Erik Schmitt

Film Berlin Metanoia: Eine junge Frau mit langen dunklen Haaren und brauner Jacke und ein Bär stehen sich gegenüber. Der Bär reißt das Maul auf. Sie wirkt ruhig.

Berlin Metanoia © KurzFilmAgentur Hamburg

 

Schon die ersten Sekunden dieses Films reichen aus, um einer raumgreifenden Beklemmung Platz zu schaffen, die sich in den folgenden 15 Minuten nicht mehr zerstreut. „Berlin Metanoia“ ist ein dunkler, fast (alp)traumhafter Trip ins Innerste einer Stadt, die sich selbst gern als jung und cool vermarktet, aber irgendwo zwischen Hipstertum, Touristenflut und Hype ihre Seele verloren hat. Erik Schmitt nähert sich der latent psychotischen Berliner Identität in seinem jüngsten Kurzspielfilm, der 2016 auf der Berlinale seine Premiere feierte mit einer Intensität, die noch lange nachwirkt.

 

Kore (Marleen Lohse) spürt den Druck, der wie eine dunkle Wolke über der Stadt liegt, deutlicher als die meisten anderen Menschen. Sie beschreibt mit belegter Stimme, wie sich Fesseln der Angst auf ihre Seele legen und die Panik sich aus dem Unterbewusstsein in den Vordergrund drängt. Doch auch andere Bewohner der Stadt machen die Erfahrung, dass die Bewusstseinsebenen plötzlich nicht mehr klar zu trennen sind und die Grenzen von Traum und Wirklichkeit verschwimmen. Als dann auch noch ein Bär aus seinem Zwinger entkommt, verfällt die Stadt in Panik. Kore ist schließlich die Einzige, die sich ihrer Angst stellt.

 

„Berlin Metanoia“ spielt nicht nur virtuos mit der Verknüpfung verschiedener Erzählstränge, sondern arbeitet mit unterschwelligen Sounds, die einem das Unbehagen in die Eingeweide kriechen lassen, mit der kontrapunktischen Montage von Bild und Ton und vor allem mit der Sprache selbst. Die Hauptperson Kore arbeitet als Sprecherin. Eingepfercht in eine düstere Aufnahmekabine versucht die verstört wirkende junge Frau den immer gleichen Sätzen durch unterschiedliche Betonung neue Bedeutungsebenen zu geben. Hauptdarstellerin Marleen Lohse, mit der Schmitt seit einigen Jahren regelmäßig zusammen arbeitet, darf hier ganz neue Seiten von sich zeigen und prägt den Film mit ihrer rauen, verletzlichen Stimme, die so präsent ist wie in bisher keinem anderen der gemeinsamen Filme und die einzelnen Szenen zusammen hält.

 

„Jeder meiner Kurzfilme ist für mich wie ein selbstorganisierter Lehrgang zu einem bestimmten Gebiet. Bei ‚Berlin Metanoia‘ wollten wir probieren, wie Geschichten ohne ein festes narratives Gerüst erzählt werden können. Wir wollten verschiedene traumartige Stories erzählen, die nur auf lose Weise miteinander verknüpft sind. Eine Konsistenz bekommen die Fragmente vor allem durch Kores Stimme.“

 

„Berlin Metanoia“ ist der letzte Teil einer Trilogie, deren erster Teil im Jahr 2013 entstand. Der Beginn von Schmitts Karriere als Regisseur liegt allerdings noch ein Stück weiter zurück. Seine ersten Kurzfilme drehte er noch unter dem Label Kamerapferd. Gemeinsam mit Stephan Müller, dem an dieser Stelle bereits 2006 ein Portrait gewidmet wurde (http://www.shortfilm.de/stephan-flint-mueller/) entstanden zwischen 2009 und 2014 mehrere preisgekrönte Kurzfilme, die alle mit unserer Wahrnehmung spielen und sie durch optische Tricks und analoge On-Scene-Animationen aus dem Gleichgewicht bringen. Dabei agieren die beiden Filmemacher nicht wie Zauberer, die ihr Publikum gekonnt visuell hinters Licht führen, sondern eher wie verschmitzte Filmgaukler, die ihre eigenen Illusionen im nächsten Atemzug als das entlarven, was sie sind: kreative optische Taschenspielertricks, die in Zeiten digitaler Animation und Postproduktion aufs angenehmste dem Analogen huldigen.

