Der Kurzfilm ist per Definition ein brodelndes, innovatives, turbulentes Genre. Das Aufkommen neuer Technologien, die vielen angehenden Filmemachern zur Verfügung stehen, hat das Genre noch komplexer gemacht. Es ist schwierig, den Überblick zu behalten und klare Tendenzen für das Jahr 2004 auszumachen. Es ist dennoch möglich, einige interessante Schlüsse zu ziehen, wenn man die Gewinner der großen europäischen Filmfestivals etwas genauer betrachtet.
Der über den europäischen Kurzfilm vorherrschende Diskurs beschränkt sich meist auf einige, allgemein gehaltene Rundumschläge: Der Norden – mit Deutschland an der Spitze – neige, so sagt man, eher zum Nicht-Narrativen, zur formalen Analyse und zum Experimentellen. Der konservativere Süden hingegen – womit meist Frankreich gemeint ist – verteidige mit Zähnen und Klauen die klassische Narration. Der Norden sei etwas offener für verschiedene Formate – Video etwa, oder die digitale Produktion –, wohingegen der Süden gerne bei der guten, alten Filmrolle bleibe. Diese Feststellungen verdienen aber eine genauere Differenzierung.
Was die Tendenzen der Erzählweise betrifft – sei es die klassische oder die eher etwas weniger konventionelle –, so könnte man davon ausgehen, das diese nicht nur das Streben der Filmemacher widerspiegeln, sondern ebenso den Geschmack der Programmverantwortlichen und der Festivals: In Deutschland sind die Auswahlkommissionen im Allgemeinen sehr offen für Filmemacher, die aus dem Milieu der Bildenden Künste kommen, wohingegen die Programmverantwortlichen in Frankreich oft hart gesottene Filmliebhaber sind, die im Kurzfilm nur die Vorform des klassischen Langspielfilms sehen.
Was die Auswahl der Produktions- und Ausstrahlungs- oder Vorführformate betrifft, so hängt dies eher mit der finanziellen Unterstützung der jeweiligen europäischen Länder zusammen, beziehungsweise mit der Ausstattung, die für das Abspiel zur Verfügung gestellt wird. Die technische Ausstattung für die Vorführung ist von Land zu Land sehr verschieden. Während ein Festival wie Oberhausen seit über zehn Jahren alle Formate – sogar Video – vorführt, so hat sich Clermont-Ferrand erst seit drei Jahren dem digitalen und dem Videofilm geöffnet. In einigen Ländern oder Regionen ist die finanzielle Unterstützung abhängig von Produktions- und Vorführformaten.
Die Höhe dieser Unterstützung unterscheidet sich sehr stark in den verschiedenen Ländern. In den Ländern, die sich diverser finanzieller Unterstützung erfreuen können, geht es dem Film gut – in weniger gut gestellten Ländern müssen die oft eingeschränkten Filmemacher mit bescheideneren Mitteln auskommen.
"Meine Eltern", "7:35 de la ma?ana" und "WASP", die drei meist prämierten Kurzfilme des letzten Jahres, sind eher klassische Fiktionen, die Traditionen ihres jeweiligen nationalen Filmes eher fortführen als sie in Frage zu stellen. Zu diesen drei Filmen könnte man noch zwei aus dem Vorjahr hinzufügen, die seitdem weiterhin erfolgreich sind: "L’homme sans t?te" von Juan Solanas (Frankreich) und "(A)torzija" von Stefan Arsenijevic (Slowenien) sind auch zwei Filme, die sich eher durch ihre technische Realisation als durch die Originalität ihrer Erzählweise auszeichnen.
"Meine Eltern", "7:35 de la ma?ana" und "WASP", haben zahlreiche Publikumspreise gewonnen, was deutlich macht, dass sie dem Geschmack des Festivalpublikums entsprechen – ein Publikum, das eigentlich dafür bekannt ist, in seiner Auswahl etwas origineller zu sein, als der durchschnittliche Kinogänger.
Zwischen dem transnationalen Publikum – sogar dem cinephilen und dem Fachpublikum (Presse, Unterrichtende und Programmverantwortliche) – scheint es einen nur schwer zu überwindenden Graben zu geben. Es ist tatsächlich sehr wichtig festzuhalten, dass die drei oben genannten Filme nicht nur in ihren Heimatländern sondern auch international Anerkennung bekommen haben. Im Gegensatz dazu gibt es nationale Sieger wie "Cousines" von Ly?ce Salem, die auf allen großen französischen Festivals prämiert wurden, die aber nie über die nationalen Grenzen hinauskamen. "Cousines" gewann Preise von Clermont-Ferrand im Januar bis Aix en Provence im Dezember – sogar im frankophonen belgischen Namur –, erhielt jedoch keine nennenswerte Anerkennung in anderen Ländern.
