Man stelle sich den Tag vor, an dem man sich in sein Email-Account einloggt und 50 neue Nachrichten vorfindet, von denen keine eine Junkmail ist. Man erfährt, dass sein Kurzfilm in der vergangenen Nacht von über 100.000 Leuten im Internet gesehen wurde und reagiert, als hätte man einen Oscar gewonnen.
Denn das ist es doch, was wir wollen. Oder? Unmengen von Leuten sollen unsere Filme sehen. Aber was wollen wir sonst noch, und wie gelangen wir an den Punkt, wo unsere Filme tatsächlich von Hunderten, ja Tausenden von Leuten online gesehen werden? Passiert so etwas wirklich, und ist das Internet ein neuer Weg für uns, ein Publikum zu finden?
Der Anfang vom Ende vom Anfang
Eine Errungenschaft dieser sich ständig wandelnden Welt modernster Technologie ist das Internet. Was mir 1997, als wir gerade vom Commodore 64 aufrüsteten, als Ort beschrieben wurde, an dem Perverse sich Pornografie ansehen können, erfüllt mittlerweile eine etwas andere Funktion. Es hat sich offenbar zu einer Informationsquelle entwickelt, die nicht immer zuverlässig ist, zu einem Werbemedium, das nicht immer glaubhaft ist, und zu einer Art von Entertainment, die nicht immer unterhaltsam ist.
Der erste Schwung von Dotcoms tauchte 1996 auf. Zu diesem Zeitpunkt war ich noch blind für derartige Entwicklungen, denn die Existenz des Internets und seine Rolle in der Kurzfilmindustrie wurden mir erst bewusst, als ich im vergangenen Jahr an einer Recherche für die Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen arbeitete. Begeistert entdeckte ich eine Reihe von Websites, auf denen man sich Kurzfilme ansehen kann. Während meiner Recherche hatte ich eine Liste mit Websites zusammengestellt, die zwischen 1996 und 2003 aufgetaucht waren. Als ich diese Liste erneut durchging, musste ich feststellen, dass viele Sites offenbar deaktiviert waren. Entweder war kein Zugriff auf den Server möglich, oder es gab keine Website mehr unter diesem Namen.
Und so schrumpfte die mehrseitige Liste schließlich auf eine halbe Seite zusammen, und aus der Begeisterung wurde Enttäuschung.
Es scheint, als habe die zwischen 1998 und 2000 explosionsartige gestiegene Anzahl von Dotcoms und die Begeisterung für die nächste Entertainment-Generation bei vielen das geschäftliche Urteilsvermögen beeinträchtigt. Eine der größten Sites, auf die das zutraf, war wahrscheinlich Pop.com, eine massiv beworbene Dotcom, die Deals mit Filmemachern abschloss, noch bevor sie einen handfesten Businessplan ausgearbeitet hatte. Aufstieg und Fall von Pop.com wurden in einer fortlaufenden Diskussion auf indieWire (www.indiewire.com) dokumentiert, wo zwei Filmemacher ihren Email-Verkehr in Bezug auf ihre Deals mit dieser Art von Sites veröffentlicht haben; einer von beiden war mit Websites wie Pop.com im Geschäft, der andere mit Atom Films. Das Interessante war, dass letztendlich der Filmemacher, der bei Pop.com unterschrieben hatte, erst durch diesen Emailwechsel erfuhr, dass Pop.com von einer anderen Dotcom aufgekauft worden war, so dass sein Deal wieder in der Luft hing. Auch zu Atom Films gab es eine Debatte. Die damals noch kleine Firma kümmerte sich in erster Linie um den Vertrieb von Kurzfilmen und war noch nicht so gut im Geschäft. Dennoch hat Atom Films überlebt und sich mit den aufkommenden Internet-Entertainment-Portalen in den Bereichen Vertrieb und Online-Screening mittlerweile zu einem der größten Player der Kurzfilmindustrie entwickelt.
Viele Kurzfilm-Dotcoms boten scheinbar die besten Kurzfilme an, die die webfähige Welt unterstützen konnte. Mit Programmen wie RealPlayer und QuickTime wurde es sehr einfach, Kurzfilme im Internet anzusehen. Kurzfilme konnten leicht hoch- und schnell heruntergeladen werden, was für eine Geschäftsidee offenbar einer noch unentdeckten Goldmine gleichkam. Die Entertainment-Industrie konnte mit Riesenschritten wachsen, und die Jagd nach den talentiertesten FilmemacherInnen konnte online stattfinden anstatt auf Filmfestivals. Es liegt auf der Hand, warum diese Sites in dieser Zeit wuchsen; und auch die Begeisterung, mit der sie aufgenommen wurden, schien keine Grenzen zu kennen, bis irgendwann klar wurde, dass der Kurzfilmmarkt Zeit brauchte, um zu wachsen. Doch dann wurde das Geld knapp.
