
Auf Einladung der italienischen Veranstalter von Videominuto PopTV trafen sich Ende Oktober Vertreter verschiedener 1-Minuten-Filmfestivals in Florenz zu einer Tagung. Das italienische Festival fand selbst bereits im September im Centro per l’Arte Contemporanea Luigi Pecci in der Nachbarstadt Prato statt. Anlass für die Einladung nach Florenz war ein großes Kulturfestival der Stadt (Festival della Creatività), dessen Strukturen genutzt werden konnten und in dessen Rahmen auch ein internationales Auswahlprogramm an 1-Minuten-Filmen in einer Messehalle präsentiert wurde - vor mehreren Hundert überwiegend jugendlichen Zuschauern!
An der Konferenz zum Thema 1-Minuten-Filme nahmen Festivalveranstalter und Kuratoren aus 10 verschiedenen Ländern teil. Neben einem Erfahrungsaustausch wurden Fragen thematisiert wie Möglichkeiten der Kooperation, Urheberrecht und Konzeption beziehungsweise Definitionen des 1-Minuten-Films. Es stellte sich heraus, dass es neben vielen Gemeinsamkeiten bezüglich der Motive für die Veranstaltung von 1-Minuten-Events, doch sehr unterschiedliche inhaltliche und konzeptionelle Ansätze gibt. Wirklich gemeinsam ist allen eigentlich nur, daß sie sich mit Filmen beschäftigen, die 1 Minute lang sind.
Wettbewerbe oder Veranstaltungen mit Filmen einer bestimmten Länge gab es in der Vergangenheit immer mal wieder – meist als Folge einer technischen Vorgabe, wie z.B. die Länge einer Super-8-Filmkassette. Solche Gründe sind heute obsolet. Stattdessen stehen jetzt konzeptionelle Überlegungen für die Einschränkung auf eine bestimmtes Zeitmaß im Mittelpunkt. Diese Beschränkung ist eine Herausforderung für die Filmemacher, zwingt zur Konzentration und sorgt, im Fall von Wettbewerben, für gleiche Voraussetzungen bei den Teilnehmern.
Das älteste Festival für 1-Minuten-Filme ist wohl das brasilianische Festival Mundial do Minuto . Gegründet 1991, hat es sich im September 2007 durch die Kooperation mit einem der größten Mobiltelefon-Anbieter (Oi/Telemar) im Internet neu aufgestellt – nachdem es Sorgen gab, ob man im Zeitalter von YouTube noch bestehen könne. Allerdings ist das Festival do Minuto trotz der jüngsten Veränderungen kein Internetfestival. Vielmehr gibt es Filmvorführungen in 200 Veranstaltungsorten in 70 Städten überall in Brasilien - mit Beiträgen aller Formate inklusive 35mm-Film.
Auch bei den 1-Minuten-Kollegen in anderen Ländern bilden lokale Filmvorführungen die Basis, während der Internetauftritt meist nur ein Spin-Off ist. Das Publikumsinteresse an solchen Veranstaltungen ist sehr hoch - das mag überraschen, denn an einem einzigen Veranstaltungsabend kommen ja schnell mal mehr als 100 verschiedene Filme zusammen, die zu ‚verkraften’ sind!
Sehr hohe Zuschauerzahlen meldet die vielleicht jüngste Organisation unter den 1-Minuten-Veranstaltern: Pravda One Minute aus Litauen erreicht mit Vorführungen in den fünf größten Städten des Landes zusammen mehr als 20.000 Zuschauer. Wie dort, ist es auch andernorts vor allem der Eventcharakter, der die Attraktivität ausmacht. Die Aufführungsumstände der 1-Minuten-Festivals unterscheiden sich ansonsten aber sehr stark in Abhängigkeit von den räumlichen Bedingungen, der Einbindung der Veranstalter in andere Szenen, der Organisationsform, aber auch von der geografischen Lage.
Das italienische Videominuto in Prato besteht, zum Beispiel, aus Installationen und Screenings in den Räumen des Museums für zeitgenössische Kunst, während die Abschlussveranstaltung - ergänzt um VJs und DJs – eine populäre spätsommerliche Open-Air-Party in einem Amphitheater mit mehr als 1.000 Gästen ist.
In Kanada hingegen finden die Veranstaltungen indoor in Kinos statt, wie beim One Minute Film Fest in Toronto, oder überwiegend online - neben Club-Veranstaltungen - bei Minute Moments aus Montréal. Online-orientiert und damit international ist auch Filminute (Sitz London) mit 500.000 Page Views und Zuschauervoten aus 90 Ländern. Viele Veranstalter kombinieren Online-Auftritt und Live-Events. AZYL aus der Slowakei zeigt zum Beispiel Programme beim Internationalen Filmfest Bratislava und ganzjährig Filme im Internet.
Wie ein klassisches Filmfestival tritt das One Minute Film Festival Aarau (Schweiz) auf. In einer mehrtägigen Veranstaltung werden mehr 1.000 Kurzfilme gezeigt. Ähnlich das Croatian One Minute Film Festival in Pozega, das aus zweitägigen Wettbewerbsprogrammen besteht, aber anschließend noch eine Tour in die Region unternimmt.
So erreicht jeder Veranstalter auf jeweils anderen Wegen sein Publikum und jeweils verschiedene Zielgruppen. Der Veranstalter des 59 Seconds Video Festival , Project 59 (New York), zum Beispiel ist in der Kunstszene verankert und zeigt seine Sammlung kurzer, konzeptioneller Kunstvideos weltweit vor entsprechendem Publikum.
Unterschiedlich sind auch die Organisationsformen der Veranstalter. Bei den einen ist es ein kleiner Freundeskreis, bei anderen sind es engagierte Mitarbeiter von Firmen im Mediensektor. Richtig etabliert ist eigentlich nur das niederländische One Minutes Festival mit seiner One Minutes Foundation, die mit der Kunsthochschule Sandberg Institute (Amsterdam) verbunden ist. Neben Veranstaltungen im eigenen Land, organisiert die One Minutes Foundation alle zwei Jahre auch eine große internationale Veranstaltung, wie als nächstes eine Ausstellung in Beijing. Außerdem arbeiten die Veranstalter mit dem niederländischen Dokumentar-Fernsehkanal Holland Doc zusammen, für den internationale Programmserien produziert werden.
Angesichts der Unterschiede konnten sich die auf der Tagung anwesenden Vertreter zwar nicht zur Gründung eines internationalen Verbands entschließen, waren aber für die Einladung der italienischen Veranstalter (Videominuto/Controradio) sehr dankbar und haben Kooperationen sowie weitere Treffen verabredet.
Allen Veranstaltern gemeinsam hingegen ist eine hohe Qualität der Arbeiten, die sich diesbezüglich deutlich von dem unterscheiden, was an kurzen Videos etwa auf Filesharing-Plattformen im Internet zu sehen ist. Dies liegt sicherlich daran, dass die One-Minutes-Filmfestivals nicht nur mit Zuschauervoten, sondern auch mit Jurys arbeiten und sorgfältig kuratiert werden. Überraschend ist nur, dass die Einreichzahlen der 1-Minuten-Festivals im Unterschied zu Kurzfilmfestivals oder gar Videohostern noch relativ niedrig sind. Insofern ist die Szene überschaubar und die Chancen für Kurzfilmemacher teilnehmen zu können recht hoch!
(rww)