Das Gleiche gilt für die deutschen Filme (mit Ausnahme des Klassikers "Meine Eltern", der im Übrigen in Deutschland nur in Osnabrück und in Hamburg vom Publikum belohnt wurde): keiner der Filme, die mehrfach bei deutschen Ereignissen ausgezeichnet wurden, stießen im Ausland auf vergleichbares Interesse.
Auch wenn formal innovative Filme immer öfter Platz im Programm von Festivals haben, so finden sie doch keine wirkliche Anerkennung außerhalb ihrer Ländergrenzen.
Der bezaubernde französische Film "Obras" von Hendrik Dussolier, der erstaunlicherweise auf den nationalen Festivals übergangen wurde, ist am weitesten gereist. Dicht darauf folgt die eher klassische Fiktion des Belgiers Nicolas Provost "Exoticore". Auch dieser Film, der erst spät im Jahr in die Festivals kam, wurde in seinem eigenen Land vergessen. Nicolas Provost wurde von Clermont-Ferrand entdeckt, das zwei seiner früheren Filme zeigte – eine scharfsichtige Entdeckung für ein Festival, das manchmal als eher konservativ in seiner Auswahl beschrieben wird.
Die Animation ist ein wichtiger Bereich des Kurzfilms. Auch hier kann man erstaunliche Entdeckungen machen, wenn man die Festivalgewinner etwas näher betrachtet. Das Aufkommen digitaler Produktionstechniken förderte eine neue Generation von Animationsfilmemachern zutage - Anhänger von Grafikprogrammen und Computeranimation.
Nichtsdestotrotz sind die großen Sieger des letzten Jahres eher von der alten Schule: Etwa der Norweger Pjotr Sapegin ("Through My Thick Glasses"), das belgische Duett Patar und Aubier ("Les Panique"), der Deutsche Gil Alkabetz ("Morir de Amor - Dying of Love") oder der Schweizer Georges Schwizgebel ("L’Homme sans ombre"). Andere anerkannte Filmemacher hingegen wie der Russe Konstantin Bronzit ("The God") oder der Brite Mark Craste ("Jojo in The Stars") bedienen sich jedoch neuer Techniken, insbesondere der digitalen Computeranimation.
Was den Dokumentarfilm betrifft, so haben sich die Kurzfilmfestivals diesem Genre weitestgehend geöffnet. Zahlreiche Dokumentarfilme haben die Jurys in Vila do Conde, Tampere, Huesca oder Drama überzeugt. "Kola" des Weißrussen Victor Asliuk hat zweifelsohne am meisten Beifall erhalten.
Die Lebhaftigkeit des Kurzfilms ist nicht in jedem Land gleich – seine Qualität im Übrigen auch nicht. Frankreich ist der größte europäische Produzent, aber die französischen Filme werden selten im Ausland gezeigt und haben im Laufe des letzten Jahres wenig Preise erhalten. Andere wichtige Produktionsländer dagegen konnten viele Lorbeeren ernten: Deutschland zum Beispiel mit "Meine Eltern" oder Spanien mit "7:35 en la ma?ana". Man muss hierbei noch hinzufügen, dass es neben diesen beiden Filmen nennenswerte Werke rar waren.
Großbritannien dagegen brillierte sowohl in der Fiktion als auch in der Animation mit Filmen, die in allen Winkeln des Kontinents gefeiert wurden: "Wasp", "Jojo in the Stars", aber auch "Love Me or Leave Me Alone" von Duane Hopkins, "Indecision" von Charles Barker, "Little Things" von Daniel Greaves, "Cashback" von Sean Ellis... Was die kleineren Länder betrifft, muss man die hervorragende Leistung von Belgien und Schweden hervorheben. Sehr wenig Resonanz hingegen gibt es aus den zehn neuen Mitgliedsstaaten der EU. Die Kurzfilmproduktion steckt in diesen Ländern sicherlich noch in den Kinderschuhen, aber es ist sehr wahrscheinlich, dass man dort bei näherem Hinsehen einige Schätze entdecken wird.
