In einer kleinen, verwinkelten Straße auf Kungsholmen in Stockholm gibt es eine eingeschossige Häuserzeile mit Ladenlokalen, in denen neben einer Galerie und einem Designstudio die Organisation Filmform ihren Sitz hat. Hinter der Schaufensterfront, die an amerikanische Filmen der 40er Jahre erinnert, befindet sich ein Raum, der als Treffpunkt und Büro der ältesten noch bestehenden Institution für den experimentellen Film in Schweden dient.
Doch wer, in Kenntnis der Namen und Legenden, die sich um diese Organisation ranken, eine altehrwürdige, vielleicht verschlafene Organisation erwartet, sieht sich angenehm enttäuscht: Filmform arbeitet heute - wie vor 50 Jahren - auf der Höhe der Zeit. Denn, Filmform ist eine quicklebendige Agentur für den zeitgenössischen Experimentalfilm und Videokunst, die nicht nur ihr wertvolles Archiv pflegt, sondern eine große Rolle bei der Verbreitung zeitgenössischer Medienkunst spielt.
Blick zurück
Filmform wurde 1950 unter dem Namen Svensk Experimentfilmstudio (SEFS) gegründet. Ziel des SEFS war die Unterstützung des Experimentalfilms, der - anders als etwa zur gleichen Zeit im benachbarten Dänemark - in Schweden keinerlei öffentliche Förderung oder Beachtung fand. Die Zusammensetzung der Gründergruppe und ihr Freundeskreis zeichnete sich bereits damals durch ein Merkmal aus, das sich bis heute erhalten hat: zur Gruppe gehörten neben Filmemachern, insbesondere auch Künstler und Autoren aus allen Kunstsparten. Auch die Filmemacher unter ihnen - wie Öyvind Fahlstrøm, Carl Gyllenberg, Hans Nordenstrøm, Arne Lindgren u.a. - hatten meist andere, oft nichtkünstlerische Berufe oder verstanden Filmemachen als nur eine künstlerische Praxis unter vielen. Dies gilt auch für das prominente deutsche Mitglied der Gruppe. Peter Weiss, der 1952 Mitglied wurde und im Kontext der SEFS beziehungsweise der Arbetsgruppen für film (AFF), wie sich die Organisation ab 1954 nannte, seine Kurzfilme "Studie I - V" drehte. Neben bekannten Künstlern wie Carl Fredrik Reuterswärd sowie Schriftstellern oder Dichtern wie Rut Hillarp, gehörten aber auch Kritiker und Kuratoren zur Gruppe.
Der bekannteste Kurator und diesbezüglich die wohl wichtigste Persönlichkeit war Pontus Hultén. Als erster Direktor des Moderna Museet in Stockholm (1958-1972) baute er das Museum für zeitgenössische Kunst auf und es war sein Verdienst, dass dort von Anfang an der Film beziehungsweise das Bewegtbild fester Bestandteil des Museums wurde. Dies zeigt sich schon in der Eröffnungsausstellung des neuen Museums, zu der eine Retrospektive des Werks von Viking Eggeling gehörte. Wenige Jahre später wurde in Kooperation mit dem Vorläufer von Filmform erstmals Filme von Warhol, Mekas, Brakhage u.a. in Schweden gezeigt ("The New American Cinema", 1963). Das Moderna Museet (MM) schloss damit eine Lücke in Schweden: die Vermittlung des Experimentalfilms in Schweden. Oft in Zusammenarbeit mit Filmform werden seitdem im museumseigenen Kino internationale Experimentalfilme und Videokunst gezeigt. Die Sammlung des MM ist deshalb, neben dem Archiv von Filmform, das bedeutendste Archiv für Film- und Medienkunst in Schweden.
Die wohl umfangreichste Retrospektive, die aus der Zusammenarbeit von Moderna Museet und Filmform hervor ging, war 1980 die Ausstellung "The Pleasure Dome - Amerikansk Experimentfilm 1939 - 1979". Diese Retrospektive wurde in Kooperation mit Jonas Mekas und dem Anthology Archive New York von Claes Søderquist betreut, dem langjährigen und 'dienstältesten' aktiven Mitglied von Filmform.
Filmform heute
Die in den 50er Jahre begründete Zusammenarbeit mit Museen, Galerien und anderen Kulturinstitutionen setzt sich wie ein roter Faden in der Geschichte von Filmform fort. Die Zusammensetzung des derzeitigen Vorstands von Filmform ist dafür ein beredtes, äußeres Zeichen. Neben dem Vorsitzenden Claes Søderquist (Filmemacher, Dozent, Kurator) gehören dem Vorstand an: Richard Julin (Kurator des Magasin 3, Stockholm Konsthall), ?sa Lipka Falck (Künstlerin), Bo Madestrand (Kunstkritiker), Monica Nieckels (Vorsitzender des Schwedischen Künstlerverbands und u.a. ehemals Kuratorin am Moderna Museet), Henrik Orrje (Filmwissenschaftler), Gunnel Pettersson (Künstlerin, Prefekt Konstfack - Hochschule für Kunst und Design) und, last not least, Rita Stetter (Goethe Institut Stockholm).
