Technik sucht Anwendung - Mit der Videofähigkeit mobiler Telefone hat die Industrie ein Gadget entwickelt, von dem sie weder genau weiß, ob und wie der Konsument es benutzen möchte, noch welche Inhalte verbreitet werden sollen. Völlig offen ist auch, woher diese Inhalte überhaupt herkommen sollen und wer sie produzieren wird. Gleichzeitig besteht hoher Konkurrenz- und Zeitdruck, um den stagnierenden Mobiltelefonmarkt wieder in Schwung zu bringen.
Auch müssen hohe Investitionen in Third-Generation-Telefone und -Netze, wie der teure Erwerb von UMTS-Lizenzen in Deutschland, amortisiert werden.
Wie verzweifelt und händeringend in den Chefetagen der Netzbetreiber und Telefonhersteller offenbar nach passenden Anwendungen gesucht wird, belegen die unzähligen Konferenzen, Marktanalysen und Studien zum Thema ‘mobile content’, die inzwischen in Auftrag gegeben wurden. Dies zeigt sich schlagartig, indem man die Worte <mobile> <content> <casestudy> oder <white paper> in eine beliebige Suchmaschine eingibt.
Soviel wirtschaftlicher Druck hat nun binnen kürzester Zeit - ausgehend von einer technischen Plattform - eine neue Filmform ins Leben gerufen: die Mobile Movies oder Micromovies!
Denn, neben Spielen und anderen interaktiven Anwendungen stehen insbesondere Kurzfilme im Mittelpunkt der Content-Entwicklung für drahtlose Telekommunikation.
Was sind Micromovies?
Einfach gesagt sind Micromovies Kurzfilme, die auf’s Handy passen. Wegen der geringen Rechenkapazität und Maßen bei immer weiter fortschreitender Miniaturisierung der Geräte ist dies eigentlich ein Paradox. Besonders vor dem Hintergrund, dass gleichzeitig die Elektronikindustrie mit digitalen Heimkino-Anlagen auf den Markt drängt, die in Bild- und Tonwiedergabe bald Studioqualität haben und dem Multiplex-Kino um die Ecke Konkurrenz machen (wollen). So soll nach den Wünschen der Industrie spätestens nächste Weihnachten in jedem Haushalt neben einem TV-Display mit metergroßer Bilddiagonale und High-Definition-Auflösung (wofür es zumindest in Deutschland auch noch keine Programme gibt) auch ein Videophone liegen, das auf einer Fläche von 3 x 4 Zentimetern in niedriger Auflösung Filme wiedergeben kann. Das ist eigentlich ein Schritt zurück in die Steinzeit des bewegten Bildes!
Daumenkino
Micromovies müssen klein sein: die Bildauflösung sollte nicht höher als 176 x 144 Pixel und die Dateigröße darf nur wenige Megabyte betragen. Wegen der geringen Abbildungsgröße sollten Micromovies überwiegend aus Großaufnahmen bestehen. Totalen oder Panorama-Aufnahmen sind verboten! Farbe ist erwünscht, jedoch nicht zu viel und ohne Nuancen oder Verläufe, denn die Displays haben einen sehr geringen Farbumfang. Am besten geeignet sind Aufnahmen mit großen Flächen gleicher Farbtöne.
Die Wiederentdeckung der Langsamkeit
Die Bildfrequenz auf Videotelefonen ist sehr niedrig. Einzelbilder wechseln langsamer als bei einem Zootrope vom Anfang des 19. Jahrhunderts. Viel mehr als 10 Bilder/sec können die kleinen Geräte ohne Videokarte nicht verkraften. Deshalb sollten Zoom- und Kamerafahrten möglichst vermieden werden. Ebenso führen schnelle Bewegungen zu Bildzusammenbrüchen. Die Verwendung eines Stativs wird empfohlen!
Nicht nur die Bildgeschwindigkeit erinnert an die Pionierzeit des Films. Auch die Tonqualität von Micromovies ist sehr bescheiden. Insbesondere Sprache ist kaum verständlich - es handelt sich eben um ein Telefon. Also bitte, wenn überhaupt, laut und deutlich sprechen!
Fasse Dich kurz!
Es ist noch nicht sehr lange her, dass an deutschen Telefonzellen Schilder angebracht waren, auf denen die Kunden aufgefordert wurden sich kurz zu fassen. Heute würden Telefonnetzbetreiber eine solche Aufforderung als geschäftsschädigend bezeichnen. Bei der derzeit fortgeschrittensten Telefontechnik gilt der alte Leitsatz aber wieder: Micromovies müssen extrem kurz sein. Eine Laufzeit von maximal einer Minute hat sich als Richtwert durchgesetzt. Demnach können Micromovie-Serien, die - Cliffhanger inklusive - von der Industrie stark nachgefragt sind ("Mobisodes"), maximal 4 x 15 Sekunden lang sein.
