Kurzfilm und Geschäft - das scheint sich wechselseitig auszuschließen. Doch, wer hätte das gedacht, Kurzfilme sind plötzlich 'big business'. Aber (leider) nur online! Angefangen hat es vielleicht auf der NAB '98 in Las Vegas als die Computerindustrie mit ihren neuen AV-Produkten auf die Fernseh- und Filmwelt zuging.
Adobe stellte Premiere 5.0 vor, Macromedia das Schnittprogramm FinalCut, Truevision eine Video-Capture-Card und Apple das plattformübergreifende Quicktime. DVD, DV und Audio-Streamings im Internet gab es schon. Damals hieß es noch, "What's Steve Jobs doing at NAB?". Seine Antwort war: "We have to talk about this stuff!" und die Bosse der großen Medienkonzerne wurden aufmerksam. Während die Filmindustrie sich erstmal ängstlich um die illegale Verbreitung von Spielfilmen im Internet sorgte, sprachen und handelten aber die Medienkonzerne, Fernsehanbieter und Telcos. Gleichzeitig wuchs eine neue Unternehmergeneration heran und gründete landauf, landab Dutzende sogenannter Dotcoms auf der Basis des von Steve Jobs erwähnten 'stuff’s'. Nur zwei Jahre nach der NAB wurde bei iFilm.com ein Kurzfilm namens "More" (Mark Osborne) 50.000 mal gesehen und meldete AtomFilms (seit März 1999 im Netz) mehr als 15 Millionen Besucher pro Monat.
Im Mai 2000 titelte dann CNN.com Senior Writer Jamie Allen: "The golden age of the short - shorts move from film-class project to big time on web". Allen beschreibt beispielhaft die Karriere des unbekannten T-Shirt-Designers Joe Shields, der binnen kürzester Zeit mit einer selbstgebastelten, sekundenlangen Animation die Internet-Welt eroberte. Bereits sein zweiter Cartoon "The Frog Bender" (Frog in a Blender)", eine einfache Flash-Animation, die er unter seinem Künstlernamen Joe Cartoon ins Netz stellte, erzielte 2.500 Hits pro Tag und zwang den Server seiner Homepage in die Knie. Shields wechselte mit seiner Animation auf die Server von AtomFilms, den dort bald 700.000 Hits am Tag erreichten! "Frog Blender" wurde zur Legende. Den Nachfolger "Gerbil in a Microwave" hatten bereits Mitte 2000 etwa 30 Millionen User gesehen, schätzt Matt Hulett von AtomFilms. Das ist ein Verbreitungsgrad, der mit Spitzen-Einschaltquoten im Fernsehen oder Mega-Box -Offices im Kino locker mithalten kann.
Plötzlich schien sich für Filmemacher, die bislang ihren Kurzfilm vielleicht auf einem Dutzend Festivals zeigten und danach ins Regal stellten, eine völlig neue Distributions-Chance zu eröffnen. Zuerst musste noch Überzeugungsarbeit geleistet und Vertrauen geweckt werden, denn die Dotcoms stießen nicht überall auf offene Ohren. Doch, während noch vor wenigen Jahren die Talentscouts von AtomFilms oder Eveo ausschwärmten und systematisch die Kurzfilmfestivals abklapperten um Filmemacher zu kontaktieren, haben sie dies heute nicht mehr nötig, weil sie mit Einreichungen überschwemmt werden (oder ihre Geschäftsziele änderten). Der Markt für Kurzfilme im Internet ist explodiert und auch unabhängig von Portalen und Mittelsleuten verspricht das Internet eine Verbreitung und eine Aufmerksamkeit, die auf den traditionellen Vertriebswegen schlicht unmöglich ist. Dabei ist der finanzielle Aufwand - zumindest für digitale Arbeiten - wesentlich niedriger als auf den herkömmlichen Vertriebswegen. Sowohl die Technik zur Bereitstellung und Verbreitung als auch die Bewerbung der Filme kostet ungleich weniger als die Herstellung und der Versand von Kopien, Kassetten und gedrucktem Promotionsmaterial. Mit der Nutzung des Internet als Distributionskanal verband sich schließlich auch die Hoffnung filternde Hierarchien zu umgehen und direkt weltweit mit dem Publikum in Kontakt zu treten. Die Einbettung der Filme in Websites, die zusätzliche Informationen und ein unmittelbares Feedback über Rückkanäle (z.b. die Abgabe von Online-Voten, Email, Counter) erlauben, bietet die Möglichkeit eines offenen Forums. Bereits 1995 äußerte der britische Produzent John Wyver auf den Kurzfilmtagen in Oberhausen die Hoffnung: "Es könnte sein, daß von den heutigen Experimenten die bedeutsamsten und demokratischsten Strukturen für die Medienwelt von morgen hervorgehen, die Geburt eines neuen, ausgesprochen partizipatorischen Mediums".
