In der Ökonomie der Kurzfilmproduktion spielen Festivalpreise und Auszeichnungen eine große Rolle. Geldpreise und dotierte Auszeichnungen machen einen beträchtlichen Anteil der öffentlich verfügbaren Mittel für die Förderung und Herstellung von Kurzfilmen aus. Die Dotierungen von Kurzfilmpreisen sind von Festival zu Festival und von Land zu Land sehr unterschiedlich und reichen von wenigen Euros bis zu zigtausenden von Dollars.
Wir stellen hier einige der "Spitzen"-Auszeichnungen vor und thematisieren die Rolle von Sponsoren.
In Zeiten knapper Kassen muss auch bei Filmfestivals gespart werden. Was tun, wenn das Budget nicht mehr reicht? Ausgaben reduzieren und Einnahmen erhöhen - so einfach ist das! Doch, wie und wo kann man noch ansetzen, wenn schon immer knapp gewirtschaftet wurde und die üblichen Sparmaßnahmen ausgereizt sind? Da ist nicht nur nüchternes Rechnen, sondern auch Fantasie gefragt. Not macht bekanntlich erfinderisch. Wie 'fantasievolles Sparen' bei der Verleihung von Preisen Filmemacher betreffen und zu welchen Kuriositäten dies führen kann, davon handelt der zweite Teil dieses Artikels.
Preisgelder als Filmförderung
Festivalpreise und Auszeichnungen gehören, da sie nur bei Erfolg und erst nach Abschluss der Produktion erwartet werden können, zwar nicht zu den kalkulierbaren Einnahmen der Hersteller, doch entlasten sie die Filmemacher und Produzenten von eventuellen Schulden der betreffenden Produktion und können zur Finanzierung eines neuen Projekts beitragen. Es gibt leider keine Statistiken über die Zahl der Preise für Kurzfilme und die Höhe ihrer Dotierungen. Nach meiner einer eigenen Schätzung haben im vergangenen Jahr 60 bis 70 deutsche Kurzfilme knapp 100 Preise und Auszeichnungen mit einem Gesamtvolumen von etwa 600.000 Euro erhalten - ein nennenswerter Betrag im Vergleich zur öffentlichen Filmförderung! Insbesondere für künstlerische und experimentelle Arbeiten, falls sie noch nicht auf dem Kunstmarkt gehandelt werden, sind solche Auszeichnungen oft die einzige Einkunftsquelle ihrer Macher.
Ein großer Teil der Preise (und Preisgelder) für Kurzfilme wird, neben freien Ausschreibungen und Wettbewerben, auf Festivals vergeben. Wegen der großen Zahl von Kurzfilmfestivals und einem wachsenden Ehrgeiz der Veranstalter die Zahl der vergebenen Auszeichnungen zu erhöhen, um die eigene Bedeutung in der Öffentlichkeit zu heben, sind für Kurzfilmemacher die Chancen auf einen Preis recht gut. Arithmetisch stimmt das jedenfalls. Doch tatsächlich gibt es einen eigenartigen "Akkumulationseffekt", der die Chancen des Einzelnen wieder verknappt beziehungsweise ungleichmäßig auf die Bewerber verteilt: im Verlauf eines Festivaljahrs akkumulieren einige wenige Filmtitel die Mehrzahl der großen Auszeichnungen. Dies ist sicher nicht nur Folge der Qualität der betreffenden Filme, sondern auch Folge des Publizitätseffekts großer internationaler Festivals, auf denen diese Filme auffallen und von den Scouts anderer Festivals gesehen und zu sich eingeladen werden. Erstaunlich allerdings ist, dass sich Juries, trotz sehr unterschiedlicher Besetzung, oft weltweit für die selben Filme entscheiden.
Filmemacher die Erfolg oder Glück haben, können auf ein 'Festivalkarussell' aufspringen, das sich über die großen Festivals bis zu den kleinen nationalen Provinzfestivals für mindestens ein Jahr unaufhörlich dreht. Dies waren im vergangenen Jahr, zum Beispiel, Filme wie "Meska Sprawa" von Slawomir Fabicki (PL 2001), "Comme un seul homme" von Jean-Louis Gonnet (F 2001) oder "Det er en yndig mand" von Martin Strange-Hansen (DK 2002).
Durch diesen eigenartigen Akkumulationseffekt öffnet sich die Schere zwischen den häufig auf Festivals 'rotierenden' Filmen und Filmen, die nur ein oder zweimal auf gezeigt werden, im Laufe eines Festivaljahres immer weiter, was dann die Chancen einen dotierten Preis zu erhalten auf wenige Titel limitiert. Insofern, ist die Politik einiger Festivals Premieren vorzuziehen oder mehrfach preisgekrönte Filme nicht in ihren Wettbewerb aufzunehmen nachvollziehbar und im Sinne der Chancenverteilung vielleicht sogar sinnvoll.