Anscheinend wurde Pop.com von CountingDown übernommen, woraufhin der Kurzfilm auf dieser Website kein Thema mehr war. Auch eine Reihe anderer namhafter Websites gingen vom Netz oder wurden von anderen Dotcoms aufgekauft. Interessanterweise blieben die kleinen, unprofitablen Websites im Netz und wuchsen weiter, so z.B. Bijouflix.com, die im April 1998 als Bijou Café anfingen und sich als kleine unabhängige Website durch den Aufbau eines lokalen KundInnenstamms langsam einen Namen machten. Auch Sputnik7.com zählt zu den Sites, die um 2000 aufkamen und langsam aber sicher größer wurden. Dort findet man Kurzfilme und Musik zum Herunterladen.
Die meisten dieser Websites treffen eine Vorauswahl ähnlich der von Filmfestivals oder Fernsehsendern. Wo also können unabhängige FilmemacherInnen ihre Filme einfach uploaden und auf ein kritisches Feedback hoffen?
Der Anfang vom Geldmachen?
Websites wie Guerrillafilmmakers.com und Netbroadcaster.com wurden für FilmemacherInnen gemacht, damit diese dort ihre Filme hochladen und einem weltweiten Publikum zur Verfügung stellen können. Bei Guerrillafilmmakers.com muss man für den Upload von Filmen nichts bezahlen. Das heißt aber, dass die FilmemacherInnen auch nicht für die Nutzung des Films auf der Site bezahlt werden können. Den Betreibern geht es darum, eine Website zur Verfügung zu stellen, wo FilmemacherInnen ihre Arbeiten zeigen können, aber nicht um der Kunst willen, sondern, um innerhalb der Filmindustrie eine Chance zu bekommen. Es handelt sich um so etwas wie eine Profil-Website, die eine Auswahl von Kurzfilmen zur Verfügung stellt. So soll eine Online-Community geschaffen werden, innerhalb der FilmemacherInnen ihre Arbeiten zeigen und auch ihre Referenzen angeben können.
Neben diesen wenigen BenutzerInnen-freundlichen Websites gibt es auch welche, die einen kleinen Haken haben. Im Allgemeinen muss man dort bezahlen! Klar, muss man fast immer Geld ausgeben, wenn man seinen Film unter die Leute bringen will, fragt sich nur, wo dieses Geld hingeht?
Websites wie Aussieshortfilms.com und Ifilm.com bieten spezielle Pakete an. Jedes Paket beinhaltet eine Mindestabnahmemenge. Vor fünf Jahren hätte das noch nach einer super Gelegenheit geklungen! Bei Aussieshortfilms.com beispielsweise beträgt der Grundpreis für das Hosting 15 australische Dollar pro Minute und Monat, man muss aber mindestens einen Dreimonatsvertrag abschließen. Damit sind bis zu 100 Downloads pro Minute möglich. Ein fünfminütiger Kurzfilm kostet also beispielsweise 5 x 15 = 75 Dollar pro Monat. FilmemacherInnen zahlen also als Einstieg 225 Dollar für 3 Monate! Eine ganz schöne Stange Geld - zumindest für FilmemacherInnen!
Vor ein paar Jahren noch hätte ich gedacht, wenn man schon so viel Geld bezahlt, haben sie sicher einen riesigen Stamm an Leuten, die Filme herunterladen. Falsch gedacht, eine gute Website lässt sich nicht daran festmachen, wie viel Geld man bezahlen muss, um seinen Film hochzuladen. Dasselbe gilt für Filmfestivals, deren Qualität sich auch nicht nach der Höhe der Einreichgebühren beurteilen lässt - aber das ist ein ganz anderes Thema.
