Kein Fernsehsender in Europa strahlt so viele Kurzfilme aus wie der deutsch-französische Kulturkanal ARTE. Nach eigenen Angaben sind es mit Wiederholungen über 700 Ausstrahlungen im Jahr!
Der wichtigste Sendeplatz für Kurzfilme heißt "Kurz-Schluss - Das Magazin (Court-Circuit - le magazine)". "Kurz-Schluss" wird wöchentlich jeden Montag gegen Mitternacht als Kurzfassung und dienstags am frühen Abend als Langfassung gesendet. Die Sendung besteht jeweils aus drei bis vier Kurzfilmen und dem eigentlichen Magazin mit Beiträgen aus der Welt des Kurzfilms.
Seit dem Start vor zwei Jahren wurden mehr als einhundert "Kurzschlüsse" produziert - die #100 wurde Weihnachten 2002 gesendet. Die Magazine werden abwechselnd in Deutschland und Frankreich produziert. Die Kurzfilme des Programms werden von den ARTE-Redaktionen, der an ARTE beteiligten Sender, vorgeschlagen und im 'Hauptquartier' bei ARTE G.E.I.E in Straßburg beschlossen.
Die Struktur von ARTE ist wegen des bi-nationalen Charakters, der unterschiedlichen Konstitutionen der Sender in beiden Länder und wegen des Föderalismus auf deutscher Seite recht kompliziert. Entsprechend sind auch die Entscheidungsprozesse zwischen den Redaktionen - nicht nur für Außenstehende - schwer durchschaubar. Deshalb wird im Folgenden, neben der inhaltlichen Darstellung des Programms, auch die Senderstruktur erklärt und insbesondere erläutert wer was macht und an wen sich Produzenten und Filmemacher wenden können.
Ein einzigartiges Kurzfilm-Programm
"Kurz-Schluss" bietet mit wöchentlich 90 Minuten Programm den Fernsehzuschauern in Europa einen Überblick über die internationale Kurzfilmproduktion und eine Fülle von Hintergrundinformationen - in einem Umfang, wie es kein anderes Fernsehprogramm - auch kein anderes Medium - derzeit leistet. Mit jeweils aktuellen Filmen, selten älter als ein Jahr, ist es eine wichtige Plattform für den Filmnachwuchs, aber auch ein Sendeplatz für bereits bekannte Regisseure und ältere Filme. Dank eines offenen Konzepts wird kein Genre ausgeschlossen: vom Animationsfilm über den traditionellen Spiel- oder Dokumentarfilm bis zu Experimentalfilmen, Musikclips und computergenerierten Arbeiten inklusive Flash-Animationen sind alle Spielarten der kurzen Form gut vertreten.
Ein Blick in das aktuelle Programm zeigt die Bereitschaft auch über die Grenzen des Mediums Fernsehen hinaus zu gehen. So wurde Anfang Februar das Projekt "Sens Dessus Dessous" (Drunter und drüber) vorgestellt, in dem Möglichkeiten non-linearen Erzählens in interaktiven Medien erprobt und ausgelotet werden. In Zusammenarbeit mit dem Kurzfilmproduzenten Films du Petit Poisson und der Künstlerorganisation Thécif wurden fünf Regisseure mit dieser Aufgabe betraut. Das Ergebnis wird parallel und interaktiv im Internet präsentiert.
Bei der Herkunft der gesendeten Filme dominieren zwar - wie bei einem deutsch-französischen Sender zu erwarten ist - Frankreich und Deutschland mit fast zwei Drittel des Programms, doch gibt es noch Spielraum für Filme aus dem übrigen Europa und anderen Kontinenten wie insbesondere Afrika oder Lateinamerika. In ihrer Auswahl hat die französische ARTE-Redaktion eher, aber nicht ausschließlich, die frankophonen und haben die deutschen Redaktionen eher die anglophonen Länder im Blick.