Simple ideas for smart phones
Für die Umsetzung dramaturgisch komplexer Plots oder inhaltlich elaborierter Konzepte bleibt unter diesen Rahmenbedingungen einfach keine Zeit. Die oberste Maxime heißt daher: je einfacher das Konzept und je simpler die Idee, desto besser. Originalton einer Wettbewerbsausschreibung: »Keep your ideas simple!«.
Eine derart anspruchsvolle Anspruchslosigkeit ist eine echte Herausforderung für jeden Filmemacher. Vergleichbar etwa dem Auftrag an einen Opernkomponisten Klingeltöne herzustellen. Alles, was man je in Filmseminaren oder Drehbuchworkshops gelernt hat, sollte man ganz schnell vergessen ...
Filme für geringe Aufmerksamkeitsspannen
Studien gehen davon aus, dass Micromovies in Situationen betrachtet werden, in denen die Aufmerksamkeitsspanne typischerweise sehr kurz ist: an der Bushaltestelle, in der Warteschlange vor der Supermarkt-Kasse, beim Friseur oder im Verkehrsstau. Demnächst vielleicht sogar in der Badewanne oder im Pool, denn es werden schon Unterwassergehäuse für Mobiltelefone angeboten!
Eine neue Filmform für eine neue Plattform
Die derart eng gesetzten technischen und inhaltlichen Rahmenbedingungen verlangen nach Kurzfilmen, die speziell für dieses Format hergestellt wurden. Kaum ein Kurzfilm lässt sich nachträglich in das Korsett eines miniaturisierten Mobiltelefons zwängen.
Am ehesten geeignet sind noch Flash-Animationen wie sie im Internet verbreitet sind. Da es sich bei Flash um ein vektorbasiertes Grafikprogramm handelt, das Bilder nicht aus einzelnen Pixeln zusammensetzt, sind die Dateien sehr klein. Das Arbeiten mit mehreren Layern erlaubt außerdem die speichersparende Trennung von Bewegtbild-Teilen von statischen Bildelementen, wie etwa Hintergründen. Eine Verfahren, das auch den Vorteil hat, dass es Arbeitsabläufe verkürzt und bereits aus der klassischen Animationstechnik bekannt ist.
Im Realfilm-Sektor gibt es aber bisher nur wenige Beispiele, die als Prototyp dienen könnten. Am ehesten fündig wird man in der Ein-Minuten-Filmszene. Der sicherlich ‘dienstälteste’ Veranstalter ist das brasilianische Festival do Minuto, das schon 14 Jahre existiert und viele Nachahmer gefunden hat. Allerdings hat bislang das Festival do Minuto alle Video- und Filmformate bis 35mm akzeptiert und die 1-Minuten-Filme im Kino, also auf großer Leinwand, gezeigt. Oft sind deshalb auch diese Minifilme nicht als Micromovie geeignet. Dennoch ist die Website des Festival do Minuto, auf der hunderte von Filmen früherer Teilnehmer als Stream gesichtet werden können, eine wahre Fundgrube. Und seit diesem Jahr gibt es dort die Wettbewerbskategorie "Videos em Celular" für Filme bis 15 Sekunden Länge, mit der das Festival der neuen Entwicklung Rechnung trägt.
Übrigens: wären die Veranstalter so clever (oder skrupellos) wie viele Veranstalter von Micromovie-Wettbewerben und hätten sich die Verwertungsrechte bei der Anmeldung geben lassen, wären sie mit ihrem Pool an Kurzfilmen heute so etwas wie der Leo Kirch oder Rupert Murdoch der Micromovies und dick im Geschäft. Denn die Industrie sucht weltweit und massenhaft Micromovies für die neue mobile Plattform ...
Content Mining
Die wenigen existierenden Verleihe und Vertriebe von Kurzfilmen haben bislang noch keine Filme im Programm, die für Mobiltelefone geeignet wären. Auch die Filme der Content Provider im Online- und Internetsektor sind meist zu lang oder zu komplex. Denn Anbieter und Distributoren mit Filmkatalogen im Internet haben in den vergangenen Jahren ihre Präsentationstechniken immer weiter in Richtung hoher Auflösung gepusht. Wie etwa Atom Films mit ihren Hi-Definition Full Screen Film im 720p Format. (vgl. auch unsere Nachrichtenmeldung). Es ist anzunehmen, dass Anbieter im Internet in Zukunft ohnehin eher Konvergenz-Tendenzen zwischen Internet und Fernsehen (IPTV) folgen, als wieder einen Schritt zurück zu den daumennagelgroßen GIF-Animationen aus der Anfangszeit des Internets zu gehen.
