagonisten aus dem Off wird zu einem wiederkehrenden Motiv einer selbstbewussten dokumentarischen Form werden.

 

Neben humoristischen Spitzen finden sich in vielen frühen Filmen von Jan Soldat Eindrücke von Grenzüberschreitung, Strenge und Wut, wiederkehrende Momente von Isolation, Unsicherheit und Angst. Menschen sind unfähig, miteinander zu sprechen (VERBALTRANSFER), verletzen sich, übergeben sich (SANDWEG 80, 2008), bringen sich oder einander um (RUNTER / GESCHWISTERLIEBE, beide 2007). Bei 3 (2007) brät sich Regisseur gemütlich ein Gehirn. Sex und Körperlichkeit sind oftmals zentrale Motive und verschränkt mit den Befindlichkeiten voneinander entfremdeter Charaktere (MUTTER, 2009). Jan Soldat versucht sich an Regie, Drehbuch, Kamera, Ton, Schnitt und Produktion. Eine Vielfältigkeit, die seine spätere Arbeitsweise wesentlich prägen wird. In einem frühen Monolog setzt er sich auch selbst der Kamera aus und gibt einen jungen Filmemacher und dessen Unsicherheiten (WAHRSCHEINLICH, VIELLEICHT AUCH NICHT, 2008).

 

2008 beginnt Jan Soldat ein Studium an der Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF (ehemals Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“ Potsdam-Babelsberg). Dort entsteht mit REIN/RAUS (2010) ein erster Film, der Sex explizit zeigt und an einer undefinierbaren Schnittstelle von Fiktion und Dokumentation verhandelt. ENDLICH URLAUB (2010) ist neben dem Studienkontext unabhängig produziert und funktioniert auf ähnliche Weise: Der Körper wird seine eigene Realität, über Inszenierungslogiken hinweg. Was in beiden kurzen Filmen gezeigt wird, entwirft stets auch eine soziale Konstellation. Wie man intim miteinander umgeht und mit sich selbst, das eröffnet beim Zusehen einen Denkraum. INTERIM (2011) verdichtet kurz darauf Motive früherer Kurzspielfilme zum klaustrophobischen Portrait einer jungen Frau, die vielleicht eine Nymphomanin ist. Hier dominieren strenge, psychologisch aufgeladene Bildkompositionen, Eindrücke von Isolation und Voyeurismus, Tristesse und Obsession. Der Körper und dessen Geschlecht werden zum Fixpunkt des Blicks und in Großaufnahmen zu Landschaft einer analytischen Verhandlung. In der inszenierten Nüchternheit und klaren Rahmung vermittelt sich kein distanziertes Betrachten, sondern eine entlarvende Schärfe, Aufrichtigkeit und Angstfreiheit des Sehens. In der Arbeit mit jugendlichen Laiendarstellern findet Jan Soldat bei CRAZY DENNIS TIGER (2012) und DANN IST ES HALT SO (2013) eine zusätzliche Facette des Fiktionalen und inszeniert aufmerksame, zärtlich-freundschaftliche Beobachtungen, die gleichermaßen als Milieustudien und Coming of Age Geschichten funktionieren. CRAZY DENNIS TIGER, eine Koproduktion mit dem rbb, ist dabei die narrativste und konventionellste Arbeit bisher, entwickelt die klare Geschichte eines Jugendlichen, der sich für seinen Bruder stark machen will und dem Vertrauten gegenüber quer stellt.

 

Nach dem ersten ausformulierten Dokumentarfilm GELIEBT (2010), der mit kleinem Team an der Filmhochschule entsteht, findet Jan Soldat mit ZUCHT UND ORDNUNG (2012) zu einer Praxis der Begegnung ohne Filmteam, lässt sich mit der Kamera auf Menschenbilder und Situationen ein. Die freie Arbeitsweise von ZUCHT UND ORDNUNG, ohne Förderung und institutionellen Rahmen, manifestiert sich zu dieser Zeit als Praxis, die den Filmemacher bis heute begleitet und sein Wirken unterstreicht. „Jan Soldat zeigt“, das vermittelt auch eine Produktionsrealität in Deutschland, wo es mutige Stoffe schwer haben, insbesondere ohne Drehbuch. Das Ergebnis der ersten beiden kurzen Dokumentarfilme sind Protokolle des sich Kennenlernens und sich Vertrauens, des Zeigens und des sich Zeigens. Filme, die einer Logik des Konsenses folgen und auf der Basis von Einverständnis und gegenseitiger Neugierde unmittelbar an Menschen herantreten. Unmittelbar, weil klar ist, dass hier die Beziehung zum Filmemacher eine Notwendigkeit darstellt. Neben direkten Gesprächen unterstreichen Blicke und Gesten, dass hier bei allen Beteiligten ein Bewusstsein über das filmische Arrangement besteht. GELIEBT portraitiert Jens und Pascal, die gemeinsam mit ihren zwei Hunden leben und mit diesen eine tiefe, auch körperliche, Beziehung pflegen. ZUCHT UND ORDNUNG zeigt Manfred und Jürgen bei BDSM-Spielen in ihrer Wohnung.