Spitzenpreise I
Unter den Kurzfilmfestivals in Europa liegt das Tampere Film Festival in der Gesamtsumme der ausgeschütteten Geldpreise ganz oben: im Jahr 2003 wurden in Tampere insgesamt Geldpreise in Höhe von fast 50.000 Euro vergeben. Insbesondere die Preise im nationalen Wettbewerb sind erstaunlich hoch dotiert. Satte 10.000 Euro kann der Preisträger des Risto-Jarva-Preises mitnehmen! Deutlich darunter liegen die Preise im Internationalen Wettbewerb des Festivals, obgleich Preisgelder zwischen 1.500 und 5.000 Euro auch nicht zu verachten sind. Schließlich gibt es in Tampere außer Cash noch einen "Kiss" dazu!
Wie sich die Zusammenarbeit mit Sponsoren auswirkt, die weltweit immer größeren Einfluss auf Kulturveranstaltungen nehmen, zeigt sich am Micromovie-Wettbewerb in Tampere. Micromovies werden dort digitale Filme von maximal 3:27 Minuten Länge genannt, die sich auf Mobiltelefonen abspielen lassen. Bei deutlich geringerer Konkurrenz zu den anderen Sparten und niedrigerem Produktionsaufwand im Vergleich etwa zu einem 30-minütigen Kurzspielfilm, kann eine einfache Computeranimation in Tampere die beachtliche Summe von 10.000 Euro gewinnen! Das ist nur möglich, weil die inhaltliche und ästhetische Zielsetzung des Wettbewerbs und die Absicht des Sponsors untrennbar miteinander verquickt sind: Hauptsponsor ist eine Firma in dem 15 Kilometer vom Festivalzentrum entfernten, kleinen Ort Nokia!
Dass ein hochdotierter Preis, auch wenn er nicht von Sponsoren, sondern vom Festival gespendet wird, nicht immer ohne Gegenleistung des Preisträgers mitgenommen werden kann, zeigt das Kurzfilmfestival in Huesca (Spanien). Die höchsten Auszeichnungen des Festivals, Danzante de Oro (6.000 Euro) und Danzante de Plata (3.000 Euro), sind mit der Auflage verbunden den Preisträgerfilm im Archiv des Festivals zu lassen!
In Deutschland liegen die Kurzfilmtage Oberhausen - mit Geldpreisen von insgesamt 32.500 Euro im Jahr 2003 - im oberen Segment und, rechnet man den Musikvideo-Preis hinzu, sogar an der Spitze. Für das Festivalarchiv werden dort Filmkopien angekauft. Ein weiterer, indirekter Vorteil für die Teilnehmer ist die Vermittlung von Ankäufen durch Fernsehanstalten. Die höchstdotierte Auszeichnung der Kurzfilmtage ist der Große Preis der Stadt Oberhausen mit 7.500 Euro, den dieses Jahr Sergej Loznitsa für den Dokumentarfilm "Portret" erhielt.
Zur Spitze gehört auch das Filmfest Dresden (2003 Geldpreise von insgesamt 36.500 Euro). Dort werden in der Höhe der Dotierung Animationsfilme gegenüber anderen Gattungen bevorzugt. Den ersten Preis mit 7.500 Euro hat dort dieses Jahr Koji Yamamura mit "Atama Yama" gewonnen.
Der höchstdotierte Kurzfilmpreis außerhalb eines Festivals in Deutschland ist der Short Tiger Award, der zuletzt im Juli 2002 von der Filmförderungsanstalt vergeben wurde. 7 Nachwuchsfilmemacher erhielten je 25.000 Euro und weitere fünf Filmemacher 15.000 Euro. Insgesamt wurden 125.000 Euro ausgeschüttet. Dieser Preis ist allerdings nur für Studierende an Filmhochschulen zugänglich. Insgesamt hatten sechs deutsche Filmhochschulen für die 12 "Short Tiger"-Auszeichnung 22 Filme angemeldet, was auf eine Art Spitzen- oder Eliteförderung eines kleinen Begünstigtenkreises hinausläuft.