Damit ist die Mobiltelefonindustrie gezwungen ihre Inhalte andernorts zu suchen oder selbst zu generieren. Deshalb sind inzwischen alle großen Mobiltelefonhersteller, aber auch viele Netzbetreiber, selbst aktiv auf der Suche nach Content. Sie wählen dabei entweder die Partnerschaft mit einem Festival oder veranstalten Wettbewerbe in eigener Regie.
Kooperationen mit Festivals
Fast alle größeren Kurzfilmfestivals veranstalten inzwischen Wettbewerbe für Mobiltelefone. In Deutschland ging das Hamburger Kurzfilmfestival schon sehr früh eine Partnerschaft mit dem Vertrieb Bitfilm ein - zu einer Zeit als es noch keine Videotelefone gab, aber digitaler Content für Online-Anwendungen gesucht wurde. Die Partnerschaft zerbrach und seit dem Jahr 2003 ist Bitfilm Veranstalter eines eigenen Festivals (siehe Teil 2 des Artikels).
In den letzten beiden Jahren ging es Schlag auf Schlag weiter: Interfilm Berlin kooperierte im Jahr 2004 mit Siemens Mobile. Siemens gehört zu den Unternehmen, die unter dem Namen Micromovie-Award, Wettbewerbe in eigener Regie veranstalten und sich dann Shop-in-Shop an Festivals andocken. Bei Siemens steht weniger die Herstellung von Micromovies für die spätere Verbreitung und Vermarktung von Filmen als das Marketing neuer Modelle im Vordergrund. Folgerichtig müssen die Filme im Micromovie-Wettbewerb mit Mobiltelefonen aufgenommen werden, die das Unternehmen ausgewählten Filmemachern zur Verfügung stellt.
Der Micromovie-Award von Siemens (Website) wurde inzwischen auch in Brasilien bei den Kurzfilmfestivals in Rio de Janeiro (2004) und Sao Paulo (2005) und beim St. Kilda Festival in Melbourne (2005) ausgerichtet.
Auch der Marktführer Nokia veranstaltet Wettbewerbe für Micromovies. So zum Beispiel seit drei Jahren in Kooperation mit dem Raindance Festival London. In den ersten beiden Jahren konnten Filme eingereicht werden, die auf beliebigem Träger gedreht wurden. Mit der neuen Mobiltelefongeneration hat Nokia das Konzept geändert und verlangt seit 2005 wie Siemens, dass die Filme mit eigenen Videophones aufgenommen werden (Website). Beim Wettbewerb im Rahmen der Internationalen Kurzfilmtagen Oberhausen 2005 wurde das N90-Modell zur Verfügung gestellt - ein Mobiltelefon, das sogar eine bescheidene Bearbeitung der aufgenommenen Videos erlaubt. Fünf internationale Filmemacher mit Beiträgen im Festivalprogramm nahmen an diesem Nokia-Wettbewerb teil. (Website)
Nach dem gleichen Muster hat Nokia Ireland einen Wettbewerb beim Darklight Filmfestival in Dublin ausgeschrieben (Deadline: 30.09.2005 / Website). Im Unterschied zu Wettbewerben in anderen Ländern, gibt es beim Nokia/ Darklight Pocket Movie Challenge zusätzlich eine Kategorie für Professionelle, dürfen die Filme bis 5 Minuten lang sein und ist die Teilnahme an einen Vertriebsvertrag mit Wildlight Channel gekoppelt (siehe Teil 2 des Artikels).
Begonnen hat die Partnerschaft zwischen Nokia und den Kurzfilmfestivals allerdings in Tampere – was nahe liegt, da nur wenige Kilometer vom Tampere Short Film Festival entfernt ein kleines Städtchen namens Nokia liegt! Im Jahr 2003 fand in Tampere nicht nur ein Wettbewerb, sondern auch eine einflussreiche Tagung zum Thema Micromovies statt (Website). Damals konnten Filme am Wettbewerb teilnehmen, die auf beliebigen Formaten entstanden sind. Und im Kontext des Seminars, das sich nicht nur mit praktischen, sondern auch mit inhaltlichen und ästhetischen Fragen befasste, fand auch zum ersten Mal ein Drehbuchwettbewerb für Micromovies statt. Die Wettbewerbe wurden im Auftrag von Nokia wissenschaftlich begleitet, um Erkenntnisse über Möglichkeiten und Grenzen von Micromovies zu gewinnen.
Micromovie-Wettbewerbe auf Spielfilmfestivals
Auch große (Spielfilm-)Festivals haben inzwischen den Trend entdeckt. Den Anfang machte das Sundance-Festival in Park City. Seit diesem Jahr findet dort unter dem Namen Thumbdance sogar ein eigenes Mobile Film Festival statt. Träger ist Mobliss, ein Medien- und Marketingunternehmen, das sich auf Content für mobile Medien spezialisiert hat und demnächst den Thumbdance Channel aufmacht, wo unter anderem Kurzfilme von IFilm und politische Parodien von Jibjab zu sehen sein sollen (Website).
