
In jüngster Zeit haben mehrere Filmfestivals Änderungen in der Form der Präsentation von Kurzfilmen vorgenommen. Gleichzeitig haben renommierte Festivals eine inhaltliche Orientierung ihres Programms an den Kunstsektor bekannt gegeben oder bereits vollzogen. Es ist anzunehmen, dass die jeweiligen Festivals dabei weniger kompetitiv aufeinander reagieren, sondern vielmehr unabhängig voneinander feststellen, dass eine Art Relaunch aus inhaltlichen Gründen notwendig ist, um sich veränderten Rahmenbedingungen anzupassen.
Dass auch große europäische Festivals, deren Hauptmetier der abendfüllende Spielfilm ist, ihren Umgang mit dem Kurzfilm überdenken, kann man wohl ohne Übertreibung so interpretieren, dass der Kurzfilm an Bedeutung gewonnen hat. Im Folgenden werden einige dieser Änderungen und Neupositionierungen am Beispiel der Festivals in Rotterdam, Berlin und Oberhausen kurz vorgestellt. Dabei sind überraschende Gemeinsamkeiten, aber auch deutliche Unterschiede in der Programmpolitik der drei Festivals zu entdecken.
Rotterdam: Kurzfilme "as long as it takes" und Expansion in den Kunstsektor
Das Rotterdam International Film Festival hat schon immer den Ruf eines experimentierfreudigen Festivals gehabt. Im Unterschied zu Festivals wie Cannes oder Venedig, bei denen der Spielfilm im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht, präsentiert Rotterdam bereits seit Jahren die ganze Bandbreite filmischer und audiovisuell künstlerischer Produktion. Neben Wettbewerben und Programmen mit Spiel-, Dokumentar- und Experimentalfilmen, ist das Rotterdam Film Festival nichtzuletzt auch ein Forum für Debatten und Diskussionen zu Themen der audio-visuellen Kunst und Kultur.
Neue Kurzfilm-Programmschiene
Im Unterschied zu früheren Jahren, in denen Kurzfilme auf fast alle Sektionen des Festivals verteilt waren, richtete das Rotterdam Festival im Jahr 2006 erstmals eine eigene Sektion für Kurzfilme ein. Unter dem Titel "Shorts: as Long as it Takes" wurden die Kurzfilmpräsentationen zeitlich und räumlich konzentriert. Das Programmvolumen wurde dabei gegenüber den Vorjahren verschlankt. Mit wenigen Ausnahmen fanden alle Screenings, Diskussionen und Events rund um den Kurzfilm in den ersten fünf Tagen des Festivals an einem festen Ort - dem Kino-Center Lantaren/Venster - statt. Auch die Preisverleihungen wurden aus der Abschlusszeremonie des Festivals herausgenommen und durch eine eigene Veranstaltung ersetzt. Dort wurden bereits vor Ende des Festivals die Preisträger der beiden Kurzfilmwettbewerbe, d.h. die Tiger Awards und der Prix UIP Rotterdam, geehrt.
Diese Verdichtung des Kurzfilmprogramms in Rotterdam hat zweifellos große Vorteile für die Kurzfilmszene, deren Arbeitsbedingungen und Kommunikation untereinander deutlich verbessert und erleichtert wurden. Der Kurzfilm erhält damit ein größeres Gewicht - allerdings um den Preis einer Abtrennung von den anderen Sektionen. Die Kurzfilmprogramme bilden nun eine eigene Sektion - sozusagen ein Festival im Festival.
Zu den Kernpunkten der Umstrukturierung gehört laut Peter van Hoof, dem Leiter der neuen Kurzfilmsektion, außerdem ein noch stärkerer Fokus auf experimentelle Kurzfilme und künstlerische Videoarbeiten. Insofern das Festival den Kurzfilm ohnehin nicht als Nachwuchsfilm und Visitenkarte für lange Filme versteht, entfällt die Notwendigkeit der Integration und Vernetzung in andere Sektionen und deren Marktstrukturen. Das Rotterdam Film Festival hat sich damit programmatisch für eine eindeutige Akzentuierung entschieden, die vor allem vor dem Hintergrund Sinn macht, dass die ganze Bandbreite des Kurzfilmschaffens in einem solchen Rahmen ohnehin nicht abgebildet werden kann und die ästhetisch spannendsten Arbeiten aus dem künstlerischen Bereich kommen.