In Osteuropa ist zweifellos das Molodist Film Festival in Kiew Spitze - zumindest mit seinem Hauptpreis, dem mit 10.000 $ dotierten 'skytischen Bambi' (Scythian Deer). Da kann der Golden Dragon des traditionsreichen Kurzfilmfestivals in Krakow nicht mithalten (20.000 Zloty). Höher dotiert ist nur der Dragon of Dragons, ein Sonderpreis für besondere Leistungen auf dem Gebiet des kurzen Dokumentarfilms. Mit 50.000 Zloty ist es einer der höchstdotierten Preise für kurze Dokumentarfilme überhaupt.
In Nordamerika führt eindeutig und mit weitem Abstand der Sun Life Financial Award für den besten kanadischen Kurzfilm. Der mit 25.000 $ dotierte Preis wird beim Worldwide Short Film Festival in Toronto vergeben und ist zugleich der weltweit höchstdotierte Kurzfilmpreis auf einem Festival (knapp 16.000 Euro). Die Preise im internationalen Wettbewerb des Festivals liegen jedoch mit einem Bruchteil dieser Preissumme deutlich unter dieser Höchstmarke. Zumal außer dem Digital Award for Best Animated Short (5.000 $) fast alle übrigen Preise Material- und Sachpreise sind. Auch dieses Missverhältnis ist wieder ein Effekt der privaten Sponsoren-Politik, die hier speziell auf nationale Aufmerksamkeit zielt.
In den USA ist das Festival mit den meisten (nicht höchsten) Preisen und besten Chancen auf eine Auszeichnung wohl das Ann Arbor Film Festivals. Dort werden etwa 20 Preise von insgesamt 18.000 $ gegeben. Im Jahr 2003 wurden die Preise auf knapp 100 Filme 'verteilt', so dass die Chancen einen Preis zu gewinnen etwa 1:5 standen! Sehr viele, niedrig dotierte Preise gibt es auch beim Cinematexas Festival. Wie Ann Arbor ist es eines der wenigen Festivals in den USA, das künstlerische Filme und Experimentalfilme fördert und bevorzugt.
Interessant ist auch der Golden Gate Award in San Francisco mit ca. 80 Preisen und Certificates, der für Filmemacher wegen der Nähe zu Hollywood und den Academy-Mitgliedern von strategischer Bedeutung sein kann (siehe der Golden Gate Animationspreisträger und Oscar-Gewinner "Pan with us" von David Russo's).
Einer der höchsten Preise in Asien und zusammen mit Dresden einer der höchstdotierten Preise für Animationsfilm ist der alle zwei Jahre vergebene Grand Prize von Hiroshima in Höhe von 1.000.000 Yen (ca. 8.000 Euro).
Da es in Asien nur wenige, ausgesprochene Kurzfilmfestivals gibt, ist im übrigen der Vergleich mit Europa und Amerika schwierig. Erst in der jüngsten Zeit gibt es, insbesondere in Korea, Japan und Singapur, mehr Aufmerksamkeit für den Kurzfilm, von der allerdings zunächst nur die einheimischen Filmemacher profitieren.
Auch 'Downunder' können besonders die einheimischen Kurzfilmemacher kassieren: Beim St Kilda Film Festival ist der erste Preis im nationalen Wettbewerb mit 10.000 AUD (ca. 5.600 Euro) dotiert und beim Melbourne International Film Festivals gibt es bis zu 7.000 AUD (ca. 4.000 Euro - hier auch für internationale Filme). In Neuseeland spendiert Kodak beim Auckland Drifting Clouds Short Film Festival 20.000 NZD - allerdings mit Verfallsdatum, denn der Preis besteht aus Filmmaterial!
Cheers! Preise der Getränkeindustrie...
Die Irish-Whiskey-Distille John Jameson & Son Ltd., ein weltweit operierendes Unternehmen, hat 1999 mit der "European Coordination of Film Festivals" (ECFF) ein 300.000 Euro schweres Abkommen geschlossen. Seitdem werden die "Jameson Short Film Awards" jährlich rotierend auf je acht europäischen Festivals ausgerichtet. Das Preisgeld beträgt 6.000 Euro - im Jahr 2003 u.a. vergeben in Tampere, Ume?, Grimstad, Huesca, Vila do Conde, Regensburg, Drama und natürlich in Cork, Ireland. Nur in Frankreich konnte dieser Preis bisher kaum Fuß fassen - eine kleine Rache für die Übernahme der französischen Traditionsgetränke Pernod und Ricard durch die Iren? Aktuell dehnt sich Jameson jetzt stattdessen auf den neuen osteuropäischen Märkten aus. Der erste Preis in Osteuropa wurde kürzlich in Sofia (Bulgarien) vergeben. Slainte und Nastrovje!