 

Getragen von der Lust am Experiment loten die Kamerapferd-Filme und Clips jedes Mal aufs Neue die Möglichkeiten des visuellen Erzählens aus. Gerade die frühen gemeinsamen Arbeiten sind geprägt von Animationstricks und einer sehr experimentellen Herangehensweise. Während in „Fliegenpflicht für Quadratköpfe“ (2004) diverse Kameratricks geschickt collagiert werden, der Film aber streng genommen ohne stringente Handlung auskommt, entsteht die Fake-Doku „Nicht nur der Himmel ist blau“ (2009) im Rahmen eines 48-Stunden-Film-Festivals aus einer spontanen Idee ohne lange Planung oder Recherche. Der 2010 entstandene Kurzfilm „Und nun sehen Sie Folgendes“ ist nicht einmal als eigenständiger Film angelegt, sondern das Ergebnis eines kreativen Kameratestes. Um den Test unter möglichst realistischen Bedingungen (und mit so viel Spaß wie möglich) durchzuführen, fabuliert die Filmcrew ein einfachstes Drehbuch mit einem trotteligen Hauptdarsteller, einer bösen Nebenfigur, einer blonden Schönheit und einer Oma, die auf ihren Enkel wartet. Die moderne Rotkäppchen-Geschichte wurde in kürzester Zeit abgedreht und wirkt wie ein nicht ganz ernst gemeinter Leitfaden für angehende Filmemacher.

 

Als Kamerapferd mit „Und nun sehen Sie Folgendes“ im Jahr 2011 völlig überraschend den Deutschen Kurzfilmpreis gewinnt, fallen Schmitt und Müller aus allen Wolken. Mit der unerwarteten Lola im Gepäck ergeben sich plötzlich ganz neue Möglichkeiten. Sie tauchen ein in die Deutsche Kurzfilmwelt und realisieren, dass es durchaus Strukturen und Netzwerke gibt, die ganz offiziell und professionell genau das betreiben, was für sie bisher „nur“ eine geliebte Freizeitbeschäftigung ist. Im folgenden Jahr reisen sie schließlich gemeinsam nach Los Angeles, wo sie als Stipendiaten in der Villa Aurora ihr nächstes Projekt planen wollen.

 

Film Nun sehen Sie Folgendes: Ein Mann mit Brille und Schnurrbart schaut durch eine Lupe. Sein rechtes Auge wird durch die Lupe stark vergrößert.

Nun sehen Sie Folgendes © KurzFilmAgentur Hamburg

 

Rückblickend bezeichnet Erik Schmitt die Zusammenarbeit mit Stephan Müller als Glücksfall und absolut prägende Phase:

„Bevor ich Stephan traf, war ich immer allein mit meinen verrückten Ideen. Aber plötzlich war da jemand, mit dem ich mich blind verstanden habe und der noch viel weiter ging in seinen Experimenten. Die Zusammenarbeit war großartig. Obwohl ich eigentlich gar nicht von ‚Arbeit‘ reden würde. Wir sind einfach losgezogen in die Stadt und haben uns darin geübt, sie aufmerksam und mit anderen Augen zu sehen. Wir hatten viel Zeit, wenig Geld, keine Aufträge, aber viel Spaß.“

In gewisser Weise lebte Kamerapferd also genau den Mythos der Kreativhauptstadt Berlin, der schließlich in den folgenden Filmen Erik Schmitts noch eine große Rolle spielen wird.