Kurzfilm-Definition ? la Rotterdam: "as long as it takes"
Nur für die beiden Wettbewerben innerhalb des Kurzfilmprogramms gilt in Rotterdam noch die Beschränkung auf maximale Längen (30 bzw. 15 Minuten). Ansonsten hat sich das Festival aber von der Definition des Kurzfilms über seine Länge gelöst, wie schon der Titel der neuen Kurzfilmsektion "SHORT: as Long as it Takes" programmatisch zum Ausdruck bringt. Für das Rotterdam Film Festival ist Kurzfilm, was nicht in die Programmschemata von Fernsehen oder Kino passt. Kurzfilme dürfen dort so lang sein, wie sie brauchen, um das auszudrücken, was sie zum Ausdruck bringen wollen.
Schnittstellen zur Kunst
Eine weitere Neuerung in Rotterdam betrifft die Positionierung von Film- und Medienkunst innerhalb des Festivals. Auch für diesen Sektor wurden klarere Strukturen geschaffen: mit eigenen Kuratoren, Programmen und entsprechenden Veranstaltungsorten.
Unter der Leitung des Kurators Edwin Carrels wurden unter dem Titel "Exploding Television" die Präsentationen und Ausstellungen an der Schnittstelle zur Kunst auf einen thematisch definierten, zentralen Schwerpunkt konzentriert. Inhaltlich reagierte das Festival mit dem diesjährigen Thema insbesondere auf die neuesten Entwicklung bei der Verbreitung von Filmen, die sich aus der Konvergenz von Fernsehen, Internet und Mobilfunk ergeben.
Im Mittelpunkt der Exploding-Television-Sektion des Festivals stand die Ausstellung "Satellite of Love", die als Plattform für die künstlerische und ästhetische Auseinandersetzung mit den Folgen der jüngsten technischen und ökonomischen Entwicklungen auf die audio-visuelle Kultur gedacht war. Allein schon mit den Orten der Ausstellung - dem Zentrum für zeitgenössische Kunst Witte de With und dem TENT Center for Visual Arts, die zugleich Kooperationspartner sind - entfernt sich das Rotterdam Festival soweit wie kein anderes großes Festival von dem, was normalerweise mit einem Filmfestival assoziiert wird. Ergänzt wurde diese räumliche Ausdehnung aus dem Kino heraus in den Kunstsektor durch interaktive Live-Fernsehsendungen und Online-Programme im Internet.
Kurzfilm auf der Berlinale
Bei den Internationalen Filmfestspielen Berlin sind Kurzfilme in allen Sektionen vertreten. Laut Berlinale-Chef Dieter Kosslick ist »ein Kurzfilm kein kurzer Film. Der Kurzfilm ist auch kein kurzer langer Film, sondern der Kurzfilm versucht, auf einer minimalen Zeitstrecke optimal eine Geschichte zu erzählen« (TIP 04/06). Für die Berlinale 2006 wurden aus 700 gesichteten Filmen knapp 50 ausgewählt, von denen nur 10 Filme im Wettbewerb um den Goldenen und Silbernen Bären standen.
Bereits im Jahr 2003 hat auch die Berlinale die Präsentation von Kurzfilmen umstrukturiert. Während bis dahin Kurzfilme als Vorfilme gezeigt wurden, wird seit 2003 die Kurzfilmauswahl aller Sektionen in Programmblöcken vorgestellt und von einer eigenen Kurzfilm-Jury bewertet. Wie in Rotterdam gibt es auch eine eigene Preisverleihung vor Ende des Festivals. Im Unterschied zu Rotterdam wird auf der Berlinale der Kurzfilm aber als Medium verstanden, »in dem sich der Nachwuchs erprobt und profiliert« (Pressemitteilung 28.1.03). Dieser Programmatik entsprechend, die auch in Übereinstimmung zu den Zielen des Berlinale Talent Campus steht, werden in der Kurzfilmauswahl konsequenterweise solche Filme bevorzugt, die eine Qualifikation der Macher zum langen Spielfilm erkennen lassen. Insofern aber Sektionen wie das Panorama und das Kinderfilmfest eigene Auswähler und je spezifische Auswahlkriterien haben und zusätzlich in Berlin auch immer gerne Kurzfilme arrivierter Spielfilm-Regisseure gezeigt werden, entsteht durch die Zusammenlegung ein sehr gemischtes Programm, das schwerlich einem eigenen Profil zuzuordnen ist
Die Konzentration der Kurzfilme in eigenen Programmen hat sich beim Publikum bewährt. Die Vorstellungen sind in der Regel ausverkauft. Allerdings wird damit der Kurzfilm tendenziell vom übrigen Festivalgeschehen abgekoppelt. Gerade die Zielgruppe der jungen Filmemacher, die ihre Kurzfilme als Visitenkarten verstehen, werden dabei benachteiligt. Filmemacher, die auf dem Sprung zum Spielfilm sind, reichen ja gerade deshalb gerne ihre Kurzfilme auf Spielfilmfestivals ein, weil sie sich dort größere Chancen auf entsprechende Kontakte zu Produzenten erwarten. Zwar wird dieses Manko zum Teil wieder durch Veranstaltungen wie der Talent Campus aufgehoben, doch geht etwas von der Visibility und Aufmerksamkeit, die Kurzfilme früher als Vorfilme im ‚Offiziellen Wettbewerb', wenn auch ‚zwangsweise', erhielten durch die Umstrukturierung verloren.
