
Die Kurzfilmszene ist ein Universum voll ungewöhnlicher Charaktere. Da muss man sich schon ein bisschen was einfallen lassen, wenn man in diesem bunten Haufen noch auffallen will. Dem deutsch-französischen Künstlerpaar Sylvie Boisseau und Frank Westermeyer gelingt das seit Jahren mit einer ungewöhnlichen Methode: sie inszenieren die Normalität.
Die Normalität ist möbliert mit Eiche-Furnier Schrankwänden, Resopalküchentischen und abgewetzten Frühstücksbrettchen aus Plastik. Inmitten dieser beunruhigend alltäglichen Umgebung bewegt sich ein schlaksiger Mann mit Intellektuellenbrille, hängenden Schultern und leicht angestrengtem Gesichtsausdruck ohne erkennbares Ziel durch den Raum. Die Kunstfigur Frank alias F, gespielt von Westermeyer selbst, tappt ziellos und ohne Spuren von Elan durch verschiedene Situationen, die so banal, alltäglich und bekannt sind, dass einen das Hinsehen manchmal fast schmerzt.
In ihrem ersten gemeinsamen Film MEINE FAMILIE UND ICH (1997) sieht man den stoischen F im Kreis der Familie in Wanne-Eickel. Beim Zuschauer springt sofort der hermeneutische Autopilot an - ah, das sind also die Eltern, genauso kleinbürgerlich, wie man sich das bei so einem Nachwuchskünstler vorgestellt hat. In der nächsten Szene taucht F jedoch urplötzlich und genauso selbstverständlich im Leben anderer "Eltern" auf und drückt sich - während er selbst Gegenstand des typischen Tür-zu-Tür-Tratsches ist ("ja, unser Frank, der macht da ja jetzt auch sein Studium") verschämt hinter dem Rücken einer putzkittelbewehrten Hausfrau durchs Treppenhaus. Ein anderes Mal scheinen die wenigen Halbsätze, die Frank und seine diesmal ausgesprochen elegante Mutter austauschen, ödipale Strukturen durchschimmern zu lassen.
MEINE FAMILIE UND ICH ist eine filmische Versuchsanordnung auf mehreren Ebenen. Die erste betrifft den Einfluss der Biographie auf die Identität. Dazu wird die Kunstfigur Frank mit verschiedenen Familien konfrontiert, die alle aus Westermeyers eigenem Bekanntenkreis stammen. Am Anfang dieser Arbeit stand eine Frage, die sich wohl jeder schon einmal gestellt hat: "Was wäre eigentlich, wenn ich in einer anderen Familie aufgewachsen wäre?" Westermeyer und Boisseau erkunden den Einfluss der Umgebung aufs Ich. Nebenbei erteilen sie dem Zuschauer, der sich allzu bereitwillig aufs narrative Glatteis führen lässt, mit jeder neuen Szene (und jeder neuen Familie) eine elegante Lektion über die Verdrehungskünste des Mediums: Nichts ist so, wie es auf den ersten Blick scheint. Eine (Medien-)Persönlichkeit entsteht vor allem durch ihre Spiegelungen - wie wir unser Gegenüber wahrnehmen, hat mehr mit uns zu tun, als uns lieb ist. Der wortkarge F ist der perfekte Spiegel - für seine Mitspieler und die Zuschauer. Anders gesagt: gerade Mann ohne Eigenschaften hat das Zeug zum schillernden Charakter. Es kommt ganz drauf an, wer ihn anschaut.
Diesem Prinzip folgend weiten Boisseau und Westermeyer die Versuchsanordnung in ihrem nächsten Film MOI VU PAR (1999) aus. Wie sie selbst, die im gleichen Jahr den Ruhrpott in Richtung Paris verlassen, weitet sich auch F´s Horizont beträchtlich. Er trifft auf alte Freunde, neue Flirtpartnerinnen, rückhaltlose Bewunderer und bewunderte Lehrer, die ihn jeweils in ein ganz neues Licht setzen. Wie ein Chamäleon passt er sich seiner Umwelt an; wird er angeschwärmt, wächst er über sich hinaus, hagelt es Kritik, dann lässt er diese ohne Gegenwehr über sich ergehen und stimmt seinem Gegenüber am Ende sogar noch eifrig zu.
Auch für diese filmischen Miniaturen griffen Westermeyer und Boisseau auf ihren echten Freundeskreis zurück. Die Dialoge nehmen - stark pointiert - bestehende Kräfteverhältnisse auf und lassen so emotionale Unwuchten, die im "normalen Leben" wohl zu spüren, aber selten dingfest zu machen sind, sichtbar hervor treten.
