
Während zurzeit alle Welt von You Tube spricht, wurden in den letzten Wochen und Monaten besonders in Deutschland Angebote geschaffen, die die Präsenz von Kurzfilmen auf ganz andere Weise verbessern wollen. Es sind Angebote für Werke jüngerer Filmemacher, die teils noch am Anfang ihrer professionellen Laufbahn, zumeist aber vor oder mitten in ihrer Ausbildung stecken. shortfilm.de stellt einige der Plattformen vor und untersucht deren Potenziale.
Nachwuchsfilmemacher stehen vor dem Problem, dass jährlich mehr und mehr Kurzfilme entstehen - mittlerweile sind es allein in Deutschland rund 2.000 Filme pro Jahr. Nicht nur an Filmhochschulen, sondern auch im Rahmen vom Deutsch- und Kunstunterricht an Schulen, in AGs, Vereinen oder nicht-kommerziellen Gruppierungen erproben zahllose junge Menschen die Möglichkeiten des filmischen Erzählens. Die Aufmerksamkeit nicht nur des Mainstream-Publikums, sondern auch der Fans von Filmkunst und der Festivalbesucher ist allerdings begrenzt. Gerade Werke, die den Sehgewohnheiten (noch) nicht entsprechen, technische und ästhetische Standards nicht erfüllen, haben kaum eine Chance, eine Öffentlichkeit, die über die Macher und ihre Freunde hinausgeht, zu finden. Um dem Nachwuchs ein Forum zu geben, um die eigenen Werke dem öffentlichen Diskurs auszusetzen, widmen sich allein in Deutschland rund 70 Festivals dieser Art von Filmen. Längst sind die Events nicht nur auf regionaler Ebene angesiedelt, wo es eine Vielzahl an Jugendmedienfestivals gibt. Ähnlich den "Jugend musiziert" - Wettbewerben existieren mittlerweile auch überregionale Ausscheidungen wie die "JuFinale" in Bayern, in denen Gewinner regionaler Nachwuchswettbewerbe gezeigt werden, oder internationale Festivals, wie das in Hannover alle zwei Jahre stattfindende "up and coming".
Die Vernetzung der Szene über das Internet hat dank öffentlicher Projektförderung oder privater Initiativen in den letzten Monaten erheblich zugelegt: In Deutschland ist es besonders der in Frankfurt ansässige Bundesverband Jugend und Film (BJF), der als eine Dachorganisation sich sehr für die Vernetzung der Szene eingesetzt hat und über diverse Internet-Angebote und Publikationen die "Junge Filmszene" (so auch der Name eines der Internetangebote) zusammenbringt und mit unterschiedlichen Dienstleistungen den Zugang zur Öffentlichkeit verbessert. Die Internetangebote bieten unter anderem Informationen zu Einreichmodalitäten internationaler Festivals (z.B. über you-film.net), Workshops, Filmtechnik oder Kontakte zu Projektgruppen in den jeweiligen Regionen.
Aufsehen erregend ist das vom BJF ins Leben gerufene Portal "filmfestivals for you". "filmfestivals4u " ist ein Festival-Einreichportal exklusiv für Nachwuchsfilmemacher. Einmal angemeldet, können die jungen Regisseure ihren Film bei mehreren Festivals zugleich einreichen und sparen sich das nach eigenen Angaben "lästige Ausfüllen von unterschiedlichen Ausschreibungen". Im Gegensatz zu den bereits existierenden Angeboten von "reelport" und "withoutabox" sind die beteiligten Festivals vorwiegend solche, die sich an junge Filmemacher wenden, die noch nicht gewerblich Filme produzieren. Zwar besteht nicht die Möglichkeit des Uploads von Filmen, die Kopie muss weiterhin direkt an das Festival gesandt werden, das heißt die Datenbank erleichtert in vergleichsweise geringem Umfang das Prozedere der Festivaleinreichung. Dennoch bietet sich hier ein beispielhafter Leitfaden für Festivaleinreichungen und erspart dem Nachwuchsfilmemacher zahlreiche "überflüssige" Festivaleinreichungen beispielsweise bei Festivals, die Wert auf professionelle Standards legen und mit hoher Wahrscheinlichkeit Werke von Anfängern ablehnen.