Wie dem auch sei, es kursieren immerhin etwa 2000 Kurzfilme in Europa, die einem professionellen Standard entsprechen. Es ist daher umso erstaunlicher, dass man auf den verschiedenen Festivals dieses Kontinents immer wieder auf die gleichen Namen stößt.
Das Problem liegt wahrscheinlich zum großen Teil bei den Programmverantwortlichen, die man jedoch schwerlich allein dafür zur Rechenschaft ziehen kann.
Es gibt Festivals, die auf der Suche nach Neuem sind, die sich die Zeit nehmen, tausende von Filmen zu sichten und eine persönliche Auswahl zu treffen. Dies ist sicherlich der Fall in Clermont-Ferrand, Vila do Conde, Oberhausen und Tampere.
Für die unzähligen anderen Festivals ist die Situation nicht so einfach. Sie haben wenig Mittel um zu reisen und wenig Zeit, um auf die Suche nach innovativen, weniger bekannten Filmen zu gehen; ihr Programm ist demnach oft eine Widerspiegelung dessen, was auf den großen Festivals gelaufen ist und was ihnen gefallen hat.
Man könnte auch befürchten, dass es sich bei manchen Festivalleitern um einen unbeugsamen Konformismus handelt: Man wählt beinahe kritiklos nur deshalb einen Film aus, weil die Fachpresse ihn gelobt hat oder weil er bei einem großen Festival gelaufen ist. Es ist nicht zu leugnen, dass eine Teilnahme am Wettbewerb in Berlin oder Cannes viele andere Türen öffnet.
Man muss betonen, dass Kurzfilmproduzenten nicht darin geschult sind, ihre Filme auf den Markt zu bringen. Die großen Unternehmen kennen sich in der Festivallandschaft aus, sie wissen, welche Veranstaltungen zu den Filmen passen, die sie produziert haben; sie kennen die Festivalleiter und die wiederum sind vertraut mit den Unternehmen und werden eher auf deren Produktionen achten. Der junge Filmemacher oder Produzent hingegen weiß nicht, an welche Tür er klopfen soll und riskiert eher, dass seine VHS oder DVD in der Flut der Filme untergeht, die bei jedem Kurzfilmfestival eingereicht wird.
Der Kurzfilm ist ein Bereich, der in erster Linie von künstlerischen Regeln bestimmt wird. Um dort zu überleben ist es nichtsdestotrotz umso wichtiger, sich mit einigen Regeln des Marketings vertraut zu machen!
Pierre Duculot (Eurofilmfest n°31)
Pierre Duculot (Belgien), Kommunikationswissenschaftler, Filmkritiker und Programm-Mitarbeiter zahlreicher Festivals in Belgien und Frankreich, ist Chefredakteur des Magazin EuroFilmFest, das von der European Coordination of Film Festivals herausgegeben wird.
Auswahlliste europäischer Filme mit ihren Erfolgen auf Festivals in Europa
"7 h 35 DE LA MA?ANA" (Nacho Vigalondo, Spain)
Alcala de Henares: CANAL + Prize
Braunschweig: Leo short film music award
Brussels (Europe and Am.Lat.): Espagne Tout Court award
Cinessonne: Short film grand Prix
Clermont-Ferrand: Young Audience award
Drama: UIP Prize
Dresden: Young audience fiction prize
Grimstad: Grand Prix
Larissa: Special mention
Malmö-Lund: Audience short film Prize
Montecatini: Airone d’argento
Montpellier: Jury mention for a short film
Odense: Special Prize
Ourense: Best short film
Salerno: Best short film
Valencia: Bronze Moon
Vendome: Young Audience Award-European competition
"ALICE ET MOI" (Micha Wald, Belgium)
Brussels Indep: Best short film
Brussels: Jameson Award, Best actor for Vincent Lecuyer
Critics Week: Rail d’Or
Sienna: Grand Prix
"COUSINES" (Lyes Salem, France/Algérie)
Aix-en-Provence: Grand Prix, Prix du public, Prix d’interprétation
Clermont-Ferrand: Prix Attention Talent FNAC
Montpellier: Prix jeune public
Namur: Bayard d'or du meilleur court métrage
Nice: Prix Special du Jury, Prix de la Presse
Pantin: Prix spécial du Jury, Prix de la jeunesse, Prix du public
César du Cinéma français 2005
"EN DEL MITT HJÄRTA / PASSING HEARTS" (Johan Brisinger, Sweden)
