
Screenshot Jumpcut Video Editor ©rww
Was ‚in real life’ schon lange möglich ist, spätestens seit Dada und William S. Burrough’s „Cut-ups“ zur Kulturgeschichte und seit „Found Footage“ auch zur Filmgeschichte gehört, erreicht jetzt den digitalen Film im Internet: die Aneignung und Wiederverwendung von fremdem Material in neuen Kombinationen. Nach Vorläufern zur Bearbeitung von Text, Grafik oder Ton ermöglichen neue Tools nun auch den Online-Videoschnitt im Browser-Fenster. Bearbeitet werden kann alles, was digitalisiert ist: Bilder, Grafiken und Filme und zwar eigene, gekaufte, aber auch geklaute! Die Kombination von Online-Tools mit Filesharing macht es möglich und die potentiell weltweite Vernetzung von kreativen Filmemachern – von Amateuren bis zu Künstlern – in Communities gibt dem Ganzen eine neue sozio-kulturelle Dimension.
Technische Grundlage dieser Entwicklung sind Filmbearbeitungswerkzeuge, die – online zur Verfügung gestellt – als Re-Mixer bezeichnet werden. Wir geben hier als Einstieg in das Thema einen ersten Überblick über diese Anwendungen und ihre Anwender.
Vorläufer: Text- Grafik- und Audio-Remixer im Internet
Am Anfang war das Wort - das gilt auch für die Anwendungsgebiete neuer Techniken im Internet. Die ersten Re-Mixes und Mashups im Internet waren textbasiert. Sie beruhen auf einer Kombination der literarischen Cut-Up-Tradition mit zufallsgeneriertem Hypertext. In der Regel ist es bei diesen Online-Anwendungen möglich Worte oder einen eigenen Text in einem Dialogfenster einzugeben, der dann zufallsgeneriert oder von Mustern gesteuert ausgegeben wird. Heute sind noch einige Cut-Up-Maschinen aus der Mitte der neunziger Jahre online - wie zum Beispiel das Text Mixing Desk der britischen Lazarus Corporation. Einen ganz guten Überblick über diese Szene, die sich meist auf William S. Burroughs, mit dem in der Literatur der Begriff „Cut-up“ verbunden wird, beruft, findet sich bei „Language is a Virus“. Original-Aufzeichnungen von Burroughs sind übrigens als Audio-Files im UbuWeb frei zugänglich.
Auf die textbasierten „Mixer“ folgten Anwendungen, mit deren Unterstützung Grafiken oder Bilder interaktiv im Browser bearbeitet und abgespeichert oder per E-Mail verschickt werden können. Mit den meisten Anwendungen lassen sich aber nur bereits vorgebene Bildelemente kombinieren und mit fest definierten Features verändern. Dies ist zum Beispiel die Auswahl einer Farbe oder die Ausrichtung von Grafikelementen. Ein schönes Beispiel hierfür ist „Mr. PicassoHead“, ein Teaser der Internetagentur Ruder Finn.
Die unmittelbaren Vorläufer des Video-Remixing sind aber Musikanwendungen. Auch hier gab es, analog zu den Grafik-Anwendungen zunächst nur die Möglichkeit eine begrenzte Anzahl von definierten Features, also zum Beispiel den Takt oder die Lautstärke vorgegebener Instrumente zu verändern. Die Benutzeroberflächen imitieren dann üblicherweise ein Mischpult oder ein Tonstudio. Das erste Beispiel hierfür ist, allerdings als Offline-Prototyp, ein virtuelles Musikstudio auf der CD-ROM „XPLORA“ von Peter Gabriel (1993). Solche Modelle wurden bald auch auf Internetseiten nachgebaut. Zwei solcher eher spielerischer Online-Beispiele aus Deutschland kann man bei Surfmixer ausprobieren.
Spannender sind Anwendungen, die Techniken der Dub- und Sampling-Musikszene ins Internet übertragen und über das Verändern oder Mixen vorgebener Sounds hinausgehen. Diese fortgeschrittenen Anwendungen erlauben den Upload eigener Töne zur Weiterverarbeitung („sampling“) im Browser. Die fertigen Mixes lassen sich anschließend lokal oder online speichern, in Internetseiten einbetten oder per E-Mail senden. Solche Anwendungen gibt es inzwischen bei kommerziellen Anbietern wie etwa Razz und Jamglue. Meistens ist auf kommerziellen Seiten - nichtzuletzt aus Urheberschutzgründen - eine vorherige Anmeldung erforderlich. Häufig werden Re-Mixer von Communities genutzt, die sich wechselseitig die Wieder- oder Weiterverwendung der Tracks gestatten. Neben den kommerziellen Anbietern, gibt es verschiedene Plattformen aus der nicht-kommerziellen Szene. Links und Tipps zum nichtkommerziellen Re-Mixing-Bereich gibt es zum Beispiel bei ccMixter, eine Seite, die sich den Creative-Commons-Lizenzbedingungen unterworfen hat.
