
Filmuhr ©R.W. Wolf
In der Frühzeit des Kinos waren alle Filme Kurzfilme. Das ist banal und eigentlich nicht weiter bemerkenswert. Interessant ist jedoch, dass nach über hundert Jahren technischer und ästhetischer Entwicklung einige Merkmale und Kriterien für den Kurzfilm heute noch immer gelten: Der Kurzfilm wird über seine Länge definiert. Der Kurzfilm ist ein Medium der Innovation. Der Kurzfilm ist so vielfältig wie das ganze Kino. Unter dieser filmhistorischen Perspektive kann es gelingen die Schwierigkeiten bei der Definition des Kurzfilms zu umgehen.
Definitionsversuche: Der Kurzfilm ist ein kurzer Film
Wer versucht, Kurzfilm zu definieren, steht automatisch vor dem Dilemma, dass es außer der Laufzeit keine präzisen Kriterien oder eindeutigen Merkmale gibt, die auf alle Kurzfilme zutreffen. Auch Analogien aus der Literatur müssen scheitern, denn die in diesem Zusammenhang oft zitierte Kurzgeschichte ist auf Fiktionen - eben Geschichten - begrenzt. Ableitungen bezüglich der Poetik und Dramaturgie von Kurzfilmen, die hierfür allerdings hilfreich sind und mit Erfolg angewendet werden können, treffen folglich nur für den Kurzspielfilm zu.
Das definitorische Dilemma entsteht, wenn übersehen wird, dass „Kurzfilm“ keine Gattungs- oder Genrebezeichnung, sondern ein Oberbegriff ist, der seit der Frühzeit des Kinos alle möglichen Filmformen, Filmgattungen und Genre umfasst. Das Interessante am Kurzfilm ist eben nicht die Reduktion auf ein ununterscheidbares Format, sondern gerade seine hybride Vielfalt. Der Kurzfilm führt fort, was das frühe Kino noch kannte. Es zeigte alles Mögliche in allen nur erdenklichen Formen von boxenden Kängurus, tanzenden Zigaretten und fliegenden Hüten über einfahrende Züge und Lichtreflexionen auf nassem Asphalt bis zu Zaubertricks und märchenhaften Reisen zum Mond. Es sind sowohl Schwarzweiß-Filme oder handkolorierte Filme, Dokumentarfilme, Spielfilme, Experimentalfilme, Trickfilme, Musikfilme, Dramen und Melodramen, Thriller und Horrorfilme, Slapsticks und Komödien also auch Werbefilme, Kulturfilme, Lehrfilme und Künstlerfilme.
Im Kurzfilm bleibt diese frühe Vielfalt des Kinos erhalten, während das „große Kino“ im Lauf der Filmgeschichte immer stärker normiert wurde. Spätestens seit den 20er Jahren dominierte weltweit der lange Tonspielfilm. Für diesen wurden Konventionen und Standards entwickelt, die alle Bereiche wie die künstlerische Gestaltung, technische Normen und filmwirtschaftliche Produktionsweisen von der Drehbuchentwicklung und Filmherstellung über die Verbreitung bis zum modernen Marketing umfassen. Dadurch wurde ein Begriff von Film geprägt, der - obwohl er nur einen spezifischen Ausschnitt des Möglichen bezeichnet – für das Ganze zu stehen scheint. Umgangssprachlich äußert sich der (Marketing-)Erfolg dieser Konzeption in Ausdrücken wie „richtiges Kino“ oder „ein richtiger Film“.
Der Kurzfilm kann aber nicht unter diese sehr enge Vorstellung von Film, die ja nur einen kleinen Ausschnitt des Möglichen bezeichnet - etwa als Unterkategorie oder Gattung -, subsumiert werden. Der Kurzfilm steht vielmehr je nach Sichtweise vor, über oder außerhalb dieses historisch reduzierten Begriffs von Film und Kino.
Der Kurzfilm lebt also abseits des normierten Mainstream-Kinos und ist dabei eine Art Hoffnungsträger für all die Versprechen des frühen Kinos bezüglich ästhetischer Komplexität und inhaltlicher Vielfalt geworden. Er birgt damit Potenziale, die allerdings auch vom Langfilm ausgeschöpft werden können. Potenziale, die im Übrigen keineswegs von allen Kurzfilmen, die ja auch dem Mainstream zugehören können, realisiert werden.
Ökonomische Unabhängigkeit und Gestaltungsfreiheit im Kurzfilm
Insofern ein Kurzfilm aber seine Potenziale ausschöpft (und weil dies im Unterschied zum Langfilm regelmäßig und immer wieder der Fall ist), gibt es doch noch eine spezifische Qualität des Kurzfilms, die sich nicht allein aus seiner Laufzeit definiert. Die Länge als Unterscheidungsmerkmal ist dann keine Zeit-Norm, sondern lediglich ein produktions-ökonomischer Faktor, der es erlaubt, unabhängig von der Filmindustrie mit ihren wirtschaftlichen Zwängen zu arbeiten.
Diese Sicht wird von den meisten Filmemachern geteilt. Sie wählen die kurze Form vor allem deswegen, weil sie mit ihr ökonomische Unabhängigkeit mit künstlerischer Gestaltungsfreiheit verbinden können. So haben zum Beispiel fast alle Filmemacher und Künstler in den 2005 unter dem Titel »Überraschende Begegnungen der kurzen Art« (Peter Kremski, Hg.) erschienenen Interviews bekannt, dass sie eigentlich nicht kategorisch zwischen kurzen und langen Filmen unterscheiden.
