
Den Cahi?rs du Cinéma und mit ihnen vielen französischen Feuilletonisten zufolge markiert der Sommer 2006 eine historische Wende im Verhältnis zwischen Kino und Museum, die zum „Cinémamusée“ verschmelzen (Cahi?rs du Cinéma No 611). Denn in Paris widmeten sich gleich drei große Museen Filmemachern, die man bislang nicht im Museum vermutet hätte: Pedro Almodóvar in der neuen Cinémath?que française, Agn?s Varda in der Fondation Cartier und J-L Godard im Centre Pompidou. Insbesondere die Godard-Ausstellung fachte die Diskussion - vor allem wegen der Streitigkeiten zwischen Godard und dem Beaubourg über die Konzeption der Ausstellung - erst richtig an. Die einen sehen bereits das Ende der wahren Cinéphilie und des Kinos, das selbst museal zu werden droht, die anderen feiern die neue Liaison als längst fällige Aufwertung der Filmkunst oder sogar als den Beginn einer neuen Ära. Das, was im künstlerischen Film begann, hat nun auch den Spielfilm und die großen Institutionen erreicht.
Tatsächlich waren Film und Kino noch nie so präsent in Museen und Ausstellungen wie in diesem Sommer. Um in Frankreich zu bleiben, hier noch weitere Beispiele, die zum Teil weit über Filmvorführungen oder Werk-Ausstellungen hinausgehen: Der Louvre sponsort einen Spielfilm von Tsai Ming-liang. Das Orsay-Museum gibt zu seinem zwanzigsten Geburtstag Arbeiten bei Olivier Assayas, Hou Hsiao Hsien, Jim Jarmusch und Raoul Ruiz in Auftrag. Das Centre Pompidou beauftragt Alain Fleischer mit einem Film zu seinem dreißigsten Geburtstag. Und das noch nicht eröffnete Musée des Arts premiers am Quai Branly hat Claire Denis die Leitung eines kollektiven Projekts von Filmemachern aus Afrika und Ozeanien übertragen. Ausstellungen über Walt Disney im Grand Palais und Marilyn Monroe im Musée Maillol runden das Bild ab ...
Aber nicht nur in Frankreich lässt sich diese Tendenz feststellen. So widmete in Spanien das Centre de Cultura Contempor?nia de Barcelona Abbas Kiarosami eine Ausstellung (und stellt im regulären Programm jeden Monat in der Reihe Screen einen anderen Filmemacher vor). Auch in Deutschland gibt es entsprechende Beispiele. So zeigte die Pinakothek der Moderne in München letztes Jahr eine Ausstellung mit Arbeiten von Pier Paolo Pasolini. Das ZKM in Karlsruhe präsentiert nicht nur regelmäßig Filme, sondern war auch schon als Produzent und Auftraggeber tätig. So zum Beispiel in Kooperation mit der Fondation Cartier für einen Dokumentarfilm von Raymond Depardon („7x3“, 2004) und ein Auftrag an Artavazd Peleschjan, der ohne diese ‚museale’ Hilfe seit 15 Jahren keinen neuen Dokumentarfilm mehr machen konnte.
Bemerkenswert ist auch, dass wohl zum ersten Mal in der deutschen Verleihgeschichte, von einem Spielfilmverleih (Alamode, München) ein Film zuerst exklusiv in Museen ausgewertet, bevor er in die Kinos kam: „The Cremaster Cycle“ von Matthew Barney war unter anderem im Museum Ludwig Köln und im Sprengel Museum Hannover zu sehen und anschließend in einigen wenigen Kinos.
Weniger überraschend ist, dass Arbeiten von Filmkünstlern und Bildenden Künstlern, die mit Film arbeiten, in weiterhin steigender Frequenz in Ausstellungen und Galerien präsent sind. Auch hierzu einige aktuelle Beispiele: Zur Wiedereröffnung des Musée d’Art Moderne (Paris) werden Filme von Pierre Huyghe gezeigt. In Deutschland wurde gerade eine Einzelausstellung von Isaac Julien ausgerichtet (Kestnergesellschaft Hannover). Eine Einzelausstellung mit Arbeiten von Salla Tykkä zeigt zur Zeit der Palais de Tokyo (Paris), wo zuvor der brasilianische Filmemacher Wagner Morales zu Gast war. Videos und Fotografien von Tracey Moffatt zeigt die L.A. Gallery in Beijing. Und im September präsentiert der Kunstverein Heidelberg im Rahmen von „100 Tage=100 Videos“ unter anderem Filme von Ursula Biemann, Matthias Müller und der Atlas Group. Letztere sind bei Anwesenheit von Walid Raad anschließend auch in der Nationalgalerie Hamburger Bahnhof in Berlin zu sehen - ergänzt um Filme von Harun Farocki, Peter Greenaway und John Smith.
Strittig ist, ob inzwischen Museen besser vorbereitet und geeignet für die angemessene Ausstellung von Filmen sind als Kinos selbst. Selbst Godard, der als Museums-Hasser gilt, hat nun den Weg ins Museum gefunden. Für viele Filmkünstler gibt es aber wohl schon aus wirtschaftlichen Gründen kaum Alternativen zum „Cinémamusée“.
Reinhard W. Wolf