 

Anders als geplant wird der Aufenthalt in der Villa Aurora zu einer einschneidenden Zäsur für das Regie-Duo. Obwohl während des dreimonatigen Aufenthalts zwei Kurzfilme („Somewhere Else“ und „Ich schweife ab“ – beide 2013) entstehen, zeichnet sich in den USA ab, dass die produktive Zeit der beiden zu Ende geht. Den ambitionierten Kurzspielfilm über die Seele der Stadt, der zunächst als gemeinsames Projekt angelegt war, führt schließlich Erik Schmitt als Regisseur allein zu Ende. Trotz der Entscheidung, nicht mehr im Doppelpack Regie zu führen, unterstützen sich beide bis heute gern bei ihren jeweiligen Projekten.

 

„Nashorn im Galopp“ (2013) basiert zwar noch auf der Grundlage einer gemeinsamen Planung, wurde aber schließlich von Erik Schmitt als einzigem Regisseur an nur acht Drehtagen im Hochsommer in Berlin verwirklicht. Marleen Lohse prägt den Film, der gleichzeitig eine Liebeserklärung an ihre Rolle der „Vicky“ wie an die Stadt Berlin ist, durch ihre starke Präsenz. Sie wird – wie viele andere Mitglieder des Teams – auch bei den beiden anderen Teilen der Trilogie wieder mit von der Partie sein. Der Film erzählt eine sommerliche Geschichte über die Liebe, das Loslassen und die Suche nach der Seele der Stadt. Der künstlerische Schwerpunkt liegt auf verschiedensten Arten analoger Animation, mit deren Hilfe den Zuschauern die Augen für die unzähligen Gesichter der Metropole geöffnet werden. In schneller Folge wechseln sich Perspektivtricks ab mit Stoptrick-Animation und Street-Art-Elementen. Im Fokus steht dabei einerseits die sich vorsichtig entwickelnde Liebensgeschichte zwischen dem Eigenbrötler Bruno und der charismatischen Weltenbummlerin Vicky, andererseits die Stadt selbst, deren kleine und große Eigenheiten Erik Schmitt gekonnt (und von einem wirklich guten Soundtrack begleitet) in Szene setzt. Auf klassische Spielszenen wird in diesem Film weitestgehend verzichtet, die Handlung wird vor allem durch Brunos Off-Kommentar vorangetrieben.

 

Film Nashorn im Galopp: Ein junger Mann und eine junge Frau sitzen gemeinsam auf einer Bank. Er ist sehr viel kleiner als sie und kitzelt sie unter dem Arm. Sie lacht.

Nashorn im Galopp © KurzFilmAgentur Hamburg

 

„Mit diesem Film wollte ich ausprobieren, wie man verschiedene Trickelemente zu einer stringenten Handlung zusammenschweißen kann. Da lag es nahe, die visuelle Wahrnehmung der Stadt nicht nur als formales Experiment zu betrachten, sondern auch ein Stück weit zum Thema zu machen. Meine Figuren sind – wie ich in dieser Zeit – Flauneure, die nicht auf ein bestimmtes Ziel hinarbeiten, sondern die Suche selbst zum Ereignis machen.“

Der Film traf ganz offensichtlich den Puls der Zeit und wurde ein internationaler Überraschungserfolg. Insgesamt gewann „Nashorn im Galopp“ mehr als 50 Preise auf über 100 Festivals. Doch statt das zum Anlass zu nehmen, das offensichtlich gute Rezept erneut zu servieren, entscheidet sich Erik Schmitt bei seinem nächsten Projekt für einen ganz anderen Schwerpunkt.

In „Forever over“ (2014) versammelt er zwar wieder den Cast, der zu weiten Teilen bereits bei „Nashorn im Galopp“ vor der Kamera stand, es verändern sich aber die Charaktere der Rollen und die Gewichtung der filmischen Mittel. Schmitt erzählt die Geschichte einer in die Jahre gekommenen Beziehung. Mia und Tom wollen ihre Liebe wieder beleben, indem sie sich zur Aufgabe machen, dem anderen bei der Erfüllung seiner Träume zu helfen, egal worum es sich handelt. Aus dieser Versuchsanordnung leitet sich eine Story ab, in deren Verlauf sich beide – trotz aller Bemühungen – Stück für Stück weiter emotional voneinander entfernen. Statt sich erneut auf Animationen zu stützen (die allerdings in dosierter Form durchaus vorkommen), steht nun das Schauspiel im Mittelpunkt. In den kleinen Gesten, den Nuancen in der Stimme, den ins Leere gleitenden Blicken der Hauptpersonen wird nach und nach immer deutlicher, dass die Beziehung nicht mehr zu retten ist.