Ifilm.com hat ein vergleichbares Angebot. Bei lfilm.com handelt es sich um eine weitgehend erfolgreiche Website, die den Beginn der Liaison zwischen Internet und Kurzfilm bereits miterlebt hat, doch auch hier muss man immer noch bezahlen. Die Einreichung ist kostenlos - wie großzügig! Doch wenn mein Film ausgewählt wird, muss ich ein 'Exhibition Package' erwerben, das günstigste kostet 75 Dollar für 3 Monate. Für weitere 100 Dollar ist der Film innerhalb einer Woche nach Zahlungseingang im Web verfügbar. Das klingt wesentlich günstiger als das vorherige Angebot, doch warum müssen die FilmemacherInnen überhaupt bezahlen, um ihre Arbeiten zu zeigen, wenn diese Site so erfolgreich ist? Sollte das Geld nicht von AbonnentInnen oder SponsorInnen kommen?
Gibt es so viele Kurzfilme, dass ich so weit gehen muss, Leute dafür zu bezahlen, sich meinen Film anschauen? Das ist, als bezahle man als Kind ein anderes Kind dafür, mit einem befreundet zu sein - das funktioniert nie! Der Kurzfilm ist kein Produkt, bei dem langfristige Gewinne absehbar sind. Nun werden einige Leute sicher anführen, dass es durchaus Unternehmen gibt, die mit Kurzfilmen Gewinn gemacht haben. Gewinn machen kann man ja auch, aber nicht auf lange Sicht, nicht die Art von Langzeitgewinn, die man im Hinterkopf hat, wenn man seine Kinder auf die Uni schickt. Was wird also mit dem Markt passieren, wenn er von Unternehmen wie Aussieshortfilms.com überschwemmt wird?
Der einzige Weg, dies zu umgehen, ist, alles in Frage zu stellen! Wenn mein Kurzfilm es beispielsweise auf Festivals geschafft und/oder Preise gewonnen hat, dann sollte ich niemandem irgendetwas dafür zahlen müssen, dass mein Film gezeigt wird, sondern die Leute sollten mich dafür bezahlen! Wenn mein Film es allerdings nicht auf ein Festival geschafft hat und sich kein Verleih dafür interessiert, dann muss ich mir die folgende Frage stellen: Möchte ich wirklich noch mehr Geld ausgeben, um ihn auf eine Website hochzuladen, wo ihn wahrscheinlich nur ein Mensch auf der Welt anschauen wird? Sicher, einer ist besser als keiner, doch sollte man sich ein Fünkchen Selbstrespekt bewahren und sich nie selbst in den Bankrott treiben, das ist es einfach nicht wert. Es gibt kreativere Möglichkeiten, ein Publikum zu finden, und das Internet sollte nie als die letzte angesehen werden. In einigen Fällen ist das Internet eher die erste Gelegenheit für einen Film und/oder einen Filmemacher/eine Filmemacherin, entdeckt zu werden.
Der Anfang von etwas Neuem
The New Venue (www.newvenue.com) ist eine Website, die seit 1998 besteht und speziell für das Streaming von Kurzfilmen konzipiert wurde, die für das Internet sowie mobile und Handheld-Geräte gemacht wurden. Dieses von Jason Wishnow ins Leben gerufene kleine Filmportal hat eine Entwicklung überlebt, die für andere das Aus bedeutete. Auf dieser Website wird weder den FilmemacherInnen noch den ZuschauerInnen etwas in Rechnung gestellt, und es gibt auch keine Werbung. Sie wird allein aus der Tasche des Betreibers Jason finanziert und bietet anderen FilmemacherInnen eine Plattform. Gezeigt wird eine bestimmte Art von Filmen, mit dem Ziel, eine bestimmte Kunstform zu fördern: die digitale Form.
Die Website, die seit über 6 Monaten inaktiv ist, weil der Gründer einen eigenen Film dreht, wird in naher Zukunft ihr Comeback haben, worauf ich mich tierisch freue. Sie hat sich wirklich verdient gemacht und macht Lust auf das, was sich mit dem Internet im Hinterkopf schaffen lässt, anstatt sich darauf zu konzentrieren, was man machen könnte, um es im Internet zu zeigen. Nun, das Internet braucht kreative Köpfe, aber womöglich ist das Internet ja selbst eine Kunstform, die darauf wartet, experimentell erschlossen zu werden. Könnte dies mit Hilfe von digitalen, speziell für das Internet gemachten Filmen gelingen?