Online Video-Remixing
Online-Schnitt von Filmclips im Browser ist eine relativ junge technische Entwicklung. Auf den ersten Blick enttäuschen die Prototypen, weil sie nur eine sehr begrenzte Zahl von Eingriffen erlauben. Im Unterschied zu den fortgeschritteneren Sound-Mixern ist der Spaßfaktor geringer, da einfache Video-Mixer noch kein schnelles erfahrbares Erlebnis bieten, während Sounds spielerisch in Echtzeit manipuliert werden können. Die Beurteilung hängt aber natürlich auch vom Anspruch der Anwendungen und vom Kontext der Systeme ab.
Die aktuell verfügbaren Video-Mixer darf man nicht mit professionellen Anwendungen vergleichen, wie sie zum Beispiel von Application Service Providern anstelle lokaler Software-Anwendungen als netzbasierte Dienste für Profis propagiert werden. Sie bieten nur rudimentär entwickelte Gestaltungsmöglichkeiten, die sich zwar am professionellen Filmschnitt orientieren, diesen aber weder ersetzen können noch wollen.
Ein zweiter Aspekt ist der Kontext. Fast alle derzeit frei zugänglichen Remixing-Anwendungen für Audio und Video sind in sogenannte Social Networks oder Communities eingebunden, richten sich also an das Amateurmilieu. Oft handelt es sich um Teaser oder Gadgets, deren eigentliche Funktion es ist Portale von Filesharing- oder Blog-Anbietern, die auf ein Massenpublikum zielen, attraktiver zu machen.
Trotzdem sollten diese Anwendungen und ihre Nutzer nicht voreilig in die altbekannte Amateurvideo- oder Hobby-Ecke gestellt werden. Vielmehr können sie als Teil einer neuen partizipatorischen Kultur verstanden werden, die einer ernstzunehmenden, spezifischen Ästhetik zur Entfaltung verhilft. Das Ergebnis ist aber als „user-generated content“ auch Gegenstand von Geschäftsinteressen und eine Grundlage für neue Geschäftsmodelle von kommerziellen Internetanbietern.
Beispiel „Remixer“ - ein Prototyp aus der Forschung
Das Videoschnitt-Tool „Remixer“ ist ein Forschungsergebnis des Institute for Next Generation Internet an der San Francisco State University, das in Zusammenarbeit mit Yahoo! Research Berkeley entwickelt wurde. Yahoo! Research Berkeley wiederum ist eine Forschungspartnerschaft zwischen Yahoo! Inc. und der University of California at Berkeley. Ziel dieser Private-Public-Partnerschaft ist die Erforschung und Erfindung von sozialen Medien und mobilen Medientechnologien. Im Mittelpunkt stehen Anwendungen, die es ermöglichen im Internet Medien zu gestalten, zu beschreiben, zu finden, auszutauschen und als Re-mix zu bearbeiten.
Der „Remixer“ wurde als Prototyp für das San Francisco International Film Festival 2006 entwickelt und im Festivalsonderprogramm „International Remix“ getestet. Dort ist der „Remixer“ in eine Internetseite des Festivals eingebettet. Die Besucher der Webseite konnten während des Festivals mit dem „Remixer“ Filme bearbeiten, umschneiden und miteinander kombinieren. Als Ausgangsmaterial wurden etwa 30 Filme aus dem Filmprogramm des Festivals digitalisiert online gestellt. Zur Tonbearbeitung wurden außerdem speziell für diesen Zweck komponierte Soundtracks zur Verfügung gestellt.
Im „Remixer“ kann der Internetbesucher Szenen aus den aufgelisteten Filmen abklammern und in beliebiger Länge und Reihenfolge miteinander kombinieren. Zusätzlich kann szenenweise Ton angelegt werden. Mit einem Textgenerator kann dem eigenen Re-mix schließlich ein Titel gegeben werden. Das Ergebnis lässt sich dann auf dem Hostserver abspeichern und in die Galerie der Website einbetten.