Während der Filmfestspiele Berlin richtete dieses Jahr der Netzbetreiber O2 einen Mobile Movie Award aus. Die Beiträge mussten nicht auf Videotelefonen aufgenommen sein, sondern sollten lediglich bezüglich Laufzeit, Datenrate und Gestaltung für die Wiedergabe auf mobilen Geräten geeignet sein. Zur Intention hieß es in einer Pressemitteilung: »Als Mobilfunknetzbetreiber werden wir mit dem Handy über die Datenübertragung per UMTS ein neues Unterhaltungsmedium bereitstellen. Denn in Bewegtbildclips können Elemente aus Film, Fernsehen und Online-Design kombiniert werden«. Dies war O2 das stattliche Preisgeld von 10.000 Euro wert - das ist fast soviel wie die Prämie für die Nominierung zum Deutschen Kurzfilmpreis! Ein Student an der Fachhochschule Potsdam war der glückliche Gewinner.
Beim Filmfestival in Cannes wurde ähnlich - nur von einem anderen Netzbetreiber gesponsert - der "Orange Film Court"-Wettbewerb ausgerufen. Im Unterschied zu anderen Wettbewerben, entschied dort eine Jury (und nicht das Publikum) über die fünf Preisträger. Ausgerichtet wurde der Wettbewerb von der Pariser Vertriebsfirma Premium Films, die selbst über einen Stock von etwa 50 kurzen Filmen verfügt (Website)
Auch das Toronto International Film Festival hat im September 2005 eine Mobil-Movie-Sektion, die dort von Motorola gesponsort wird. Unter anderem wurde mit dem "MotoReel Contest" ein Wettbewerb für Filmstudenten ausgeschrieben und lässt Motorola seine Handys beim "MotoFilm Project" im Rahmen des Talent Labs des Festivals erproben.
Im Oktober 2005 folgt schließlich das Zürich Film Festival, das gleich in seiner ersten Ausgabe gemeinsam mit Nokia einen Mobile Movie Award veranstaltet (Website). Es werden dort, neben Sonderprogrammen von Onedotzero, übrigens die einzigen Kurzfilme auf dem neuen Festival sein. Die Nominierungen für den Mobile Movie Award sind seit dem 25. September im Internet zu sehen (Website). Zu gewinnen gibt zehn Nokia N90 Telefone und eine Reise zur Berlinale 2006 (um dort am nächsten Movie Award teilzunehmen :-).
Der Nokia-eigene Werbefilm für den Schweizer Mobile Movie Award, den man sich auf der Website anschauen kann, ist übrigens mit Fake Filmkratzern und filmtypischem Staub versehen. Es mutet doch merkwürdig an, dass für diese neue Plattform, die so weit von Film und Kino entfernt ist wie kein anderes Filmformat, mit Relikten aus der Zeit der Zelluloid-Projektion geworben wird, dessen Image offenbar höher eingeschätzt wird, als das des eigenen Produkts!
Tatsächlich handelt es sich bei den Micromovies um ein eigenes Format mit einer neuen Plattform für die erst noch der ‘Content’ beschafft werden muss. Die Energie mit der die Industrie dieses Ziel verfolgt und dabei die Entstehung eines neuen Kurzfilmformats pusht ist ebenso enorm wie die Geschwindigkeit in der dies geschieht. Inzwischen gibt es neben den oben genannten Wettbewerben, die in bestehende Festivals eingebettet werden, bereits eigene Veranstaltungsplattformen und noch ganz andere Strategien, um Produktion und Nachschub von Content anzukurbeln. Dies soll aber in einem zweiten Teil des Artikels dargestellt werden.
Micro-Cliffhanger
Im zweiten Teil dieses Artikels über Micromovies geht es unter anderem um spezielle Events und Aktivitäten rund um die Micromovies jenseits herkömmlicher Festivals. Außerdem werden einige der Big Players vorgestellt und wird der Handel mit und die Distribution von Micromovies beleuchtet. Schließlich nehmen wir auch die Teilnahmebedingungen für Filmemacher respektive Verträge und ihre Klauseln unter die Lupe, denn oft dienen Wettbewerbe und Events nur der billigen Akquise von Filmen ohne Gewinnbeteiligung der Produzenten. Wer diesbezüglich schon Erfahrungen gemacht hat, möge uns schreiben!
Reinhard W. Wolf
p.s. Der Begriff Micromovie wurde in den 80er Jahren in Nicholas Negroponte’s Architecture Machine Group am MIT geprägt und 1993 von Glorianna Davenport (Interactive Cinema Group am MIT Media Lab) im Kontext interaktiver Videodatenbanken - 1997 auf den Internationalen Kurzfilmtagen Oberhausen vorgestellt - erweitert.