Je geringer Aufwand und Kosten für die Herstellung eines Films, desto geringer sind der ökonomische Druck und das finanzielle Risiko. Ökonomische Unabhängigkeit schafft Spielraum für Experimente und Innovationen. Das ist die Stärke des Kurzfilms.
Ästhetisch und technisch innovativ – Kurzfilm als Impulsgeber
Im „großen Kino“ haben sich sowohl technische und inhaltliche Standards als auch filmsprachliche Konventionen durchgesetzt, die mit jeder Verfeinerung und tieferen Verankerung in der Bildkultur gleichzeitig auch eine Reduktion des filmischen Ausdrucks und eine kulturelle Vereinfachung bedeuten. Diese Reduktion kann auch filmische Meisterwerke, die dann später „Klassiker“ werden, hervorbringen, führt aber im Regelfall dazu, dass massenhaft „Konfektionsware“ produziert wird. Und ohne Impulse von Außen, das heißt von außerhalb des konventionellen Systems verfestigen sich Stile, Genres und Gattungen, die irgendwann auf der Stelle treten und an ihren eigenen Konventionen ersticken. Der Kurzfilm ist ein solcher Impulsgeber von Außen.
Es gibt kaum eine filmästhetische Neuerung, die nicht zuerst im Kurzfilm „erfunden“ und erprobt wurde. Dies wird in der Filmgeschichtsschreibung oder von der Filmkritik mangels entsprechender Forschung und Kenntnis meist übersehen. Innovationen erscheinen dort als überraschende „Revolutionen“ oder werden gerne einem Genius zugeschrieben (obwohl vielleicht ein kleiner Kurzfilm dahintersteckt!). Ob Stopptrick, Großaufnahme, Jump-Cuts, Direct Cinema, non-lineares Erzählen, hybrider Film, die Handkamera und der Dogma-Stil - dies alles hat es zuerst im Kurzfilm gegeben und wurde vom Mainstream zur eigenen Erneuerung osmotisch aufgesogen.
Auch an technischen Innovationen ist der Kurzfilm maßgeblich beteiligt. So ist zum Beispiel die Digitalisierung des Kinos ohne den Kurzfilm nicht denkbar. Von der elektronischen Bildbearbeitung und Produktion (Software) über digitale Formate (Trägermedien) bis zur digitalen Distribution (Internet, Mobilfunk) sind alle Neuerungen zuerst mit Kurzfilmen erprobt worden. Und bei neuen digitalen Vor-Plattformen besteht der Testcontent immer aus Kurzfilmen.
Es sind nicht nur ökonomische und technische Gründe wie geringere Produktionskosten oder die kurzen Laufzeiten, die geringere Bandbreiten beanspruchen, die den Kurzfilm zum Pionierformat machen, sondern vor allem seine formale Vielfalt, seine Aktualität und sein Reichtum an Stoffen und Themen. Aus dem breiten Repertoire an Kurzfilmen findet sich für jede Anwendung, für jedes Anspruchsniveau und für jede Zielgruppe geeignetes Material.
Vielfalt
Es gibt heute in Deutschland ein Neben- und Miteinander unterschiedlichster Kurzfilmformen und Strömungen, denen ebenso viele Vertriebswege, Präsentationsformen und Filmszenen entsprechen. Der Kurzfilm ist zwar auch das Feld für sogenannte Fingerübungen und dient als Visitenkarte junger Filmemacher am Anfang ihrer Karriere in anderen Bereichen. Aber nicht nur. Er ist auch ein Medium für professionelle Arbeiten. Hergestellt wird er individuell, kollektiv oder im Team auf privaten Desktops zu Hause oder in Filmschulen, aber auch in Hightech Produktionsstudios und in Künstlerateliers.
Gesehen wird er im Kino und Fernsehen, aber nicht ausschließlich. Als Flash-Animation blinkt er im Internet auf und als ultrakurzes, unterhaltsames Micromovie wird er über Mobiltelefon gesendet. Er dient aber auch als seriöses Unterrichtsobjekt und als Diskussionsstoff in der Bildungsarbeit mit Jugendlichen und Erwachsenen. Er ist im Firmenfernsehen präsent und bei der Managerausbildung. Der Kurzfilm kann aber auch ein Kunstwerk in Museen und Ausstellungen und ein Sammlerobjekt für den Kunstmarkt sein.
Aus all dem folgt, dass es den typischen Kurzfilm nicht gibt. Jede einzelne Sparte, jedes der vielen Kurzfilm-Genres und jede einzelne Spielart hat ihre jeweils eigene Ästhetik, eigene Vertriebswege und jeweils eigene Zuschauersegmente. Jeder Teilbereich erscheint für sich genommen marginal, in der Summe ergibt sich aber ein starkes Bild! Ein Repertoire an Filmformen, das die Vielfalt des frühen Kinos immer wieder neu erfindet und ästhetisch wie technisch innovativ weiterentwickelt hat.
Reinhard W. Wolf
Dieser Text entstand für "Kurzfilm in Deutschland - Studie zur Situation des kurzen Films", herausgegeben von der AG Kurzfilm – Bundesverband Deutscher Kurzfilm, Dresden 2006.
Informationen zu Bezugsmöglichkeiten der Publikation siehe http://www.ag-kurzfilm.de