Obwohl es sich bei beiden Filmen um Werke handelt, die unverkennbar aus den eigenen Erfahrungen schöpfen und die eigene Lebenswelt thematisieren, hat man keinen Moment das Gefühl, einer Familienaufstellung mit filmischen Mitteln beizuwohnen. So fließend die Grenzen zwischen Frank Westermeyer und seiner Persona F sein mögen, ihre Existenz ist unbestritten, sie werden nie thematisiert oder in Frage gestellt. Boisseau und Westermeyer nutzen die eigenen Erlebnisse und Erfahrungen als Rohmasse ihrer Arbeit und "spielen" die Rollen in ihren Filmen oft selbst - eine Vorgehensweise, die in der zeitgenössischen Kunst weit verbreitet ist (z.B. bei Cindy Sherman, Bj?rn Melhus oder Pipilotti Rist). Statt sich in einer psychologischen Nabelschau zu verlieren, gelingt es den Filmen der "F-Serie" (die bis heute insgesamt 7 Arbeiten umfasst) eine ganz besondere Allgemeingültigkeit zu erlangen, - auch und gerade weil in jedem Einzelnen ausgeprägte Slapstick-Elemente zu finden sind. Der Humor, so erzählt Boisseau, ist für ihre Arbeit ein unverzichtbarer Bestandteil, denn es ist oft gerade der Moment des Lachens, der beim Zuschauer den Transfer des Gesehenen ins eigene Leben ermöglicht. Die große Kunst besteht darin, Alltagssituationen so zuzuspitzen, damit sie für sich selbst sprechen können.
Aprospros Sprechen: in den folgenden Filmen der Serie DER FREIE MENSCH (2002) und DER OPTIONIST (2004) gibt F seine Schweigsamkeit nach und nach auf und verfällt am Ende ins sogar ins andere Extrem. Allein auf einem riesenhaften Steinsessel thronend, entfesselt er einen Monolog über das postmoderne Trauma der unendlichen Möglichkeiten, die einen dermaßen erschlagen, dass letztlich jede Entscheidung unmöglich ist.
Kurz nachdem sie F seinen einsamen, philosophischen Spitzfindigkeiten überlassen haben (und dieser sich ohne ein Gegenüber prompt in der Unmenge der Möglichkeiten verrennt) treiben Boisseau und Westermeyer die erprobte Methode der doppelten Spiegelung in FILIATION (2002) noch einmal auf die Spitze. Das Experiment aus MEINE FAMILIE UND ICH wiederholt sich nun unter umgekehrten Vorzeichen. F ist - wie sein Alter Ego Westermeyer - inzwischen erwachsen geworden und agiert in fünf Episoden als Vater verschiedener Kinder. Erneut steht die Frage im Raum, wie stark Eltern ihre Kinder prägen und ob es nicht doch manchmal auch umgekehrt ist. Die Jugendlichen zwischen 13 und 15 Jahren spielen innerhalb eines vorgegebenen Rahmens sich selbst. In ausgedehnten Vorgesprächen ohne Kamera sondieren Westermeyer/Boisseau dafür zunächst die Eigenheiten und Befindlichkeiten ihrer Mitspieler und reagieren dann mit der jeweils unterschiedlichen Ausformung der Figur F auf die Angebote und Vorgaben, die ihnen die Jugendlichen machen. Wie in den anderen Filmen überlappen sich auch in FILIATION schließlich in jeder Szene dokumentarische und fiktionale Herangehensweisen und gewohnte lineare Interpretationsmuster werden durch die inkonsistenten Einzelepisoden nachhaltig erschüttert.
Um ihre Arbeitsweise zu beschreiben, greifen Boisseau und Westermeyer auf das Beispiel des fotografischen Schnappschusses zurück, der in der Lage ist, gleichzeitig unzählige Geschichten zu erzählen hat, je nachdem, wer ihn sich (mit welchem Hintergrundwissen) anschaut. Neben Identität und Alltag sind Heimat und Kommunikation die zentralen Themen ihrer eigenen, genauestens geplanten filmischen Schnappschüsse, mit denen sie seit Jahren regelmäßig auf Festivals im In- und Ausland vertreten sind. Seit der Fertigstellung von DER OPTIONIST im Jahr 2004 scheint sich der Protagonist F jedoch auf eine Art geregelten Rückzug begeben zu haben. Zwar bleibt Frank Westermeyer weiterhin als Darsteller präsent, doch die Persönlichkeit seines Alter Egos tritt zunehmend zugunsten der stärker dokumentarisch orientierten Beobachtung von Alltagssituationen in den Hintergrund.