 

Bereits die Filme, die an der Hochschule und begleitend zum Studium entstehen, erfahren deutliche Resonanz. GELIEBT ist 2010 bei den Berlinale Shorts zu sehen. ENDLICH URLAUB wird im gleichen Jahr beim Berliner Pornfilmfest mit dem Hauptpreis für den besten Kurzfilm ausgezeichnet. 2012 wird ZUCHT UND ORDNUNG ins Berlinale Panorama eingeladen, während Generation 14plus CRAZY DENNIS TIGER vorstellt. Auch in Oberhausen wird ZUCHT UND ORDNUNG als Teil des deutschen Wettbewerbs präsentiert. Der Film wird daraufhin zu über 100 Festivals eingeladen. Ein Jahr, das besondere Aufmerksamkeit generiert und den Filmemacher mit 26 international sichtbar macht.

 

Es folgen weitere dokumentarische Betrachtungen. WIELANDSTRASSE 20, 3. OG LINKS (2012) zeigt Jörg und Karsten beim Sex und schließt mit stillen Aufnahmen ihrer Wohnung. EIN WOCHENENDE IN DEUTSCHLAND (2013) kehrt zu Manfred und Jürgen zurück, die sich übers Wochenende einen Spielgefährten eingeladen haben. BEZIEHUNGSWEISE (2013) erscheint als Panorama von Jan Soldats ersten Dokumentarfilmen, in dem er Menschen aus vorherigen Filmen für einige Momente nochmals miteinander ins Bild setzt. Ein Blick in vertraute Gesichter und einige neue, bunt durchmischt in ihren Geschichten und Generationen, allesamt verbunden zur Empfindung einer fragmentierten Realität, die sich irgendwo entlang der deutschen Gesellschaft abspielt – an einem beliebigen Wochenende, in beliebigen Wohnungen. Zur Verbindungslinie wird Jan Soldat selbst, der jedoch voreilige Schlüsse auf die Gemeinsamkeiten seiner Filme und die Philosophien seiner Protagonisten ausdauernd von der Hand weist. Was separat ist, darf separat bleiben. Und steht doch innerhalb einer Filmographie nebeneinander, in Beziehung zueinander.

 

DER UNFERTIGE (2013) wird beim Filmfestival in Rom als bester Kurzfilm ausgezeichnet. Das verändert die Wahrnehmung von Jan Soldats Arbeiten in Deutschland und international, etwa durch die Nominierung für den Preis der deutschen Filmkritik im gleichen Jahr. Die Annäherung an seine Filme wird genauer. Es wird klarer, dass voreilige Schlüsse auf Provokation, Spektakel oder Außenseitertum hier falsche Fährten sind. Stattdessen sind insbesondere seine Dokumentarfilme sorgsame Gewichtungen von Mittel und Zweck zur Auslotung eines angemessenen Gestus des Zeigens. DER UNFERTIGE beginnt nur mit Blicken. Während er in Sklavenmontur auf seinem Bett sitzt, stellt sich der Protagonist des Films vor, als „Odenwald-Gay… oder Gollum… oder Klaus! 60 Jahre alt… schwul… Sklave!“ Es folgt Jan Soldats bis dahin längster Film, der sich Zeit nimmt, hinter diese Kategorien zu blicken, hinter ein Körperbild, hinter ein Selbstbild und seine Inszenierungsweisen. Schon der erste stille Moment des Films erinnert an eine Pause zwischen zwei Sätzen. Diese Struktur durchdringt bereits einige von Soldats vorherigen Dokumentarfilmen: wartend, überlegt, sich orientierend, unvollendet. Stets scheinen in seinen Realitätsausschnitten Potenziale zu liegen für erst noch aufkeimende Gesten, Empfindungen und Gedanken. Welche Position das Gesagte in einem Ganzen besitzt und was ein Ganzes sein könnte, das bleibt trotz geschlossener Bildkadrierungen offen, eben „unfertig“. Wie auch in seinen früheren Arbeiten, erleben wir hier die dokumentarische Inszenierung einer Begegnung, die stets auch eine authentische Begegnung in der Inszenierung veranschaulicht, bebildert – zeigt.