Berlin: Audience award, short film panorama
Bludenz: Golden Unicorn, professional film
Brest: Prix Européen du Conseil Régional de Bretagne, Young Jury Prize
Odense: Press Prize
Rome – Archip: Best film
"EXOTICORE" (Nicolas Provost, Belgium)
Uppsala: Special Jury Prize
Vendome: Grand Prix, international competition, best performance: Isaaka Sawadogo
Vila Do Conde: Special mention
"FISICA II" (Daniel Sánchez Arévalo, Spain)
Alcala: Alcala town Prize, Audience award, Best performance
Huesca: Golden Danzante
Sienna: Special mention
Valencia: Best Spanish short film
"FLAT LIFE" (Johan Geirnaert, Belgium)
Aix-en-Provence: Mention
Brussels Anima: Audience Prize, Grand Prix de la SACD
Brussels Indep: Best animated film
Cannes: Prix du Jury, official competition
Leuven: Best Flemish animation
Utrecht: Second Prize, film school films
Vendome: Audience award, Film school prize
"FRAGILE" (Jens Jonsson, Sweden)
Aarhus: Audience award for best fiction short
Odense: Grand Prix
Reykjavik: Special mention
Vila Do Conde: Grand Prix, fiction
"GJENNOM MINE TYKKE BRILLER" (Pjotr Sapegin, Norway)
Annecy: Mention Speciale
Bilbao: Mention for animation
Grimstad: Jameson Award
Tampere: Grand Prix
Utrecht: Anizone Prize
"THE GOD" (Konstantin Bronzit, Russia)
La Bourboule: Professional Jury Prize
Malmö-Lund: Audience animation Award
Roma – Archip. Best computer animation
Siena: Audience award
Trebon: Audience award
"GREEN OAKS" (Ruxandra Zenide, Switzerland-Rumania)
Bludenz: Jury Prize
Brest: Mid-length film Award
Drama: Special mention
Olympia: Best fiction short
"JOJO IN THE STARS" (Marc Craste, United Kingdom)
Bradford: Grand Prix
Bristol: Best British film
Clermont-Ferrand: Best animation
London: BAFTA 2004 short animation
Rome (Castelli Animati) :Best European film, Audience award
"KOLA" (Victor Asliuk, Byelorussia)
Drama: Grand Prix
Huesca: Special Jury Prize
Paris-Réel: Short film award
Tampere: Diploma of Merit, animation
"L’HOMME SANS OMBRE" (Georges Schwizgebel, Switzerland-Canada)
Cannes Critics’ Week: "Regards jeunes" Prize
Geneva: Kodak Prize for best Swiss short film
Namur: Bayard d'or for best musical composition
Utrecht: AnyZone Prize
Valladolid: Special Jury Prize
César du Cinéma 2004
"MEINE ELTERN / MY PARENTS" (Neele Leana Vollmar, Germany)
Brest: junior Jury mention, Fondation GAN Audience award
Brussels: Audience award
Clermont-Ferrand: Audience award, Canal+ Prize, Prix du rire "Fernand-Raynaud"
Creteil: Paris XII Jury Prize, best European short film
Drama: Second Prize
Hamburg: Audience award
Leeds: Audience award
Osnabrück UFF: Audience award
St. Petersburg: Centaur – first film competition
Torino (women’s film festival): Mention
Valencia :Bronze Moon
Winterthur: Audience award
"MORIR DE AMOR" (Gil Alkabetz, Germany)
Cologne: Audience award, international competition
Leipzig: Special mention, Audience award
Rome (Castelli Animati): Special Jury Prize
Utrecht: AnyZone Prize
"OBRAS" (Hendrick Dusollier, France)
Badalona: Prix Spécial du Jury
Berlin Interfilm: Best animation
Brest: Special Jury mentions
Lutin: Lutins du meilleur film
Roma-Archipelago: best digital video short
Scam: Prix de l’?uvre d’art numérique
St. Petersburg: Centaur, first film competition
"WASP" (Andrea Arnold, United Kingdom)
Amiens: Young European authors’ Award
Cork: Grand Prix, Audience award
Cracow: Grand Prix Golden Dragon
Creteil: Paris XII Jury mention (best European short film)
Foyle: Special mention
Gyor: Best short film
Oberhausen: Special Prize, Nord Rhin-Westphalie Ministry for Culture Prize
Regensburg: Bavarian television Grand Prix
St. Petersburg: Best actress Award: Nathalie Press
Turin (Women’s film festival): Second Prize