Bei "Kurz-Schluss" stehen nicht nur die brandaktuellen Entwicklungen im Mittelpunkt. In Retrospektiven oder Themenprogrammen sind auch immer wieder Kurzfilme von etablierten Spielfilmregisseuren wie etwa Scorcese, Campion oder Greenaway zu sehen. Oder berühmte Beispiele aus der Kurzfilmgeschichte wie etwa Filme von Polanski, Michael Snow oder Tarkowskij.
»Das Ziel von Court-Circuit«, so Luc Lagier, Chefredakteur der französischen Magazinausgabe, »ist ein Doppeltes: nicht nur das aktuelle Kino, während es im Entstehen begriffen ist, zu begleiten, sondern auch eine Geschichte des Films zu entwerfen, die um den Kurzfilm erweitert wird; in jeden Fall ist das Ziel aber: über das Kino mit Hilfe der kurzen Form zu reflektieren«. Hierzu ist das einzigartige Sendeformat - eine Kombination aus Kurzfilm-Ausstrahlungen und Magazinbeiträgen - hervorragend geeignet.
ARTE zeigt aber nicht nur im Kurz-Schluss-Programm Kurzfilme, sondern auch im Rahmen seiner Themenabende, in verschiedenen Reihen, in Sondersendungen zu Festivals und neuerdings auch einzelne Filme in Wiederholung zum Sendeschluss.
ARTE kann auch außerhalb von Frankreich und Deutschland empfangen werden. Via Satellit ist es in ganz Europa und den Mittelmeer-Anrainerstaaten zu sehen. Außerdem wird das Programm in vielen Ländern in die Kabelnetze eingespeist (in Belgien, Schweiz, Österreich, Luxemburg fast flächendeckend) und zusätzlich in Teilen von nationalen, terrestrischen Sendern übernommen (Spanien, Mittel- und Osteuropa). In Deutschland ist ARTE nur via Satellit und in einigen Kabelnetzen zu sehen. Nur in Frankreich kann ARTE fast überall terrestrisch und zusätzlich via Satellit oder Kabel empfangen werden, so dass dort mehr als 90% aller Haushalte Zugang haben.
Das Magazin und seine Macher
Das 'Magazin im Magazin' wird in Frankreich von "mk2 TV" (Paris) und in Deutschland von Caramba Filmproduktion (Mainz) produziert. Da Beide das selbe Sendeformat benutzen - eine Kombination aus drei bis vier Kurzfilmen in voller Länge und die Magazinbeiträge mit berichtendem Charakter - ähneln sie sich in der Struktur, unterscheiden sich jedoch stilistisch. Die Beziehung zu den gesendeten Filmen ist je Sendung und Inhalt unterschiedlich. So gibt es zum Beispiel in manchen Magazinen Themenschwerpunkte oder kleine Regisseur-Retrospektiven. Zwischendurch auch immer wieder Schwerpunkte wie Berichte von Festivals und anderen Ereignissen.
Die von mk2 TV produzierten Beiträge haben sich auf Regisseurporträts und Filmanalysen spezialisiert. Dies beruht sicherlich auf den entsprechenden Erfahrungen des Chefredakteurs Luc Lagier, der für seine Dokumentationen über Filmemacher und als Autor der Filmzeitschrift Repérages bekannt ist. Typisch sind Beiträge wie: "Michael Jackson par Luc Lagier", "Martin Arnold par Nicolas Schmerkin" oder "Jonas Mekas par Pip Chodorov". Diese Beiträge reflektieren oder ergänzen Kurzfilmbeispiele der porträtierten Regisseure.
"mk2 TV" ist eine Fernsehproduktionsfirma, die zum Firmenkonsortium von Marin Karmitz (mk) gehört, das - vertikal strukturiert - von der Produktion über Vertrieb bis zu einer Kinokette alle Bereiche des Films abdeckt.
Der, etwas geringere, deutsche Anteil an den Magazinen wird von der Caramba Filmproduktion (Mainz) gestaltet.