Die beiden bisher letzten klassischen Videoarbeiten des Teams entstanden im Sommer 2004 in Chicago, wo sich Boisseau/Westermeyer im Rahmen eines DAAD Stipendiums aufhielten. Beide Filme weisen in formaler und inhaltlicher Hinsicht weit über die bisherigen Arbeiten des Duos hinaus.
FLAGMAN (2005) dokumentiert eine zunächst kaum zu dechiffrierende Straßenszene, in der ein Mann mit einer roten Fahne am Eingang eines Parkplatzes den Verkehr zu regeln scheint. Erst nach längerer Beobachtung des wild gestikulierenden Mannes wird deutlich, dass er die vorbei fahrenden Wagen keineswegs steuert, sondern lediglich auf ihre Manöver (Beschleunigen, Abbremsen, Abbiegen) reagiert, ohne das Geschehen tatsächlich beeinflussen zu können. Spätestens wenn Frank Westermeyer versuchsweise die Stelle des FLAGMAN einnimmt und sein Verhalten kopiert, bzw. spiegelt, tritt das bereits mehrfach bearbeitete Verhältnis zwischen Individuum und Umgebung wieder in den Fokus. Den Effekt dieses Re-Enactment steigern Sylvie Boisseau und Frank Westermeyer dann nochmals, indem sie Original und Kopie des Flagman in ihre Installation COPY & PASTE (2006) integrieren. Im Ausstellungskontext ist nun auch der Besucher dazu eingeladen, sich mit Hilfe eines Bluescreen selbst zum Teil der Installation zu machen (= sich in die Szene hinein zu kopieren). Diese Installation ist eine der ersten, die eine Videoarbeit direkt in den Ausstellungskontext überfährt. Neben der Arbeit mit bewegten Bildern haben sich Boisseau und Westermeyer inzwischen vor allem mit ihren vielfältigen Interventionen im öffentlichen Raum einen Namen gemacht. Jedes Thema, so Boisseau, suche sich eben seine Form. Sie verstehen sich nicht in erster Linie als Kurzfilmemacher, sondern als Künstler, die sowohl mit Video als auch mit anderen Mitteln versuchen, eine eigene Sprache zu entwickeln.
Das ist ihnen mit ihrer vorerst letzten filmischen Arbeit LE GROUPE DU MERCREDI (2005) zweifellos gelungen. Das Video dokumentiert ein Treffen der französisch sprechenden Gemeinschaft Chicagos, die seit siebzehn Jahren jeden Mittwoch Menschen aus den unterschiedlichsten Ländern versammelt, deren einziger gemeinsamer Nenner ihre Sprache ist.
Gerade dieses verbindende Element wird durch eine Manipulation der Tonebene im Video aber fast vollständig getilgt. Indem sich die Kamera noch dazu konsequent auf die Zuhörenden und niemals auf die aktuellen Wortführer des Gesprächs konzentriert, entsteht eine ungewohnte, aber außerordentlich interessante Perspektive. Das Zuhören, ohne das keine Kommunikation möglich ist, wird hier auf nachdrückliche Weise in den Mittelpunkt gerückt.
Boisseau und Westermeyer verwenden für diesen Film ausschließlich dokumentarische Aufnahmen und verzichten neben der Einführung einer fiktionalen Ebene diesmal erstmals seit langem darauf, dass Westermeyer im Bild erscheint. Auch wenn es niemandem, der die Arbeiten von Sylvie Boisseau und Frank Westermeyer schätzt, kalt lassen wird, ist der Moment für einen (zumindest temporären) Abschied von F sicher gut gewählt. Die Entscheidung, sich von einer liebgewonnenen Figur zu emanzipieren, bevor sie zur Karikatur wird, ist immer schwer, gerade dann, wenn sie sich wie F fast zu einem Markenzeichen entwickelt hat. Gerade dann ist es aber umso notwendiger, eine kreative Atempause zu schaffen, in der Neues entstehen kann. Mit dem hingerissenen Blick auf die perfekten Zuhörer der Mittwochsgruppe stellen Sylvie Boisseau gerade diese Atempause und die Aufmerksamkeit für das Gegenüber auf bemerkenswerte Weise in den Mittelpunkt.
Luc-Carolin Ziemann
Infos: www.filmerei.de