Nach einer ruhigen Zwischenzeit, in der die Organisation kaum noch an die Öffentlichkeit trat, spielt Filmform heute wieder eine wichtige Rolle im schwedischen Kulturleben und arbeitet eng mit anderen Institutionen zusammen. Eher unauffällig und im Hintergrund bleibend ist Filmform aber immer dabei, wenn Experimentalfilme oder Kunstvideos aus Schweden oder internationale Programme in Schweden gezeigt werden. Da Filmform als sehr kleine Organisation nicht über entsprechende Ressourcen verfügt, finden Veranstaltungen, Retrospektiven, Ausstellungen oder Symposien immer in Kooperation mit anderen Institutionen statt (zu den wichtigsten Partnern in Stockholm gehören neben dem bereits genannten Moderna Museet, das Festival Fylkingen, das Magasin 3 - Stockholm Konsthall, das Medienlabor Creative Room for Art and Computing CRAC, IASPIS sowie Kunsthochschulen und Galerien).
Dennoch verfügt Filmform mit seinem Büro auf Kungsholmen über eine wichtige Schnittstelle zur Film- und Kunstszene. Mit nur zwei Mitarbeiterinnen - Anna-Karin Larsson (Produzentin, Performancekünstlerin) und Marianne Zamecznik (Kuratorin, Galeristin) - kümmert sich dieses Büro um das Archiv, den Verleih und neuerdings auch um die Produktion von Filmen und Videokunst.
Archiv
Das Archiv besteht aus einer neuen und einer alten Sammlung. Zum alten Bestand gehören Filme aus der Zeit von 1924 bis 1988. Darunter viele Perlen des schwedischen Experimentalfilms (meist Unikate), Klassiker wie Eggelings "Diagonal-Symphonie" oder Filme des Filmpioniers G�sta Werner, aber natürlich auch das filmische Werk von Peter Weiss. Zum Archiv gehören außerdem Dokumente zur Experimentalfilmgeschichte, die zum großen Teil noch nicht aufgearbeitet und veröffentlicht ist. Die stetig wachsende neue Sammlung besteht aus Arbeiten zeitgenössischer schwedischer Künstler. Da Filmform von Anfang an gegenüber anderen Medienträgern und Kunstsparten offen war, sind dies nicht nur Filme, sondern vor allem Videos und Arbeiten auf digitalen Trägern wie DV und DVD - nicht zuletzt aber auch Multi-Channel-Arbeiten und Installationen.
Die Bestände des Archivs werden derzeit in einer Datenbank erfasst, die demnächst auch online zugänglich sein wird ...
Distribution/Beratung
Während das Archiv nur als Referenz- und Präsenzarchiv zugänglich ist, verfügt Filmform über mehr als 100 Titel im Verleih. Die wichtigsten "Kunden" sind Galerien, Museen, Universitäten und Filmfestivals im In- und Ausland. Alle Titel sind auf VHS-Kassette erhältlich, können aber auch auf anderen Formaten zur Verfügung gestellt werden. Zum Programm gehören insbesondere Arbeiten von zeitgenössischen Künstlern. Im Rahmen seiner Verleih- und Programmaktivitäten konnte Filmform allein in den letzten drei Jahren mehr als einhundert schwedische Filmemacher im In- und Ausland vorstellen.
Das Büro von Filmform steht im übrigen Jedermann offen, um sich vor Ort beraten zu lassen. Filmform hilft mit Informationen oder mit konkreten Programmvorschlägen.
Produktion/Förderung
Seit 1995 vergibt Filmform jährlich den einzigen Förderpreis für schwedische Künstler, die mit Bewegtbild arbeitet. Die Preisträger waren in der Vergangenheit Antonie Frank, Gunvor Nelson, Olle Hedman, Magnus Wallin, Ann-Sofi Sidén und Petra Lindholm.
Eine neues Projekt - die erste Auftragsproduktion von Kurzfilmen - mit dem Titel "Sex v?gade livet (The Magnificent Six)" wurde gerade abgeschlossen. Neben der Veröffentlichung auf der gleichnamigen DVD (siehe auch >Nachrichten) werden die sechs von Filmform produzierten Kurzfilme auch auf der Kinoleinwand gezeigt - dank eine Kooperation mit Folkets Bio (eine Dachorganisation für Kinos, die den Kommunalen Kinos in Deutschland vergleichbar sind).
Im Jahr 2003 hat Filmform außerdem eine Veranstaltungsreihe eingerichtet, die unter dem Titel "Nybakat" (dt. frisch gebacken) regelmäßig neue Videoarbeiten junger Künstler vorstellt (Nybakat 3 bis Mitte Januar 2004: "Black Beauty" von Camilla Bergqvist).
Aus dem Schatten getreten ...
"Nach mehr als 50 Jahren Erfahrung", so hieß es in einer Schrift zum Jubiläum, "ist es höchste Zeit für Filmform aufzustehen und aufrecht aus dem Schatten zu treten". Dies ist in den letzten drei Jahren seit dem Jubiläum im Jahr 2000 mit bemerkenswertem Erfolg gelungen. Zum Geheimnis des Erfolgs gehört sicherlich, dass es Filmform gelungen ist "jung" zu bleiben und spontan auf Neues zu reagieren ohne die "alten" Erfahrungen abzulehnen. Denn gerade letztere erweisen sich im Wettbewerb mit dem, was kurzfristig Hip und Hype ist, als wertvollster Vorteil und uneinholbarer Vorsprung.
Auftrieb für Filmform gab dabei, so Bo Madestrand, der Wandel in der Filmszene und das neue Interesse am Bewegtbild in der Kunstszene: "Dies ist eine aufregende Zeit für Film als Kunst und für Filmkunst; und niemand ist besser darauf vorbereitet diese künstlerischen Errungenschaften zu verbreiten, auszustellen und zu beurteilen als Filmform".
Reinhard W. Wolf