Forum expanded - eine neue Subsektion der Berlinale
Das 36. Internationale Forum des Jungen Films 2006 entwickelt, laut eigener Darstellung, »neue Wege der Präsentation zeitgenössischer Film- und Videokunst«. Unter dem Titel "Forum expanded" wurde erstmals eine Auswahl an Film-, Video- und Rauminstallationen gezeigt, die sich an der Schnittstelle von Kino und Installationskunst bewegen. Ähnlich Rotterdam arbeitet auch das Forum mit einem lokalen Ausstellungsmacher, dem Kunstverein KW Institute for Contemporary Art, zusammen. Forum expanded versteht sich dabei als Schnittstelle zwischen Film und Bildender Kunst. Ko-Kuratorin Stefanie Schulte-Strathaus (Forum) begründet die Notwendigkeit für diesen Schritt damit, dass »viele Dinge, die heute eine künstlerische Öffentlichkeit interessieren, sowohl im Filmbereich als auch im Kunstbereich stattfinden«. Es soll eine Plattform entstehen, auf der die aktuellen Bewegungen der bildenden Künstler zum Film und der Filmemacher zum Installativen zusammengeführt werden. Diese Plattform soll, so Ko-Kurator Anselm Franke vom Kunstverein KW, »auch eine Plattform der Auseinandersetzung mit dem Filmraum als solchem« sein.
Diese Öffnung des Forums liegt auch deshalb nahe, weil sich das ebenfalls von den Freunden der deutschen Kinemathek betriebene Kino Arsenal seit längerem mit Fragen des Verhältnisses von Film und Kunst beschäftigt (siehe auch der Beitrag von Stefanie Schulte-Strathaus in unserer Rubrik Gastbeiträge).
Der Titel der neuen Sektion erinnert wohl nicht zufällig an die Expanded-Cinema-Tradition des Avantgardefilms. Mit neuen Arbeiten von Michael Snow und insbesondere Ken Jacobs waren dementsprechend zwei Filmemacher-Künstler vertreten, die bereits seit langem an der Schnittstelle zur Kunst beziehungsweise zum Expanded Cinema arbeiten. Mit Arbeiten von Amos Gitai und Harun Farocki waren im Programm aber auch Videoinstallationen vertreten, für die Ausstellungsräume des KW Institute for Contemporary Art in Anspruch genommen wurden. Ausgangspunkt ist bei Forum expanded aber immer noch der Kinoraum und der Film als wichtigstes Trägermedium. Vielleicht in Abgrenzung zur Berliner Transmediale und ähnlichen Veranstaltungen verzichtet das Forum auf eine Ausdehnung des Programms auf digitale Medienkunst. So erscheint Forum expanded allerdings konzeptionell überzeugend als zeitgemäße Verlängerung der Programmatik des Forums des Jungen Films, das seit seiner Gründung aktuelle Strömungen im Experimental- und Avantgardefilm präsentiert und begleitet hat. Die Einbeziehung künstlerischer Kurzfilme ist in diesem Kontext selbstverständlich und bedarf keiner besonderen Etikettierung oder Kategorisierung innerhalb des Festivalprofils.
Neues aus Oberhausen
Künstlerische Filme und Videos sind schon lange fester Bestandteil der Kurzfilmtage Oberhausen - sowohl in den Wettbewerben also auch in Sonderprogrammen oder Retrospektiven. Insbesondere hat das Festival Filmemacher und Künstler entdeckt, die oft erst später in der Kunstwelt reüssierten. Dieses Profil soll beim kommenden Festival nun auch im Filmmarkt weiterentwickelt werden. Die 52. Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen (4.-9. Mai 2006) beabsichtigen dort Arbeiten im Grenzbereich zwischen Kunst und Film einen Schwerpunkt zu widmen.
Erstmals organisiert Oberhausen 2006 ein dichtes Programm von Markt-Screenings. Vertreter von zwölf weltweit führenden Verleiher experimenteller Arbeiten präsentieren dort persönlich ihre neuen Aquisitionen. In Europa selten präsente Verleiher aus China, Japan oder Brasilien stehen ebenso auf der Liste wie die führenden europäischen Anbieter. Das Festival möchte damit »die einzigartige Gelegenheit bieten, sich einen konzentrierten Überblick über den Stand der Produktion an der Schnittstelle zwischen Film und Kunst zu verschaffen und sofort Kontakte zu knüpfen« (Pressemitteilung 7.2.06).