Einige Börsenkrisen später ...
Nun, heute muss man die Situation sicherlich etwas nüchterner betrachten. Viele hochfliegende Pläne sind auf dem Markt gescheitert. Manche Portale sind trotz hoher Investitionen erst gar nicht an den Start gegangen wie Steven Spielberg's Kurzfilm-Projekt Pop.com. Unter AntEye.com (sprich anti-dotcom), findet man heute eine biedere Suchmaschine mit Schwerpunkten wie "Weight Loss" und "Wedding Invitations". Zum Verwechseln ähnlich sieht die Seite unter Leonardo Di Caprios ehemaliger Nachwuchswettbewerb-Adresse "leofest.com" aus. Das 60SecondFilmFestival leitet heute weiter auf eine Seite, die ankündigt, daß die Aktivitäten 'redeveloped' werden. Und Eveo, einst mit hohen kulturellen Ansprüchen angetreten, beschäftigt sich inzwischen mit Touristik-Filmen, Consulting und Software-Entwicklung. Das Luxemburger Konsortium Europe Online Networks S.A ist noch im Januar 2001 mit der Gründung eines "Kurzfilm-Kanals" mit Filmen "von unabhängigen und innovativen Regisseuren" an die Presse gegangen. Heute gibt es dort nur noch eine kleine Kurzfilmecke mit "weird shortfilms", aber ein um so größeres Erotikangebot. Und viele andere Adressen sind längst im Datenhimmel, wie etwa Dotcomics, Icebox.com und der deutsche Versuch Filmgarten.com.
Auch die heute noch existierenden Kurzfilm-Websites der Gründergeneration waren in Schwierigkeiten. AtomFilms konnte nur durch die Fusion mit Macromedia zu Atomshockwave überleben und iFilm Network kam trotz Unterstützung durch Robert de Niro ins Trudeln. Ihr Erfolgsrezept für das Bestehen auf dem Markt heißt Syndication, d.h. Content und Knowhow werden lizensiert und möglichst mehrfach ausgewertet. Einerseits werden die Kataloge und Filmdatenbanken anderen Firmen (Filmverleihen, Entertainment-Portalen, Marketing-Agenturen) angeboten, andererseits Konzepte und Dienstleistungen in Business-to-Business-Verträgen vermarktet. So arbeitet zum Beispiel Atomshockwave mit Partnern zusammen wie: Ford, Intel, Warner Bros. Online, Bell South, HBO oder Volkswagen. Denn, kaum ein Konzern, insbesondere aus dem Mediensektor, scheint inzwischen auf Kurzfilme verzichten zu können. Aber nicht nur die Online-Vermarktung steht im Mittelpunkt. Nicht wenige Kurzfilm-Website-Betreiber sind auch im TV-Lizenzhandel und Kinovertrieb tätig. Always Independent Film zum Beispiel versteht sich als Netzwerk für unabhängige Filmemacher und vermittelt Verträge mit Filmverleihen. Die Ausgangsposition für eine Vermarktung von Kurzfilmen ist bei den großen Portalen allerdings beneidenswert günstig: Filmemacher reichen ihre Filme dort zu Hunderten und Tausenden auf eigene Kosten ein. Die in Kommission genommenen Arbeiten sind weltweit sofort sichtbar (elektronischer Distributionskatalog) und durch das Prinzip der User-Ratings erübrigt sich sogar noch eine teure Marktforschung!
Tausend Mausklicks weiter: Der digitale Autorenfilm im Büropausen-Kino?
Die Vision vom Autorenfilm im Internet klingt gut und ist sicherlich nicht ganz abwegig. Unabhängige Filmemacher produzieren zuhause bei kleinstem technischen Aufwand, vom Dreh mit der DV-Kamera über den Computerschnitt bis zur Postproduktion auf eigenem Rechner, digitale Filme, die sie dann nicht nur auf der eigenen Homepage zeigen, sondern auch noch per Email bei hunderten Website-Betreibern und Online-Festivals weltweit einreichen. Die Filme werden gestreamt und nach Erfolg, d.h. Hits, bezahlt. Manche Websites bieten darüberhinaus Produktionsprämien und Aufträge. Einen Mausklick weiter kann der Film gegen Gebühr Heruntergeladen oder auf VHS und DVD gekauft werden ...