„Bei diesem Film wollte ich lernen, wie ein Regisseur mit Schauspielern arbeitet, wie Gefühle ausgedrückt und Typen inszeniert werden können. Natürlich hat mich die Animation deshalb nicht weniger interessiert. Aber ich habe meinen Fokus ganz klar auf etwas Neues gerichtet, denn das Potential der analogen Animationen hatte ich ja gerade erst beim Vorgängerfilm ausgelotet. Meine Kurzfilme waren für mich einfach eine Art DIY-Filmschule. Jeder Film steht unter einer anderen Überschrift.“

Mit „Berlin Metanoia“ hat Schmitt den dritten und letzten Teil seiner Berlin-Trilogie abgeschlossen und sich dabei – wie bereits erwähnt – verstärkt auf die Bildgestaltung und die Arbeit mit einer komplexeren, nicht linearen Erzählweise konzentriert. Mit den Themen Stadt, Liebe und Wahrnehmung ist er deshalb allerdings noch lange nicht fertig. Mit seiner in den letzten Jahren gewachsenen Filmfamilie hat Schmitt gerade den Spielfilm „Story of Berlin“ abgedreht, in dem nicht nur das heutige Berlin, sondern auch die komplexe Geschichte der Stadt eine tragende Rolle spielen wird. Als wir ihn mitten im Schnitt zum Interview bitten, ist er einerseits stolz und glücklich, seinen ersten langen Spielfilm im Kasten zu haben, stellt andererseits aber auch fest, dass die lange Form den Kurzfilm nie komplett ersetzen wird. Kurzfilm werde für ihn immer ein unverzichtbares Ausdrucksmittel bleiben, denn nur hier könne er schnell, spontan und kreativ reagieren und sich ohne lange Planungsphasen dem Experimentieren hingeben.

Zuletzt hat er dies in „Santa Maria“ getan, einer knapp 5-minütigen Film-Noir-Miniatur, die explizit im 9:16-Format für die Sichtung auf dem Mobiltelefon produziert wurde. Der Film ist schnell geschnitten, stilsicher und humorvoll erzählt und einer der ersten Kurzfilme aus Deutschland, der die vertikale Perspektive sinnvoll einsetzt. Das Projekt, das durch einen kommerziellen Sponsor möglich gemacht wurde, bekam 2017 unter anderen den Short Tiger Award der FFA und kann von Kinos  als Vorfilm gebucht werden.

Erik Schmitt bleibt also der Kurzmetrage treu. Jeder einzelne Kurzfilm sei wie ein kleines Kunstwerk, das im besten Fall funktioniert wie der der Song „Bohemian Rhapsody“ von Queen: voller einzigartiger und überraschender Einzelteile, die sich am Ende doch zu einem perfekten Ganzen zusammen fügen.

 

 

Filmografie

2016 Santa Maria – Regie, Drehbuch

 

2015/2016 Berlin Metanoia – Regie, Drehbuch

 

2014 Forever Over – Regie, Drehbuch, Schnitt

 

2013/2014 Telekommando – Regie, Drehbuch

 

2013 Ich Schweife Ab! – Regie, Drehbuch, Produzent

 

2013 Somewhere Else – Regie, Drehbuch, Produzent

 

2012/2013 Nashorn im Galopp – Regie, Drehbuch, Schnitt

 

2010-2012  Weil ich schöner bin – Animation

 

2010 Nun sehen Sie Folgendes  – Regie, Drehbuch, Kamera

 

2009 Nicht nur der Himmel ist blau – Regie, Drehbuch, Kamera

 

2007-2010 Solartaxi – Um die Welt mit der Kraft der Sonne – Regie, Drehbuch, Kamera, Produzent