Für Festivals ist die Einreichplattform eine äußerst kostengünstige Variante, bereits aufbereitete Daten zu erhalten - schließlich erübrigen sich dank "filmfestivals4u" eine Vielzahl an Arbeitsstunden, die Festivalmitarbeiter für das Einpflegen der Einreichformulare in die Festivaldatenbank benötigen würden. Zudem bietet der BJF das entsprechende Programm gleich mit an, hier spart sich das beteiligte Festival die Entwicklung eines eigenen Systems zur elektronischen Datenverarbeitung. Das mit öffentlichen Mitteln finanzierte Angebot könnte damit erheblich zu einer Professionalisierung der meist an Geldnöten leidenden Jugendfilm- und -festivalszene beitragen.
Eine neue Transparenz verspricht ein anderes Internetangebot aus Hamburg: Mit Hilfe einer Projektförderung der Stiftung Deutsche Jugendmarke entwickelte der in der Hansestadt ansässige Junge Arbeitskreis Film und Video e.V. im Sommer 2006 "talent-film.net". Kern des Angebots ist eine Datenbank, die sich auf Filme von jungen Filmemachern beschränkt und sich in ihren Angaben wiederum auf zehn weitere Datenbanken deutscher Jugendfilmfestivals stützen kann. Die Angaben umfassen mindestens die Basisangaben wie Filmtitel, Regie und Jahr, der Großteil des Datenbestandes, besonders der der Preisträger, wurde jedoch aufwendig ergänzt und liefert neben Filmausschnitten Standbilder, Hintergrundinformationen und Statements des Regisseurs als auch komplette Stablisten.
Auf diese Weise bietet "talent-film.net" verschiedene Zugangsebenen zu den Filmen, die im deutschsprachigen Raum weitgehend neu sind. Neben der Standard-Recherche nach Namen der Mitwirkenden, Filmtitel und Entstehungsjahr, kann auch nach Genres, Themen und pädagogischen Kategorien recherchiert werden. Gerade letztere Suchfunktion erschließt einen für den Kurzfilm weitgehend neuartigen Zugang: Die Datenbank bietet Pädagogen, die in Schulen oder freien Jugendeinrichtungen arbeiten, Informationen zu Filmen, die von Jugendlichen erstellt wurden und Themen behandeln, die für die Bildungsarbeit mit Jugendlichen relevant sind, beispielsweise Filme zum Thema Liebe, Umwelt oder Gewalt. Die Redaktion von "talent-film.net" ging in ihrem Anspruch sogar so weit, Filme nach Fächern, Unterrichtsfächern und medienpädagogischen Kategorien zu unterscheiden, und damit filmische Resultate bestimmten pädagogischen Ansätzen zuzuordnen. Damit erweist sich das Portal vorbildlich bei der Implementierung von Kurzfilmen in den Kontext der Filmpädagogik. Bei einer kontinuierlichen Pflege der Datenbank könnte die Datenbank eines Tages ein wichtiger Baustein für die die Geschichte der Medienpädagogik werden, schließlich lassen sich hier wie an kaum einem anderen Ort jugendkulturelle Veränderungen oder Paradigmenwechsel ablesen.
Aus Sicht des Nutzers leidet die Attraktivität von "talent-film.net" erheblich an dem Fehlen kompletter Filme. Hier zeigt sich ein grundlegendes Problem eines weiteren Ausbaus insbesondere der Download-Angebote [1]: Die Ausschnitte aus den Filmen, die in Briefmarkengröße verfügbar gestellt werden, sind kein adäquater Ersatz zu einer vollständigen Sichtung. Um über den kompletten Film zu verfügen, müssen sich interessierte Nutzer direkt an den Filmemacher wenden, was zeit- als auch kostenaufwendig ist. Die Zukunft von Angeboten wie "talent-film.net" dürfte wohl davon abhängig sein, ob es gelingt, die interessierten Nutzer auch mit einem Download von Filmen "bedienen" zu können. Die in dem Projekt angelegte Idee, den Einsatz von Kurzfilmen Lehrern schmackhaft zu machen, könnte allerdings auch am Geld scheitern: Unklar ist nämlich die Weiterfinanzierung des Projekts über den Zeitraum der Projektförderung hinweg. So besteht die Gefahr, dass die aufwändig erstellte Datenbank eines Tages ohne weitere Aktualisierung von Monat zu Monat an Attraktivität verliert.