 

Nach seinem Erfolg in Rom ist Jan Soldat 2014 teil der internationalen Jury der Generation 14plus Sektion der Berlinale. Das Berliner Pornfilmfestival widmet seinen Portraitfilmen ein Fokusprogramm. Seine Arbeiten sind mittlerweile gleichermaßen bei thematisch fokussierten Festivals und bei zentralen Knotenpunkten der internationalen Festivalbranche vertreten. Jüngste Stationen waren die Viennale 2014 (HOTEL STRAUSSBERG), Rotterdam 2015 (DIE SECHSTE JAHRESZEIT / DER BESUCH), das Berlinale Panorama 2015 (HAFTANLAGE 4614) sowie 2016 erneut der deutsche Wettbewerb von Oberhausen (COMING OF AGE).

 

Zuletzt ist der Regisseur mit zwei Zyklen von Filmen zu sehen. Der Schauplatz ist zunächst eine BDSM Haftanstalt unweit von Berlin. Dort können sich männliche Kunden für eine Zeit einweisen und von strengen Wärtern als Häftlinge behandeln lassen. Die genaue Erkundung der Räume und wechselnder Insassen führt zu den drei mittellangen Filmen HOTEL STRAUSSBERG (2014), HAFTANLAGE 4614 (2015) und DIE SECHSTE JAHRESZEIT (2015) sowie zu der kurzen Episode DER BESUCH (2015). Arwed und Dennis sind ein Paar, das gemeinsam die Anlage betreibt, und ziehen sich als roter Faden durch die Geschichten. Auch ihre Geschichte wird so letztlich in den diversen Begegnungen miterzählt und es entblößt sich ein Mikrokosmos und dessen innere Logik, nach und nach, bis hin zu seiner Konzeption und seinem Ursprung. COMING OF AGE und HAPPY HAPPY BABY (beide 2016) widmen sich anschließend dem Phänomen von Adult Babys und zeigen Erwachsene, die ihre Sehnsucht nach unverstellter Nähe und Zuflucht ausleben. Schnell wird bei ihren Spielen klar, dass Sex hier zunehmend unwichtig wird, und so mündet eine Reise der Erkundung und des Zeigens von Körperlichkeit vorerst in einer Rückbesinnung auf Kindlichkeit, bis hin zur Asexualität. Zum Schluss sind zwei Protagonisten miteinander zusammen im Park, irgendwo in Berlin. Ein Fotoausflug, man posiert füreinander:

 

„Hast du Bilder gemacht?“

„Jo, willst sehn?“

 

Filmographie (Auswahl):

2016    HAPPY HAPPY BABY

2016    COMING OF AGE

2015    DIE SECHSTE JAHRESZEIT

2015    DER BESUCH

2015    HAFTANLAGE 4614

2014    HOTEL STRAUSSBERG

2013    DER UNFERTIGE

2013    BEZIEHUNGSWEISE

2013    EIN WOCHENENDE IN DEUTSCHLAND

2013    DANN IST ES HALT SO

2012    WIELANDSTRASSE 20, 3. OG LINKS

2012    ZUCHT UND ORDNUNG

2012    CRAZY DENNIS TIGER

2011    INTERIM

2010    ENDLICH URLAUB

2010    GELIEBT

2010    REIN/RAUS

2009    MUTTER

2008    KEIN DEUTSCHMEHRLAND

2008    SANDWEG 80

2008    WAHRSCHEINLICH, VIELLEICHT AUCH NICHT

2008    VERBALTRANSFER

2007    3

2007    RUNTER

2007    KOMMISSAR KRESCH UND DAS ZERPLATZTE ZIRKUSPFERD

2007    GESCHWISTERLIEBE

2007    KOMMISSAR KRESCH UND DER FUCHS VOM POSTHOF