Doch spätestens seit der Gründung der großen Internet-Portale für Kurzfilme und den Kapitalverflechtungen ehemals kleiner, innovativer Firmen und unabhängigen Initiativen hat sich die Situation geändert. Die Indie-Szene ist längst von den Big Players der Computer-, Medien- und Unterhaltungsindustrie kooptiert worden. Es droht ein 'Medienverbund', der zwischen AOL und Time und Warner nicht nur den Film- und Fernsehmarkt kontrolliert, sondern auch das Internet dominiert. Dort zählt - wie gehabt - nicht die künstlerische Qualität, sondern die Zahl der Mausklicks, Hits und Page Impressions. Oder, andersherum betrachtet, was macht den Kurzfilm, den viele schon längst für tot erklärt haben, plötzlich so populär? Und wer sind die Zuschauer?
Ein Blick auf die Top-Ten-Listen der großen Portale (August 2002) gibt Aufschluss. Da sind zum einen Anbieter, die man unter der Rubrik "adults strictly rated" abhaken kann, d.h. infantile Flash-Cartoons, die für Erwachsene unzumutbar sind. Dem stehen am anderen Ende des Spektrums die Genre Gore, Splatter und Erotik gegenüber. Dazwischen gibt es Komödien, Gewalt, Weltraum-Dramen und Parodien. Bei Warner Short Films steht zum Beispiel zur Zeit "Britney Spears 2032" ("a peek at the pop princess, age 50") ganz oben. Auch bei AtomFilms, in dessen unergründlichem Filmarchiv auch die Cr?me de la cr?me internationalen Kurzfilmschaffens ruht, gibt es jetzt Rubriken wie "Extreme" mit Titeln wie "Bikini Bandits" und "Asian Pride Porn". Und die Bandbreite der Top-Ten-Animations bewegt sich bei AtomFilms zwischen Star Wars und Bin Laden-Parodien. Bei iFilm hieß der Aufmacher in der Rubrik Short Films im August "Simulated Sex". Und von der alten URL, die für den schönen Namen Always Independent Film stand "alwaysif.com", wird man weitergeleitet auf die nicht minder aussagekräftige, anachronistisch klingende Adresse "indie.hollywood.com". Dort heißt der Favorit "Cheerleader Ninjas: Director's Cut". (Übrigens gibt es bzw. gab es im August dort zwischen "Summoner Geeks" und "Zombie College" auch Fritz Lang's kompletten "Metropolis"). Last not least, sei noch die Nummer 1 des deutschen Kanal-Global genannt: der spekulative Kurzfilm "Kama Sutra" mit dem Untertitel "Für die Frau von heute: es werden 33 Positionen gezeigt!".
Da lässt sich schon ahnen, wie sich das plötzlich millionenfach vermehrte Kurzfilm-Publikum zusammensetzt: Pubertierende Schüler und Entspannung suchende männliche Büroangestellte! Auf der eher seriösen AtomFilms-Website sind die User, zum Beispiel, zu 80% männlich, mehrheitlich zwischen 30 und 39 Jahren alt mit einem Einkommen von mindestens $ 50.000 und einem College-Abschluss. Sarah Hepola fasste im Austin Chronicle die Situation wie folgt prägnant zusammen: "And in case you haven't heard, short films are big business! Capitalizing on our rapidly dwindling attention spans and increasing need for distraction, short film sites help fill the void left when desktop solitaire becomes just too tedious to stomach. For office workers and bored teens everywhere, short films are the perfect distraction; they demand little investment for immediate gratification. Primarily because technology on a grand scale has yet to catch up with this trend, short film sites haven't scored numbers as big as, say, Internet porn, but their viewership is climbing -- and from all accounts, this is just the tip of the iceberg".
Auch dieser Artikel konnte nur die Spitze des Eisbergs sichten. Viele interessante Aspekte blieben außen vor: Die Veranstaltung von Online-Festivals und ihre Verhältnis zu Festivals In-Real-Life, zum Beispiel. Oder Fragen: Wie wirkt sich die Popularität des Internet-Kurzfilms und das Sehverhalten auf den Kurzfilm insgesamt aus? Welche kulturellen "Syndikate" und Kooperationen sind denkbar? Wir bleiben deshalb am Thema dran und verfolgen die Entwicklung - Fortsetzung folgt!
Reinhard W. Wolf
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