Gründer und Inhaber ist der Filmemacher und Professor für Mediengestaltung Hartmut Jahn. Im Unterschied zu "mk2" handelt es sich um eine sehr kleine Firma: »Wir arbeiten mit einem sehr kleinen Team: drei Leute, die gemeinsam im Schnitt, an der Kamera und am Konzept arbeiten, unterstützt von ein paar Korrespondenten. Meistens werden die Konzepte von Zweierteams entwickelt und auf kleinen DV-Kameras umgesetzt« beschreibt Jahn die Arbeitsweise. Auch hier tragen die Beiträge die Handschrift ihres Machers und unterscheiden sich insofern vom französischen Magazin. Jahns Background in der deutschen Videokunstszene ist unverkennbar, wie etwa beim Einsatz elektronischer Mittel und videotypischer Montagen. Beiträge aus der letzten Zeit befassen sich zum Beispiel mit Themen wie: "Daumenkino", "Vorspann als Kurzfilm" und "Flashanimationen". Aber auch im deutschen Magazin gibt es Regisseurporträts und Event-Berichte.
Die Begegnung mit Filmemachern, Interviews unmittelbar in Verbindung mit den gesendeten Filmen, Berichte aus der Kurzfilmszene von heute oder Recherchen über die Geschichte des Kurzfilms, brillante Analysen neben visuellen Gags, Querverbindungen zur Musik- und Kunstszene sowie internationale Fenster zu anderen Kontinenten - all dies macht "Kurz-Schluss" zu einem kurzweiligen und spannenden Fernsehprogramm, das seinesgleichen sucht.
Die Zeitschrift Objectif Cinéma nannte es, »eines der leidenschaftlichsten Programm in der aktuellen Fernsehlandschaft« und »tr?s recommandable«, stellte aber die zwingende Frage: warum wird es so spät in der Nacht gesendet?
Redaktionen für Kurzfilme und die ARTE-Struktur ('in a nutshell'!)
ARTE (Association Relative ? la Télévision Européenne) ist eine europäische wirtschaftliche Interessenvereinigung (G.E.I.E.). Sitz der Zentrale ist Straßburg. Gleichberechtigte Mitglieder sind die ARTE Deutschland TV GmbH und ARTE France.
ARTE France (früher La Sept ARTE) hat zwei Tochtergesellschaften: die Spielfilmproduktionsgesellschaft ARTE France Cinéma und die audiovisuelle Verlags- und Produktionsgesellschaft ARTE France Développement. ARTE France ist Gesellschafter von TV5 und Canal France International.
Das deutsche Mitglied ARTE Deutschland TV GmbH (Sitz Baden-Baden), bei dem die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender ARD und ZDF gleichberechtigte Gesellschafter sind, koordiniert deren Programmbeiträge. ZDF und ARD steuern je 50% des deutschen Anteils am ARTE-Programm bei. Eine weitere Unterteilung folgt aus der Struktur der ARD, die Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten Deutschlands, die sich aus zehn Landesrundfunkanstalten zusammensetzt. Diese regionalen Sender sind entsprechend ihrer Größe an ARTE beteiligt. Den größten Anteil des ARD-Programms (22 %) steuert der WDR (Köln) bei. Alle elf regionalen ARD-Sender verfügen über ARTE-Beauftragte.
In Frankreich ist die Situation überschaubar: Die Programme werden von ARTE France, dem sogenannten Pôle français, geliefert und in Straßburg abgestimmt. Bei ARTE France (Paris) ist Hél?ne Vayssi?res für den Kurzfilm zuständig. In Deutschland ist es komplizierter!
Die Kurzfilmkoordination von ARTE Deutschland TV GmbH, dem Pôle allemand, liegt bei Thomas Neuhäuser. Doch die eigentlichen Ansprechpartner - zum Beispiel für Filmemacher und Produzenten - sind Redakteurinnen und Redakteure der einzelnen Sender.
Bei ZDF/ARTE (Mainz) ist die Redakteurin Anke Lindenkamp für "Kurz-Schluss" zuständig. Beim NRD Andrea Preusche-Dubois (Redaktion ARTE, Hamburg); beim SFB Sören Schumann (Redaktion ARTE, Berlin); beim WDR die Redakteurin Jutta Krug (Köln); beim SWR ist es Brigitte Dithard (Baden-Baden) und beim BR Monika Lobkowicz.
