
Anfang Oktober hat der Suchmaschinenbetreiber Google das führende Video-Sharing-Portal YouTube durch eine Aktien-Transaktion von dessen Gründern übernommen. Unglaubliche 1,65 Milliarden Dollar (1,3 Milliarden Euro) war Google dieser Deal wert! Noch nie wurde eine Website mit nutzer-generiertem Content so hoch bewertet und noch nie war eine Website mit Kurzfilmen in so kurzer Zeit so erfolgreich.
YouTube wurde im Februar 2005 von drei jungen Leuten, Chad Hurley, Steve Chen und Jawed Karim gegründet. Die Idee für eine Internetplattform zum Austausch von Videos hatten sie beim Versuch sich Partyvideos zu schicken. Im Dezember 2005 ging YouTube online und nur ein halbes Jahr später wurde die Schallmauer von 100 Millionen täglich abgespielter Videos durchbrochen. Zum Geheimnis des Erfolgs und der rasch wachsenden Beliebtheit - insbesondere unter Jugendlichen - gehören Social-Networking-Features von YouTube, wie sie bislang nur von Community-Websites angeboten wurden.
Doch obwohl die Videos kostenlos von den Nutzern ‚mitgebracht’ werden, hat YouTube nie Gewinn gemacht. Dies liegt nicht am Altruismus der Gründer, sondern an den extrem hohen Kosten, die der Traffic verursacht. Ohne den Einstieg von Google wäre möglicherweise die von Venture-Kapital gestützte Web 2.0 Blase bald geplatzt. Bill Gates meinte über YouTube sie hätten noch nicht einmal ein Business-Modell. Was macht YouTube dann aber aus der Sicht von Google so interessant? Anders als YouTube hat Google sicherlich ein ausgefeiltes Geschäftsmodell. Zum einen ist es die Möglichkeit auch im Video-Bereich die Nummer 1 zu sein (Google Video ist nicht sehr erfolgreich). Vor allem ist es aber die Verwertung des immensen Potentials an Werbeeinnahmen, die eine Website wie YouTube birgt. Allein die enorm hohen Zugriffsraten lassen hohe Werbepreise erzielen. Das eigentlich interessante sind aber die kostenlos gelieferten, detaillierten Daten der Nutzer, die mit neuen Werbetools, wie sie bereits jetzt von Google eingesetzt werden, ausgespäht und produktiv gemacht werden können. Ganz private Angaben zur Person wie Alter, Geschlecht, Beruf, Lebensgewohnheiten bis hin zu Musik- oder Modegeschmack und andere Konsumvorlieben geben die Nutzer ja öffentlich preis. Diese Blogs sind ein gefundenes Fressen für Werbebranche! So können Werbekunden ohne Streuverluste die exakt richtigen Zielgruppen erreichen und kann die Werbung sogar entsprechend den spezifischen Bedürfnisse und Vorlieben einzelner Individuen gestaltet werden.
Aus dem gleichen Grund hatte bereits im Jahre 2005 der Medienunternehmer und Zeitungszar Rupert Murdoch für 580 Millionen Dollar die Plattform MySpace.com übernommen. Bei ihm, der Urgroßvater der MySpace-Gründer sein könnte, war es sicherlich kein inhaltliches Interesse an der Teenager-Plattform, sondern der lukrative Einstieg in den Boom der Online-Werbung. Allerdings könnte sich dies als Falle herausstellen, insofern die jungen Nutzer durchaus nicht alle mit der zunehmenden Werbung auf ‚ihren Seiten’ einverstanden sind. So ging die Wachstumskurve von MySpace nach der Übernahme durch die News Corporation längst nicht mehr so steil nach oben wie zuvor und wurde bald von YouTube überholt! Ähnlich könnte es YouTube unter Google gehen. Unabhängige Anwärter, die ihre Chance wittern, gibt es genügend. Video-Sharing-Plattformen mit Social Networking schießen wie Pilze aus dem Boden.
Fraglich ist auch, ob die Nutzer solcher Plattformen auf Dauer bereit sind ihren Content für Werbeeinnahmen ausnutzen lassen, von denen sie selbst nicht profitieren. Chancen hingegen könnten Geschäftsmodelle haben, bei denen Filmemacher und Produzenten an den Werbeeinnahmen beteiligt werden.
Durch das Milliardengeschäft mit Google sind die drei Jungs von YouTube nun fein raus - sie könnten eigentlich schon in Frühpension gehen - und Kalifornien hat wieder eine Start-up-Legende mehr. Diese Erfolgsgeschichte hat übrigens Wurzeln in Deutschland: eine Woche nach dem Geschäft mit Google meldete sich die deutsche Mutter von Jawed Karim, der 1979 in Merseburg (Sachsen-Anhalt) geboren wurde, zu Wort und wies darauf hin, dass ihre Familie 1992 wegen Fremdenfeindlichkeit in die USA auswanderte. In diesem Kontext muß man in Deutschland unwillkürlich auch an die Forderung denken, Kinder statt Inder an die Computer zu setzen ... Der Börsenkurs von Google hingegen ist in der Woche nach dem Kauf um 10% gestiegen und die Analysten empfehlen: Buy! Vielleicht wäre ein vorsichtigeres "Hold!" angemessener.
Reinhard W. Wolf