Cortoweb.it, Undergroundfilm.com und NetBroadcaster.com bieten auf ihrem Internetportal auch eine Reihe von Extras. So findet man auf Cortoweb.it beispielsweise Hintergrundinformationen und italienische Kurzfilme von italienischen Kurzfilmfestivals. Undergroundfilm.com stellt Foren und Festivalinformationen zur Verfügung. Ihnen geht es im Grunde darum, die kurze Form zu fördern und weiterzuentwickeln und damit auch eine Online-Community von FilmemacherInnen zu schaffen. Verlangen auch diese Sites Geld von den FilmemacherInnen? Nein. Das ist die Art von Unternehmen, die wir brauchen, um diese Kunstform durch das Anfangsstadium hin zu Phase zwei zu bringen. Was ist Phase zwei für das Internet und den Kurzfilm?
Der Anfang dessen, was Phase 2 sein könnte - Internet- und Fernsehübertragung
Eine weitere interessante Entdeckung ist, dass einige Fernsehsender Kurzfilme nicht nur im Fernsehen zeigen, sondern ihre Programmierung auch auf ihre Websites ausdehnen. Ein Beispiel dafür ist das relativ neue 'ZED TV' im kanadischen Fernsehen. 'ZED TV' nutzt das Internet gleichzeitig als Einreichungsmedium: Leute können ihre Filme auf die Website hochladen (www.zed.cbc.ca); ein paar der Filme werden dann fürs Fernsehen und fürs Internet gekauft, andere nur fürs Internet.
Ebenfalls im kanadische Fernsehen gibt es auf ARTV eine Sendung namens 'Silence on Court', die hauptsächlich französischsprachige Sendungen oder Filme ohne Dialog zeigt. Am Tag der Ausstrahlung werden die Kurzfilme dann auch auf der Website verfügbar und können dort ein Jahr lang angesehen werden (www.SilenceOnCourt.tv). Interessant an diesen Fernsehprogrammen ist, dass die ProgrammmacherInnen die Filme nicht nur fürs Fernsehen kaufen, sondern auch fürs Internet. Ist das ein guter Deal? Kommt ganz auf den Standpunkt an. Die FilmemacherInnen, deren Filme, sagen wir mal von ZED, gekauft werden, räumen damit keine Exklusivrechte ein, d.h. der Film kann auch noch von anderen Sendern gekauft und auf anderen Websites gezeigt werden. Aus der Perspektive der Fernsehsender sieht das etwas anders aus. Es gibt ein paar FernseheinkäuferInnen, die sich weigern, einen Film zu kaufen, der schon im Internet gezeigt worden ist. Auch bei einigen Filmfestivals werden Filme, die bereits im Fernsehen zu sehen waren, nicht genommen. Aus irgendeinem Grund scheinen Kurzfilme, die im Fernsehen gelaufen sind, ihren Reiz zu verlieren. Der Grund könnte sein, dass heute so viele Kurzfilme produziert werden, dass alle nur nach den neuesten und innovativsten Ausschau halten. ProgrammmacherInnen sind außerdem gern die ersten, die einen Film entdecken. Warum ist das so? Wenn ZuschauerInnen einen Kurzfilm sehen, der ihnen gefällt, behalten sie die Sendung sofort im Gedächtnis, schauen sie regelmäßig an und erwarten, auch beim nächsten Mal wieder den neuesten, innovativsten und unterhaltsamsten Kurzfilm zu sehen.
Der Anfang eines anderen Wegs
Im Vergleich zu den langwierigen Startschwierigkeiten anderer Beziehungen ist die Beziehung zwischen Internet und Kurzfilm immer noch jung, frisch und voller Turbulenzen. Wir müssen uns nur klar machen, dass wir alle mitbestimmen können, wie diese Beziehung für den Kurzfilm funktionieren kann.
Könnte das dann der Anfang eines anderen Wegs sein, um die kurze Form zu fördern und zu verbreiten? Für einige ist das Internet der andere Weg, aber auch dieser Weg ist lang und turbulent, ebenso wie der durch die Festivals und Fernsehsender. Zumindest gibt es da draußen eine weitere Möglichkeit, eure Kurzfilme zu zeigen: Nun ist es an euch zu entscheiden, ob die existierenden Internet-Entertainment-Portale für euren Film das Richtige sind.
Aber all das spielt sowieso keine Rolle, wenn ihr, wie ich, einen Computer habt, der so alt ist, dass man damit noch nicht einmal eine JPEG herunterladen kann.
Bartholomew Sammut
Kontakt:
PO Box 396
Brunswick, VIC, 3056
Australien
E-Mail: bartholomew
fullyflared.com
Anmerkungen:
Das Bild stammt von der Website New Venue.com.
Die Informationen über Aussieshortfilms.com stammen von deren Website.
Die Informationen über Ifilm stammen von deren Website.