Die Kurzfilm-Gruppe beim ZDF, bestehend aus RedakteurInnen aus den Bereichen Spielfilm und Themenabend, kauft im Jahr etwa 40 deutsche und internationale Kurzfilme für das Kurzfilmmagazin "Kurz-Schluss" an zuzüglich ca. 15 mittellange Filme (35-55 Minuten) für das Nachmittagsprogramm. Außerdem werden ca. 5 deutsche Kurzspielfilme im Jahr koproduziert. Da das ZDF für ARTE außerdem etwa 30 Themenabende im Jahr produziert, werden eingereichte Kurzfilme auch im Hinblick auf ihre mögliche Eignung für diesen Programmplatz gesichtet.
Bei den ARD-Sendern werden, andererseits, Kurzfilme nicht nur für ARTE gekauft. Dementsprechend gibt es dort auch andere (zusätzliche) Kriterien für den Filmankauf (weitere Hinweise siehe URLs weiter unten!).
Um Missverständnissen vorzubeugen: Die oben genannten Produktionsfirmen der Magazinbeiträge kaufen oder produzieren keine Filme für das ARTE-Programm! Sie sind aber sicherlich ansprechbar für Nachrichten und Neuigkeiten aus der Kurzfilmszene.
Alle Programmvorschläge der oben genannten Fernsehpartner und deren Redaktionen laufen bei ARTE G.E.I.E. zusammen. Dort wird der Kurzfilm von der l'Unité Cinéma (Redaktion Spielfilm) betreut. Leiter der l'Unité Cinéma ist Andreas Schreitmüller. Die kommissarische Leiterin Barbara Häbe und Frank Beauvais sind für Kurzfilm zuständig. Die Vorschläge werden in Programmkonferenzen vorgestellt, auf denen dann endgültig über Zustimmung oder Ablehnung entschieden wird.
ARTE G.E.I.E. kauft jährlich ca. 60 Kurzfilme an. Gesucht werden kurze Spiel-, Animations- oder fiktionale Dokumentarfilme internationaler Herkunft, zwischen 5 - 25 Minuten Länge. Der Vorabkauf (Pré-achats / Pre-sale) ist selten und die Produktion oder Koproduktion eines Kurzfilms normalerweise nicht üblich. Die Auswahl findet sowohl auf Kurzfilmfestivals statt wie über eingesandte Beiträge und direkte Kontakte zu Filmemachern und Filmschulen.
Um sich einen Eindruck zu verschaffen, welche Genre, Filmtypen oder Filmstile bevorzugt werden, empfehle ich einen Blick in das ARTE-TV-Programm zu werfen oder unsere Rubrik "Faits Divers" anzuklicken, in der wir das aktuelle Monatsprogramm von "Kurz-Schluss" auflisten.
Reinhard W. Wolf
Praktische Hinweise und Kontakte
Kurz-Schluss/Court Circuit wird jeden Montag gegen Mitternacht (wechselnde Anfangszeiten) in einer Kurzfassung von 45 Minuten Länge gesendet. Am Dienstag darauf folgt jeweils um 17.25 Uhr die Langfassung (90 Min).
Angaben zum Empfang (Satelliten-Frequenz u.ä.): (F) und (D)
Programm
Court-Circuit, c'est quoi ? (Kontakte: frz. und dt.)
Produzent des deutschen Magazins
Produzent des französischen Magazins
ARTE G.E.I.E.
Redaktion Spielfilm / Unité de Programme Cinéma / Feature films department
Frank Beauvais
2A, rue de la Fonderie
F-67080 Straßburg CEDEX
Tel: +33 388 14 20 76
Fax: +33 388 14 21 10
Quellen:
ARTE-Publikationen, Interviews und Veranstaltungen des Deutsch-Französischen Kurzfilm-Rendevous: »Courtcircuit - KurzSchluss« und »Kurzfilm bei arte« (Mainz, 12. + 13. Juli 2002).