Abgesehen von den rechtlichen und finanziellen Problemen scheint auch das Interesse von Filmemachern, ihre Filme kostenfrei auf Portalen verfügbar zu machen, relativ gering. Auf der Website "media-monkeys.net", die sich ebenfalls dem Nachwuchs unter den Filmemachern verschrieben hat, sind bislang lediglich 14 Werke verfügbar. Das privat finanzierte Portal scheint von seinem Anspruch, eine Plattform für junge Filmemacher zu sein, noch weit entfernt. Die schwache Resonanz auf ein Film-Upload-Angebot wie "media-monkeys.net" zeigt, dass vor allem dann kein Interesse an einem Upload auf Portale besteht, wenn das Umfeld der Präsentation kaum dem Einfluss des Filmemachers unterliegt. Vielen Filmemachern ist - abgesehen von der bescheidenen Qualität des Streams - der Nutzen einer Präsentation im Internet, insbesondere auf relativ wenig genutzten Portalen, unklar.
Auch wenn das perfekte Angebot offenbar noch aussteht, tragen diese Angebote dazu bei, die Strukturen der jungen Filmemacher zu professionalisieren, die Szene besser zu vernetzen und nach außen hin deren Transparenz zu erhöhen. So schafft ein Portal wie "talent-film.net" hervorragende Möglichkeiten, den Nachwuchs angemessen zu präsentieren und auch die Pädagogik auf das ungeheure Potenzial hinzuweisen.
Sinnvoll wäre allerdings eine stärkere Vernetzung mit anderen Datenbanken wie "filmportal.de" (deutscher Film), "firststeps.de" (Initiative zur Förderung von Hochschulabsolventen) oder dem Kurzfilmkatalog der AG Kurzfilm. Im Sinne des viel beschworenen Web 2.0 wünschenswerter wäre aber, wenn die Szene dazu überginge, sich selbst zu vernetzen. Wie das geschehen kann, zeigt die kommerzielle Website von "crew-united.de": Dort stellen Filmemacher ihre Projekte selbst ins Internet, meist sogar schon während der Produktionsvorbereitungen, um den Drehstab zu vervollständigen. Hier ist in den letzten Jahren eine beeindruckende Datenbank entstanden, die nicht nur die Aktivitäten der Regisseure und Produzenten, sondern auch Kameramänner, Cutter und Set-Designer spiegelt. Es bleibt zu hoffen, dass eines Tages die Eigeninitiative der jungen Filmszene zentral gesteuerte wie die oben skizzierten überflüssig machen. Und, dass endlich nicht nur Daten und Fakten zu Filmen, sondern auch die Filme selbst in einer annehmbaren Qualität zu sehen sind!
Autor: Michael Jahn
Links:
talent-film.net - Der Ganze Junge Film
Junge Filmszene im BJF
you-film.net - Contacts for Young Filmmakers all around Europe
Media Monkeys - Die Plattform für junge Filmemacher ´
reelport - digital film distribution
withoutabox - The Network for Independents
up and coming- Internationales Film Festival Hannover
Bayerisches Kinder- und Jugendfilmfestival JuFinale und KiFinale
First Steps - Der Deutsche Nachwuchspreis
crew united - Das Netzwerk der Film- und Fernsehbranche
[1] Es ist kein Geheimnis, dass ein Großteil der Erstlingswerke mit dem strengen deutschen Urheberrecht kollidiert. Häufig liegen die Kosten für das Klären der Rechte weit über den Gesamtproduktionskosten eines Films. Auch wenn die Filmemacher meist aus Unkenntnis und viele Festivals aufgrund der überschaubaren Öffentlichkeit und der relativ geringen Wahrscheinlichkeit einer Ahndung des Vergehens darauf verzichten, hat für zahlreiche Anbieter von Websites, so auch "talent-film.net", die Rechteklärung Priorität, sie wagen sich daher nicht an die Präsentation urheberrechtlich möglicherweise illegaler Inhalte.