Aber nicht nur die Multis der Getränkeindustrie sind dabei: In Oberhausen wurde dieses Jahr der 5.000 Euro schwere MuVi-Preis von Diebels Alt gestiftet, einer regionalen Bierbrauerei.
Es gibt auch 'nicht-alkoholische' Preise für Kurzfilme - erwartungsgemäß am häufigsten in den USA. Coca-Cola vergibt an Filmstudenten den "Refreshing Filmmaker's Award" mit 10 x 5.000 $ Produktionsförderung und einem Hauptpreis von 10.000 $. Das französische Selterswasser-Unternehmen Perrier stiftete den "Perrier Bubbling Under Award" (u.a. auf Festivals in Nantucket, Florida, Taos und Santa Barbara), der dem Gewinner der Endausscheidung die stolze Summe von 50.000 $ für die Produktion des nächsten Films einbringt. Inzwischen ist Perrier aber, wie u.a. auch Heineken, nicht mehr in der Film-, sondern in der Modebranche unterwegs und vergibt jetzt Designerpreise. Im Filmsektor bietet Perrier jetzt nur noch die Verlosung einer Reise nach Hollywood. Pech für die Filmfestivals, die sich jetzt nach anderen Sponsoren umsehen müssen!
EFA und der Prix UIP - Alle Macht den Sponsoren?
Rückzüge von Sponsoren treffen Festivals hart und oft unvermittelt. Eine andere Geschäftspolitik oder neue Marketingstrategien, aber auch Unzufriedenheit mit dem kulturellen Partner, der ganz anderen 'Gesetzmäßigkeiten' und Zielen folgt, können schnell zum Ende einer Partnerschaft führen.
Besonders bitter ist es, wenn Festivals sich darauf einließen oder einlassen mussten, dass ihr Name mit der Sponsorenfirma verknüpft wird. Von Murphy's Cork Film Festival bis zum Drambuie Film Festival gibt es hierfür, insbesondere in Großbritannien, etliche Beispiele. In Erinnerung ist auch noch der ständige Namenswechsel des British Short Film Festivals in London: es hieß zwischenzeitlich BP (British Petrol) Short Film Festival, zuletzt BBC Short Film Festival und wurde schließlich, nach dem Rückzug der BBC, eingestellt.
Im Jahr 2000 wehrten sich einige Kurzfilmfestivals gegen den Plan der Europäischen Filmakademie, den Nominierungsprozess für den Europäischen Kurzfilmpreis (EFA) in Kooperation mit dem Sponsor UIP zu ändern. Die Nominierungen erfolgten bis dahin durch die fünf wichtigsten europäischen Kurzfilmfestivals: Oberhausen, Clermont-Ferrand, Vila do Conde, Tampere und Krakau. Jedes Festival machte jeweils drei Vorschläge, aus denen die Jury dann den Gewinner auswählte. Die Europäische Filmakademie hat 2002 den Festivals einen Plan unterbreitet, der sie aus dem Nominierungsprozess mehr oder weniger ausschließt: Kurzfilmpreise, genannt Prix UIP nach dem Hauptsponsor, sollen auf 12 europäischen Festivals vergeben werden und die Gewinner sind automatisch für den Europäischen Kurzfilmpreis nominiert. Die Festivals hatten die Wahl, diesen Vorschlag anzunehmen oder aus dem Nominierungsprozess ausgeschlossen zu werden.
Die Festivals von Oberhausen, Clermont-Ferrand und Krakau betrachteten diesen Vorschlag als problematisch, da er Auswirkungen sowohl auf ihre ästhetische wie auch ökonomische Autonomie hat, zumal die Festivals selbst keinen, aber die EFA und UIP alle Vorteile aus diesem Sponsorenvertrag ziehen. Auf den Festivals, die sich jetzt noch beteiligen und bei denen dieser Preis meist der höchstdotierte ist, steht augenscheinlich nur UIP im Vordergrund - den European Film Award kennen nur die Insider!
- Ende Teil 1 -
Reinhard W. Wolf
Fortsetzung folgt:
- Spitzenpreise II (Top Prices)
- Auszeichnungen und Wettbewerbsteilnahmen, die Geld kosten!
- Preise, für die man etwas tun muss....
- Trophäen, Urkunden, Medaillen - dabei sein ist alles!
- Sach- und Materialpreise - Was soll ich damit tun?
- Scams, Fakes und Pranks
- Giveaways und Trostpreise
Für den zweiten Teil des Artikels bitte ich darum mir eigene Erfahrungen mit Auszeichnungen und Preisen mitzuteilen. Insbesondere geht es um Kurioses, Großartiges oder Ärgerliches aus der Sicht der Preisempfänger!