Das Remixer-Tool ist inzwischen deaktiviert. Stattdessen ist jetzt ein Demo im Netz, das seine Funktionsweise zeigt. Die Ergebnisse kann man sich aber noch in einer Filmgalerie anschauen. Aus den Nutzerkommentaren geht hervor, dass sie das Trimmen der Filmausschnitte als mühsam empfanden, während die Möglichkeit neuen Ton anzulegen, aber auch die Benutzeroberfläche gelobt wurden. Problematisch war das angebotene Rohmaterial, da es ja sehr viel Zeit erfordert die Filme zu sichten, um interessante Szenen für den eigenen Re-mix zu finden. Von Seiten der Veranstalter war dies wohl ein pragmatischer Kompromiss oder ein halbherziges Zugeständnis in Richtung Fan-Kultur, die ja bei „user generated videos“ eine sehr große Rolle spielt. Dafür waren jedoch die bereitgestellten Filme kaum geeignet, insofern es sich nicht um bekannte, populäre Filme handelte, sondern um anspruchsvolle Independent-Filme, die zum großen Teil erst im Laufe der Veranstaltung ihre Premiere hatten.
Das Experiment wurde im Herbst 2006 von Yahoo! Korea mit Musikvideos aus dem Kabelfernsehprogramm „School of Rock“ – eine beliebte Musiksendung mit lokalen Nachwuchsbands – wiederholt. In Korea konnten die Teilnehmer ihre Remixes auch für Mobiltelefon-Wiedergabe exportieren.
„Remixer“ ist als Prototyp kein zertifiziertes Yahoo-Produkt und offenbar nach der Testphase fallen gelassen worden. Anstelle einer Eigenentwicklung hat sich Yahoo! durch eine Firmenübernahme einfach einen anderen Re-mixer, „Jumpcut“ (siehe unten), komplett mit Website eingekauft.
URL: http://media.sffs.org/remix/RemixerHome.php
URL (in Korea): http://kr.remixer.multimedia.yahoo.com/remix/yammy_home.php
Beispiel „Movie Masher“ - professionelle Technik sucht Anwender
Technisch deutlich fortgeschrittener als der „Remixer“ ist „Movie Masher“ - eine Anwendung, die von einem der Entwickler der Flash-Software programmiert wurde. Mit „Movie Masher“ ist nahezu professioneller Film- und Tonschnitt auf mehreren parallelen Tracks möglich. Sogar Compositing ist möglich, ebenso wie der Einsatz unzähliger Filter und Effekte. Leider hat „Movie Masher“ aber noch keinen Käufer gefunden, der das Tool einsetzt!
Demo: http://www.moviemasher.com/
Beispiel Eyespot - virale Videos und Mashup
Eyespot ist eine Video-Sharing-Website, auf der das Re-mixen ein zentrales Feature ist. Ähnlich wie „Remixer“ bietet Eyespot ein Tool zum Videoschnitt per Drag-and-Drop an. Es ist allerdings wesentlich einfacher und bietet entsprechend weniger Bearbeitungsmöglichkeiten. Zur Wiederverwendung stehen bei Eyespot die Clips der anderen Nutzer und Commercials zur Verfügung. Die Nutzer müssen sich deshalb auch verpflichten mit ihrer Anmeldung bei Eyespot ihre Filme für die Weiterverarbeitung durch Dritte frei zu geben.
Trotzdem gibt es auf Eyespot nur wenige Videos, die auf eigenem beziehungsweise selbstgedrehtem Material der Nutzer beruhen. Wahrscheinlich ist es einfach zu langweilig die Filme der anderen Nutzer immer wieder neu zu recyclen. Die meisten Remixes der Eyespot-User beruhen hingegen auf Ausschnitten aus kommerziellen Fernsehserien, Musikvideos oder Spielfilmen. Dies wird von Eyespot durch ein entsprechendes Angebot gefördert, was vermutlich der Kern des Geschäftsplans von Eyespot ist. In einer „Free Media Sets“ genannten Rubrik, die eigentlich eine Mashup-Internetseite mit eingebetteten Objekten anderer Seiten ist, werden lizenzfreie kommerzielle Clips zum Sampeln verfügbar gemacht. Es sind, außer Werbefilmen im Prelinger Archive - einem seriösen Creative-Commons-Projekt, Ausschnitte aus populären Fernsehserien und kommerziellen Musikvideo, die von großen Produktionsfirmen bereitgestellt wurden. Hierfür gibt es bereits einen Fachbegriff: Media Microchunk! Damit werden die User in typischer Web 2.0-Manier dazu angeregt (kostenlos) virale Werbeclips für kommerzielle Produkte zu mixen und im Internet weiterzuverbreiten.