Neben der neuen Reihe "Profile", in der die Arbeiten zeitgenössischer Künstler und Filmemacher vorgestellt werden, wird es - ebenfalls als Neuerung - tägliche Podiumsdiskussionen geben. Neben Themen wie Kulturpolitik und Medienpädagogik befasst sich eine dieser Diskussionen sich mit aktuellen Fragen des Kunstmarktes. Unter dem Titel "For Sale - Bewegte Bilder zum Verkauf" diskutieren Anita Beckers (Galerie Anita Beckers), Stuart Comer (Tate Modern), Christopher Eamon (Kurator für die Kramlich Collection), Bj?rn Melhus (Künstler und Professor an der Kunsthochschule Kassel), Ian White (Kurator und Kunstkritiker) und Lory Zippay (Electronic Arts Intermix) über neue Distributionskanäle in der Film- und Videokunst.
Auch bei dieser Akzentuierung bleiben die Kurzfilmtage Oberhausen weiterhin ein Kurzfilmfestival. Laut Festivalleiter Lars Henrik Gass (»was ein Kurzfilm ist, sagt mir meine Uhr«) habe aber »die kurze Form, ob Film oder Video, schon längst jede Genregrenze gesprengt« und folge man, »der Programmpolitik der Kurzfilmtage, Entwicklungen offen und neugierig zu spiegeln«. Dabei gehe es vor allem darum vorzustellen, »was sich außerhalb des Kunstmarkts an künstlerischen Entwicklungen zeigt«.
Müssen sich (Kurzfilm-) Festivals immer wieder neu erfinden?
Es gibt sicherlich Festivals, die ihr Erscheinungsbild nur aus PR-Gründen einem Relaunch unterziehen. Neuerungen sind aber an sich kein Wert, insbesondere, wenn es sich nur um Retuschen an der Außendarstellung handelt. Dies ist bei den oben genannten Beispielen nicht der Fall. Tatsächlich gibt es gute Gründe für die beschriebenen Umstrukturierungen. Denn, insbesondere bei Spielfilmfestivals, aber auch bei einigen Kurzfilmfestivals, wurden und werden Konventionen tradiert, die längst nicht mehr der Produktionsrealität des Kurzfilms entsprechen.
Interessant und spannend sind insbesondere die Reaktionen auf die Veränderungen an der Schnittstelle zwischen den Bereichen Film und Kunst, deren wechselseitige Beziehung ja nicht grundsätzlich neu ist, die aber eine neue, öffentliche Dynamik erfahren hat. Hier entstehen neue Konstellationen, die auch erfahrene Kurzfilmveranstalter zwingen ihre Programmkonzeptionen regelmäßig zu hinterfragen.
Dass jetzt auch große Spielfilmfestivals ihren Umgang mit Kurzfilmen überdenken, beruht vor allem auf einer größeren Aufmerksamkeit gegenüber den Entwicklungen im Kurzfilmsektor, der im übrigen seine Interessen viel selbstbewusster artikuliert als früher. Dabei stehen Spielfilmfestivals angesichts der aktuellen Vielfalt und Bandbreite des Kurzfilms allerdings vor schwierigen Entscheidungen und Problemen, die für sie nicht leicht zu lösen sind.
Insbesondere das weltweit enorm angewachsene Produktionsvolumen ist eine Hürde für jedes Festival, das den Kurzfilm ernst nehmen will und auf eine qualitativ anspruchsvolle Auswahl Wert legt. Die personellen und finanziellen Ressourcen, die eingesetzt werden müssen, sind erheblich. Es wird gerne übersehen, dass selbst große Filmfestivals im Spielfilmsektor meist weniger Filme zu betreuen und damit weniger Vorgänge zu bewältigen haben als jedes mittelgroße Kurzfilmfestival. Allein der Aufwand für Sichtungen und Verwaltung der Einreichungen sprengt den üblichen Rahmen auch eines gut ausgestatteten Spielfilmfestivals. Wenn keine zusätzlichen Mittel und Ressourcen eingesetzt werden sollen oder können, bleibt letztlich nur die Spezialisierung und Profilierung in einem Teilbereich der Kurzfilmproduktion.
Den meisten Festivals steht eine Anpassung an das Wachstum im Kurzfilmsektor und an die neuen Entwicklungen an der Schnittstelle zur Kunst erst noch bevor. Auf jeden Fall ist die Festivallandschaft bereits in eine produktive Bewegung geraten.
Reinhard W. Wolf