Semi-professionell Re-Mixen: Jumpcut
Jumpcut ist eine kalifornische Start-up-Firma, die um ihr Videoschnitt-Tool eine kleine Online-Commmunity gegründet hat. Jumpcut wurde samt seinen 15 Mitarbeitern im Oktober 2006 von Yahoo! komplett übernommen und expandiert seitdem.
Die Website von Jumpcut ist eine Webtop-Anwendung, die auf Flash basiert. Einer der Firmengründer von Jumpcut war bei Macromedia an der Entwicklung von Flash beteiligt. Flash, das auch hinter dem Erfolg von YouTube steckt, verringert die erforderliche Bandbreite für die Wiedergabe von Videos und erlaubt es auf relative einfache Weise viele Features auf einer integrierten Internetseite anzubieten.
Jumpcut richtet sich zunächst an Leute, die ihre eigenen Filme, aber auch Fotos oder Dia-Shows Anderen im Internet zeigen wollen. Hierfür gibt es verschiedene Upload- und Importmöglichkeiten - entweder direkt vom eigenen Rechner, per E-Mail oder als Import von anderen Websites wie „flickr“. Die Grundstruktur – mit Features wie Selbstporträts, Tags, Kommentarfeldern oder Verknüpfungen zu „Freunden“ – unterscheidet sich kaum von Seiten wie MySpace oder YouTube. Allerdings ist das Design angenehm unaufdringlich und sind die Seiten (noch?) werbefrei.
Die „Explore“ genannte Galerie auf Jumpcut verschafft einen Überblick. Dort wird nach Medien, aber interessanterweise auch zwischen Filmen („movies“) und Clips unterschieden. Unter der Rubrik Film finden sich bearbeitete Filme, während in der Rubrik Clips unbearbeitete Aufnahmen archiviert werden. Innerhalb der Community, also unter den registrierten Nutzern, dürfen alle Filme oder Clips, die auf Jumpcut veröffentlicht sind, weiterverarbeitet werden. Es ist aber auch möglich nur die Editor-Funktionen zu nutzen und das Ergebnis privat abzuspeichern.
Ganz neu und bislang einmalig ist bei Jumpcut die Rubrik „open movies“, die dazu anregen soll mit mehreren Nutzern an einem gemeinsamen Film zu arbeiten. Es bleibt abzuwarten, ob dieses spannende Angebot wahrgenommen wird.
Neben einer sehr einfach zu nutzenden Upload-Funktion, können für die Weiterverarbeitung eigene und fremde Medien direkt in den Editor importiert werden. Der Editor ist die eigentliche Attraktion bei Jumpcut und mit semi-professionellen Features doch schon viel ausgefeilter als Prototypen wie „Remixer“. Mit dem Tool von Jumpcut kann der Nutzer eigenes oder fremdes Bild- und Tonmaterial schneiden und mit verschiedenen Bild-, Text- und Toneffekten weiterbearbeiten. Allein die verschiedenen Gestaltungsmöglichkeiten bei Titeln oder Untertiteln sind überraschend vielfältig. Wer den Editor einmal ausprobieren möchte, kann dies ohne Registrierung auf der Demo-Seite mit vorinstallierten Elementen tun.
Die Zahl der Gruppen, Nutzer und letztlich Filme ist im Vergleich zu YouTube derzeit noch nicht sehr groß. Allerdings ist Jumpcut relativ neu und befindet sich noch in der „Beta-Phase“. Manches ist noch nicht ausgereift oder einfach noch nicht ausreichend ‚bevölkert’ wie zum Beispiel das „2007 jumpcut film festival“ mit zur Zeit (Februar 2007) nur zwei Wettbewerbsbeiträgen und einem Kommentar: der Frage eines irritierten Nutzers, ob das ein echtes Festival sei und wo das Reglement zu finden sei! Zukunftsträchtiger sind aber wohl eher Partnerschaften mit Veranstaltern anderer Online-Filmwettbewerbe, mit denen Jumpcut ebenfalls verlinkt ist.
Seit der Übernahme durch Yahoo! gibt es für das ehemals kleine Unternehmen völlig neue Expansionsmöglichkeiten. Hierzu gehören Verträge mit Fox und Warner über die freie Verwendung von Ausschnitten aus deren Filmen und Fernsehsendungen. Damit könnte Jumpcut bald auch zu einem Major Player in der Szene der Kult-Remix-Videos werden.
Reinhard W. Wolf
ps. Fortsetzung folgt! Mit Themen wie die neue DIY-Ästhetik in der partizipatorischen Netzkultur, „collaborative remixability“ und Film-MODs ...